„Ein Haus, das nie fertig ist“ – Generationen suchen gemeinsam Lösungen
Das Ministerium für Gesellschaft und Justiz hatte gemeinsam mit der Stiftung Lebenswertes Liechtenstein und dem Jugendrat Liechtenstein zur Veranstaltung „Generationen im Dialog“ eingeladen geladen. In den Rathaussal gekommen sind Bürger im Alter zwischen 16 und 85. Ziel war ein Austausch, der nicht trennt, sondern verbindet – ein Dialog, der Perspektiven zusammenführt und Zukunft gestaltet.
Ein Ritual des gemeinsamen Bauens
Gesellschaftsminister Emanuel Schädler eröffnete den Tag mit einer Geschichte aus Japan: der jahrhundertealten Shinto-Tradition, bei der Schreine regelmässig vollständig abgebaut und originalgetreu neu errichtet werden. Was aus westlicher Sicht wie unnötiger Aufwand erscheinen mag, sei in Wahrheit Ausdruck einer tiefen Weisheit: Durch das stetige Erneuern bleibe das Verbindende erhalten. Wissen, Verantwortung und Handwerk würden von Generation zu Generation weitergegeben.
„Der Schrein ist nicht ewiges Material, aber er ist ein ewiges Miteinander“, betonte der Minister. Generationengerechtigkeit gelinge nur im aktiven Tun – im gemeinsamen Bauen an einem Haus, das nie ganz fertig sei.
Grosse Fragen, gemeinsame Verantwortung
Im Zentrum standen drängende Herausforderungen: steigender Pflege- und Betreuungsbedarf, Fachkräftemangel, die Finanzierung der Altersvorsorge sowie die Sorgen junger Menschen um bezahlbares Wohnen, Gesundheitskosten und Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
«Keine Generation kann diese Aufgaben alleine tragen»
Regierungsrat Emanuel Schädler
Es gehe nicht nur um strukturelle Lösungen, sondern auch um Haltungen – um Zuhören, Respekt und das Teilen von Erfahrungen. Die sogenannte Fishbowl-Diskussion diente dabei als bewusstes „Ritual“ des Austauschs: ein Raum, in dem Sorgen offen ausgesprochen und Ideen gemeinsam entwickelt werden konnten.
Provokante Zukunftsbilder
Um die Diskussion anzuregen, präsentierte eine künstliche Intelligenz drei Zukunftsszenarien für das Jahr 2050 – zwei dystopische und eine utopische Geschichte. Die bewusst zugespitzten Erzählungen enthielten reale demografische und finanzielle Elemente.
In einer der Dystopien erhält eine 80-jährige Frau einen staatlichen Brief, der sie an ihr „Recht auf die letzte Gabe“ erinnert – ein freiwilliges, gesellschaftlich jedoch moralisch aufgeladenes Modell, bei dem ältere Menschen zugunsten ihrer Enkelgeneration auf weitere staatliche Leistungen verzichten. Eine andere Geschichte schilderte Schulschliessungen aufgrund dramatisch gesunkener Geburtenraten und ein Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern von nahezu eins zu eins.
Die Szenarien lösten spürbare Betroffenheit aus – und eröffneten eine intensive Debatte über Verantwortung, Solidarität und politische Weichenstellungen.
Ein Ideenpool für die Politik
Begleitet wurde die Veranstaltung von Expertinnen und Experten aus den Bereichen Pflege, Altersversicherung und Finanzen. Mit Zahlen und Prognosen – etwa zur möglichen Verschiebung des Verhältnisses zwischen Erwerbstätigen und Nichterwerbstätigen in den kommenden Jahrzehnten – setzten sie Impulse und beantworteten Rückfragen.
Auffallend war, dass trotz unterschiedlicher Perspektiven in vielen Grundsatzfragen Einigkeit herrschte. Zunächst ging es weniger um konkrete Massnahmen als um die Identifikation zentraler Themenfelder. Für das Ministerium stellt das Format daher einen wertvollen Ideen- und Themenpool dar – verbunden mit einem ehrlichen Stimmungsbild aus der Bevölkerung.
Vom Sorgenkreis zur Zuversicht
Besonders eindrücklich waren die Wortmeldungen junger Teilnehmender, die ihre Zukunftssorgen offen ansprachen: Lohnt sich eine lange Ausbildung? Wie sicher sind soziale Systeme? Wird sich Einsatz auszahlen?
Gleichzeitig entstand im Verlauf des Abends ein spürbarer Wandel. Durch Begegnung und Diskussion wuchs Zuversicht. Vertreter des Jugendrates betonten unter Applaus, dass Zusammenarbeit möglich sei – wenn Ideen, Wille und Offenheit vorhanden sind.
Fortsetzung geplant
Das Fazit fiel entsprechend positiv aus. Das Format „Generationen im Dialog“ soll in gezielter, ergebnisorientierter Form weitergeführt werden. Die Politik ist nun gefordert, die eingebrachten Vorschläge auf Konsensfähigkeit zu prüfen und weiterzuentwickeln.
Oder, um im Bild des Ministers zu bleiben: Das gemeinsame Haus der Gesellschaft wird nie fertig sein. Doch solange viele Hände mitbauen, bleibt es stabil – getragen von Verantwortung, Dialog und dem Willen, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.
