Wessen Wahrheit zählt? Das Verhältnis der Regierung zum kritischen Journalismus
Präsentation von Regierungsrat Emanuel Schädler am Bäärgar Forum am 22.5.2025
Eine freie Presse braucht keine Freunde in der Regierung. Sie braucht nur die Möglichkeit, ohne staatlichen Einfluss zu arbeiten. In Liechtenstein wird genau diese Möglichkeit gerade systematisch verengt – nicht durch Verbote oder Zensur, sondern durch das wirkungsvollste aller Mittel: Geld. Wer Inserate verteilt und Fördergelder spricht, entscheidet mit, welche Medien überleben. Und wer beobachtet, wohin diese Gelder fliessen, erkennt ein Muster. Medien, die hinterfragen, die Dinge anders sehen, kritische Fragen stellen, werden systematisch benachteiligt. Von öffentlichen Inseraten von Regierung, Gemeinden und Landeseigenen Betrieben kategorisch ausgeschlossen.
Gleichzeitig überschüttet man zwei «neue» Medien, deren Geschäftsmodell sich im Wesentlichen darauf beschränkt, Pressemeldungen der Regierung unkommentiert zu veröffentlichen, mit Anschubfinanzierung im sechsstelligen Bereich.
Das Geschäftsmodell: Medienmitteilungen als Journalismus
Was dieses System in der Praxis bedeutet, lässt sich exemplarisch an der Plattform „Der Stammtisch» ablesen. Am 23. Mai 2026 erschien dort ein Beitrag mit dem Titel: „Sie zwei Medienmitteilungen der Landespolizei.»

Kein Tippfehler, kein absichtlicher Stilbruch. Es ist schlicht der Beweis, wie dieser „Journalismus» funktioniert: Eine Medienmitteilung der Polizei wird in ein KI-Tool eingegeben, das Werkzeug generiert einen Text – und bevor der Knopf für „Einfügen» gedrückt wird, landet versehentlich auch die Eingabemaske im Titel. „Sie» – also der Beginn des Prompts „Schreiben Sie» – bleibt als digitaler Fingerabdruck stehen.
Das ist kein Journalismus. Das ist das maschinelle Weiterleiten von Behördentexten, garniert mit dem äusseren Anschein eines Mediums. Und das tragische: Sogar auf diesem Artikel ist eine Werbeanzeige der Regierung platziert. Wie schon bei allen anderen Werbekampagnen der Regierung in den letzten drei Jahren war der Landesspiegel auch von dieser Kampagne ausgeschlossen. Eine Anfrage an das zuständige Amt, wurde dahingehend beantwortet, dass wir die Anzeige schalten können, wenn damit keine Kosten verbunden wären.
Die Logik dahinter: Wahrheit als Hoheitsrecht
Regierungsrat Emanuel Schädler liess beim „Bäärgar Forum» der VU in Triesenberg vergangene Woche keinen Zweifel daran, wie die Regierung Medienberichterstattung grundsätzlich bewertet. Eigentlich ging es um das den aktuellen Stand beim Neubau des Landesspitals. Über vier Minuten nahm sich der Regierungsrat dabei Zeit für eine ausführliche Kritik an der Berichterstattung im «Vaterland». Insbesondere die Schlagzeile «Schrecken ohne Ende, Planungsdebakel beim Landesspital wird fortgeführt.» störte ihn. „Ünsch vo da Regierung wär es natürlich am liebsten, dass man alles gegaprüfa uf regierung.li.» Dort würden die objektiven, offiziellen Medienmitteilungen der Regierung veröffentlicht. Diese seien ehrlich und wahr.
«Ene sind klar, ene sind kurz, ene sind verständlich. Ene sind ehrlich und wahr.
Regierungsrat Emanuel Schädler am 22.5.2026
Die Konsequenz dieses Satzes, auch wenn Schädler sie nicht explizit aussprach, liegt auf der Hand: Was die unabhängigen Medien berichten, ist es offenbar weniger.
