Startseite AuslandEuropa Interview mit Regierungschef Daniel Risch «Wir machen Dinge und sehen, wie sie funktionieren»

Interview mit Regierungschef Daniel Risch «Wir machen Dinge und sehen, wie sie funktionieren»

Gregor Meier und Regierungschef Daniel Risch
Werbung im Landesspiegel

Im Zentrum des Europäischen Forums Alpbach steht der Gedankenaustausch und die Diskussion über die Zukunft Europas. Zu einem Austausch hat Gregor Meier auch Regierungschef Daniel Risch getroffen, der über die Eindrücke gesprochen hat, die er dieses Jahr aus Alpbach mitnimmt.

Daniel Risch: Das Forum Albach ist für uns ein Fixpunkt im Kalender. Es sind immer spannend und inspirierende Gespräche mit unterschiedlichen Leuten. Ich bin der Meinung, das europäische Forum Alpbach ist noch etwas zu wenig bekannt, obwohl es schon seit 1945 besteht. Für mich ist es ein Platz, wo man gewesen sein sollte. Ganz speziell ist, dass hier sehr viel anders gemacht wird als bei anderen Konferenzen. Beispielsweise gefällt es mir sehr gut, dass das Forum junge Menschen sehr stark mit einbindet.

Gregor Meier: Was sind die Höhepunkte dieses Jahr?

Daniel Risch: Die Eröffnung, bei der es um die Zukunft Europas ging, unter dem Motto «Bold Europe» – also ein starkes Europa. Es wurde viel über die Europäische Union gesprochen. Für mich persönlich ist Europa jedoch viel mehr als nur die Europäische Union. Europa besteht aus 47 Ländern, das sollte berücksichtigt werden. Wir gehören alle zusammen und teilen gemeinsame Werte, das ist definitiv von zentraler Bedeutung. Auch Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel und der Konflikt in der Ukraine sind für Liechtenstein wichtig.

Gregor Meier: Gehört dazu auch der EWR? Wenn wir über EU-Erweiterung sprechen, ist das gleichzeitig eine Erweiterung des EWR.

Daniel Risch: Ja, definitiv. Es gibt auch den Europarat, in dem Liechtenstein im November 2023 den Vorsitz übernehmen wird. Hier sind alle europäischen Staaten vertreten, schon seit vielen Jahren. Der Europarat repräsentiert für mich ganz Europa. Es gibt auch neue Formate wie die Europäische Politische Gemeinschaft (EPC), bei der es darum geht, nicht nur die Erweiterung der EU voranzutreiben, sondern Gemeinsamkeiten zu finden und zu pflegen.

Wenn es um die EU-Erweiterung geht, muss man bedenken, dass es auch Länder gibt, die nicht in die EU wollen. Hierzu gehören die EWR-Staaten, die Schweiz und nach dem Brexit das Vereinigte Königreich. Trotzdem handelt es sich um europäische Staaten, und ich bin überzeugt, das ist etwas, das wir als kleines Land beim Forum Alpbach einbringen können: die Idee, dass «Bold Europe» nicht nur eine starke EU, sondern auch einen Europarat einschliesst, der den gesamten Kontinent im Fokus hat.

Gregor Meier: Muss die EU ändern, um attraktiver für andere Länder zu werden?

Daniel Risch: Ich denke, es liegt nicht an uns, der EU Ratschläge zu geben, wie sie sich ändern sollte. Wir betrachten natürlich bestimmte Entwicklungen kritisch, wie die zunehmende Zentralisierung in Brüssel. Ich vertrete die Meinung, dass die Nationalstaaten ihre Unterschiede bewahren und stärken sollten. Für Liechtenstein als EWR-Mitglied ist die Integration in und mit Europa von grosser Bedeutung. Die EU ist sehr attraktiv, sie ist eine sehr gute Lösung für viele Länder. Liechtenstein, gemeinsam mit Norwegen und Island, sieht jedoch keinen Beitritt in die EU sondern mit dem EWR ein geeignetes Format.

Gregor Meier: Als Nicht-EU-Mitglied ist Liechtenstein bei vielen Entscheidungen nicht involviert und kann nicht mitreden. Sind solche Treffen wie hier in Alpbach eine Möglichkeit, hinter den Kulissen mitzuwirken?

Daniel Risch: Natürlich nutzen wir sich bietende Gelegenheiten, um mit den EU-Mitgliedstaaten bilateral zu sprechen, wie zum Beispiel letzte Woche beim Finanzministertreffen in Aschau. Dort haben wir uns mit drei anderen EU-Staaten und der Schweiz getroffen und versucht, unseren Beitrag zu leisten. In Alpbach sind dieses Jahr leider nur wenige EU-Vertreter vor Ort, mit denen wir aktiv diskutieren können. Dennoch nutzen wir alle Möglichkeiten, um unsere Anliegen einzubringen. Es hat sich gezeigt, dass wir in Europa tatsächlich aktiv mitgestalten können, wie etwa beim Thema Blockchain, über das ich in meinem Vortrag gesprochen habe. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir weit entfernt sind, vielleicht von den Entscheidungsprozessen, aber sicher nicht von den Diskussionen und der Meinungsbildung.

Gregor Meier: In Ihrem Vortrag haben Sie über Bitcoin und digitale Zahlungsmöglichkeiten in Liechtenstein gesprochen und betont, wie Liechtenstein davon profitiert. Glauben Sie, dass Liechtenstein in diesem Bereich ein Vorbild für andere Länder sein kann?

Daniel Risch: Die Art und Weise, wie Liechtenstein mit der Thematik der Kryptowährungen umgeht, ist ein gutes Beispiel. Wir haben hier einen experimentellen Ansatz. Wir machen Dinge und sehen, wie sie funktionieren. Dies könnte in grösseren Ländern schwieriger sein. Ich denke, dass wir als Liechtenstein ein Vorreiter sein können und auch daraus lernen und andere Länder von unseren Erfahrungen profitieren.

Gregor Meier: Wann können wir erwarten, dass man in der Verwaltung tatsächlich mit Bitcoin bezahlen kann?

Daniel Risch: Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Wochen die Umstellung vornehmen werden, sodass staatliche Leistungen tatsächlich mit Kryptowährungen bezahlt werden können. Allerdings besteht nicht die Absicht, staatliche Leistungen in Bitcoins auszuzahlen.

Gregor Meier: Nehmen Sie auch persönlich etwas von Ihrem Aufenthalt beim Forum Alpbach mit?

Daniel Risch: Ich komme sehr gerne nach Alpbach und nehme schon seit einigen Jahren am Forum teil. Es sind immer positive und nachhaltige Eindrücke, die ich mitnehme. Dieser Ort bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit für informelle Gespräche. Wiener mögen sagen, es sei weit weg, aber für uns ist es nah. Die Atmosphäre hier ist einfach anders. Im Vergleich zu Davos, wo oft vom «Geist von Davos» die Rede ist, herrscht hier in Alpbach eine ähnliche Atmosphäre. Man trifft Menschen auf der Strasse, beim Wandern oder bei einer Tasse Kaffee.

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