Überraschend positiver Befund am Denkplatz Liechtenstein
Prof. Ralph Ossa beim Denkplatz Liechtenstein | Foto: Gregor Meier
Der frühere Chefökonom der Welthandelsorganisation WTO, Ralph Ossa, hat am Mittwoch an der Veranstaltung Denkplatz eine überraschend positive Bilanz des globalen Handels gezogen – trotz des massiven Zollschocks durch die US-Regierung unter Donald Trump. Mit ihm diskutierten Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Diplomatie, was die Entwicklung konkret für Liechtenstein bedeutet.
Zölle auf dem Niveau der 1930er-Jahre
Ossa, Professor an der Universität Zürich und von 2023 bis 2025 Chefökonom der WTO, machte in seinem Impulsreferat deutlich, dass die amerikanischen Zölle historisch einmalig sind. Um vergleichbare Niveaus zu finden, müsse man bis in die 1930er-Jahre zurückgehen. Besonders schwer wiege, dass ausgerechnet die USA den Rückzug aus dem regelbasierten Handelssystem antreten – ein System, das Amerika nach den Erfahrungen des Handelskriegs jener Epoche massgeblich mitgeprägt habe.
Als Hauptgründe für den Kurswechsel der amerikanischen Handelspolitik nannte Ossa drei Faktoren: Erstens die veränderten geopolitischen Kräfteverhältnisse, bei denen der wirtschaftliche Aufstieg des Globalen Südens – allen voran China – die Dominanz der G7-Staaten in Frage stelle. Zweitens hätten Wettbewerbsdruck und gestiegene Importe aus China zu erheblichen Jobverlusten in bestimmten amerikanischen Regionen geführt, auch wenn die absoluten Zahlen – zwischen 550 000 und 2,5 Millionen Stellen – im Verhältnis zum Gesamtarbeitsmarkt mit 160 Millionen Beschäftigten gering wirkten. Drittens, so Ossa pointiert, liege ein fundamentales Missverständnis vor: Trump handle so, als ob ein Handelsdefizit gleichbedeutend mit einem wirtschaftlichen Verlust sei. „Das ist so, als würde man sagen, das Problem ist, dass die Ferraris einfach zu billig sind», veranschaulichte Ossa die Denklogik des amerikanischen Präsidenten – Zölle als Lösung für ein Defizit seien ein verquerer Weg, das Problem anzugehen.
Trotz allem: Das Handelssystem hält
Den wohl überraschendsten Befund lieferte Ossa mit Blick auf die tatsächliche Entwicklung des Welthandels: Dieser ist trotz des Zollschocks bemerkenswert robust geblieben. Dafür nannte er zwei Gründe.
Der erste ist die nach wie vor hohe Regelbasierung des Welthandels. 72 Prozent aller weltweit gehandelten Güter werden noch immer unter den WTO-Meistbegünstigungszöllen abgewickelt. Weitere 16 Prozent profitieren von zusätzlichen Zollerleichterungen durch präferenzielle Handelsabkommen. Lediglich 12 Prozent des Weltgüterhandels unterliegen derzeit dem Recht des Stärkeren. „Wenn wir uns alle einreden, dass das regelbasierte Handelssystem sowieso kaputt ist, dann fragen wir uns, ob wir die Dummen sind, wenn wir uns noch an die Regeln halten – und das wird schnell zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung», warnte Ossa vor voreiligem Pessimismus.
Als zweiten stabilisierenden Faktor identifizierte er den weltweiten KI-Boom. Massive Investitionen in künstliche Intelligenz trieben die Nachfrage nach Chips, Datenleitungen und verwandten Gütern in die Höhe. Laut WTO-Berechnungen haben KI-bezogene Güter rund 42 Prozent zum Wachstum des Welthandels im vergangenen Jahr beigetragen – ein Faktor, mit dem kaum jemand gerechnet hatte.
China weicht auf Drittmärkte aus
Auch der chinesische Aussenhandel entwickelte sich entgegen mancher Erwartung positiv: Trotz zeitweise dreistelliger US-Zölle wuchsen die chinesischen Exporte insgesamt um 5,5 Prozent. Die Verluste im USA-Geschäft – die Exporte in die Vereinigten Staaten brachen um rund 20 Prozent ein – wurden durch Mehrexporte in andere Weltregionen mehr als ausgeglichen. Die chinesischen Ausfuhren nach Europa stiegen um 8,4 Prozent.
Ossa betonte dabei, dass der bilaterale Handel zwischen den USA und China weniger als 3 Prozent des gesamten Welthandels ausmache. „Weniger als 3 Prozent des Welthandels finden zwischen den USA und China statt – das ist für rund 80 Prozent der Schlagzeilen verantwortlich.» Die Proportionen müssten also gewahrt bleiben.
Was bedeutet das für Liechtenstein?
Die Diskussionsrunden, moderiert von Doris Quaderer, beleuchteten anschliessend die Konsequenzen für das Land. Christine Lingg, stellvertretende Amtsleiterin beim Amt für Auswärtige Angelegenheiten, Richard Senti, Verwaltungsratspräsident der Hoval AG, Matthias Wolf, Schweiz-Chef von Kühne + Nagel, Andreas Brunhart vom Liechtenstein-Institut sowie Gerald Hosp, Geschäftsführer von Zukunft.li, erörterten die wirtschaftliche Ausgangslage Liechtensteins.
Dabei zeigte sich: Liechtenstein exportiert rund 11 Prozent seiner Waren in die USA, während es für die Schweiz etwa 20 Prozent sind. Das Land ist somit weniger direkt exponiert, bleibt aber über seine engen wirtschaftlichen Verflechtungen mit der Schweiz und globalen Lieferketten von den Verwerfungen betroffen.
Hosp skizzierte zu Beginn des Abends, was Liechtenstein aus seiner Sicht tun kann: Massgeblich sei, was man tatsächlich selbst kontrolliere. Dazu gehörten die Ausschöpfung des inländischen Arbeitskräftepotenzials, eine günstige und zuverlässige Energieversorgung sowie ein attraktiver Standort für unternehmerische Tätigkeit. Chancen seien auch in der neuen Situation zu finden – man müsse aktiv danach suchen.
Ossa schloss seinen Vortrag mit der Einschätzung, dass von einem Ende der Globalisierung keine Rede sein könne – wohl aber von einer Verlangsamung und einer geografischen Verschiebung: Die wirtschaftliche Dynamik des 21. Jahrhunderts werde zunehmend in Asien stattfinden.