Wie er sich die Berichterstattung in einem Leitmedium vorstellt, erklärte er auch: «Was eine Zeitung machen würde, wäre eine Debatte, ein Bericht.» Eine Zeitung würde fragen: «sollen optimieren, sollen wir prüfen, oder Tabula rasa, sollen neu wir beginnen«, so Schädler.
Das ist keine neue Erkenntnis in der Geschichte der Pressefreiheit. Regierungen, die sich für die einzige verlässliche Quelle der Wahrheit halten und freie Medien als Störfaktor betrachten, gibt es überall auf der Welt. Was in Liechtenstein jedoch besonders auffällt, ist die Konsequenz, mit der diese Haltung in konkrete Medienpolitik übersetzt wird. Kritische Medien werden systematisch von Regierungsinseraten ausgeschlossen. Die staatliche Medienförderung fliesst nicht dorthin, wo unbequeme Fragen gestellt werden, sondern dorthin, wo keine gestellt werden.
Wenn Kritik zum Makel wird
Kommen wir nochmal auf die Ausführungen von Regierungsrat Schädler beim Bäärgar Forum zurück. Er unterstellte einerseits, man wolle das Landesspital nicht, also argumentiere man so andererseits seien die Schlagzeilen so, um die Zeitung besser zu verkaufen. Diese Logik ist gefährlich. Wenn jede kritische Schlagzeile als politisch motivierter Angriff gilt und jede positive Einschätzung als objektive Berichterstattung, dann hat man den Begriff Objektivität bis zur Unkenntlichkeit verformt.
Kritik an der Berichterstattung des «Vaterland» ist nicht nur erlaubt, sie ist manchmal auch notwendig und richtig. Genau darum wäre es dringend notwendig, dass es eine starke Alternative gibt. Solide aufgestellt mit echten Journalisten und nicht einer vorbestraften Putzfrau als Chefredakteurin, ein Medium mit fundierten und unabhängigen finanziellen Absicherung, ein Medium, dass sich Qualitätsstandards verschreibt und auch Journalisten ausbildet, ein Medium, dass international vernetzt ist. Aber wer möchte das?
Was auf dem Spiel steht
Medienvielfalt ist kein Selbstzweck. Sie ist das institutionelle Gedächtnis einer Demokratie, der Mechanismus, der Machtmissbrauch sichtbar macht, bevor er sich festigt. Ein kleines Land wie Liechtenstein braucht diese Vielfalt umso dringlicher, weil die sozialen Verflechtungen eng sind, die Kontrollinstitutionen überschaubar und die Versuchung gross, Beziehungen über Prinzipien zu stellen.
Eine Regierung, die über Medienförderung und Inseratenpolitik entscheidet, welche Medien überleben und welche nicht, schlägt diese Grundfunktion mit dem Geldbeutel tot. Sie muss dabei nicht zensieren. Es genügt, wenn loyale Stimmen so lange bevorzugt werden, bis kritische Stimmen aus wirtschaftlichen Gründen verstummen.
Das Resultat ist absehbar: Medienmitteilungen, die unter dem Logo eines vermeintlich journalistischen Mediums erscheinen, 1:1 oder von einer KI umgeschrieben, bezahlt mit Steuergeldern.
Ehrlichkeit, die ehrlich ist
Schädler sagte in Triesenberg, die Regierungsmitteilungen seien „ehrlich und wahr». Das mag in vielen Fällen stimmen. Aber Ehrlichkeit bedeutet auch, zu sagen, was man nicht sagt. Medienmitteilungen sind keine Berichte – sie sind Selbstdarstellungen. Sie verschweigen, was der Behörde unbequem ist, sie betonen, was ihr nützt, und sie formulieren so, dass die eigene Arbeit möglichst vorteilhaft erscheint.
Das ist keine Lüge. Es ist etwas Subtileres: selektive Wahrheit. Und genau dagegen braucht eine Demokratie unabhängige Medien – nicht als Gegner der Regierung, sondern als Korrektiv, das das Bild vervollständigt oder den Lesern einen anderen Blick auf einen Sachverhalt ermöglicht.

