Wie viele Einwohner verträgt Liechtenstein?
Ein voller Saal im Restaurant Falknis, eine unbequeme Frage und ein Referent, der keine einfachen Antworten gab: Die FBP-Ortsgruppe Balzers hatte Dr. Gerald Hosp, Geschäftsführer der Stiftung Zukunft.li, am Donnerstagabend zu einem Vortrag eingeladen. Der Ökonom lieferte rund 40 Minuten lang Denkanstösse, die noch lange nachhallen dürften.
Dabei hatte der Anlass bereits im Vorfeld für Aufregung gesorgt. Die Junge Liste kritisierte auf Instagram den thematischen Titel als Übernahme der Rhetorik der Schweizer SVP-«Nachhaltigkeitsinitiative» und sprach von «isolationistischer und rassistischer» Rhetorik, die man nicht blind übernehmen dürfe. Die FBP wies die Kritik scharf zurück: Wer eine sachliche Kapazitätsdiskussion sofort als rassistisch abstemble, zeige vor allem «Berührungsängste mit der Realität». Der Schlagabtausch auf Social Media machte die Debatte im kleinen Land schon vor dem ersten Satz von Hosp zur Chefsache.
Ein Land, das schneller wächst als gedacht
Hosp begann mit einem Befund, der im Saal für sichtbare Überraschung sorgte: Liechtenstein ist über weite Strecken seiner jüngeren Geschichte schneller gewachsen als die Schweiz. Erst ab 2002, als Bern die Personenfreizügigkeit mit der EU einführte, drehte sich das Verhältnis. „Das ist ein direktes Signal für die Sonderlösung, die Liechtenstein mit dem EWR hat», so Hosp. Als einziges EWR-Land darf das Fürstentum die Zuwanderung über ein Kontingent und ein Losverfahren regulieren – ein Privileg, das kaum ein anderes Land kennt.
Aktuell beträgt die ständige Wohnbevölkerung rund 39’000 Personen. Prognosen bis 2060 zeigen zwei mögliche Szenarien: ein Szenario mit Einwanderungsdruck, ein weiteres mit Abwanderungsdruck. Welches davon eintritt, hängt massgeblich von politischen Entscheidungen ab, die heute getroffen werden.
Besonders aufschlussreich war Hosps Analyse der Zuwanderungsgründe. Anders als in der Schweiz oder anderen europäischen Ländern, wo der Stellenantritt der wichtigste Zuwanderungsgrund ist, dominiert in Liechtenstein der Familiennachzug. „Das ist eine Besonderheit, die man im Auge behalten muss», betonte Hosp. Der Ausländeranteil hat sich über die Jahre bei rund einem Drittel der ständigen Wohnbevölkerung eingependelt.
Bevölkerungswachstum braucht Platz – und Platz ist in Liechtenstein endlich. Die Siedlungsfläche ist zwischen 2004 und 2019 um 44 Prozent gestiegen und beträgt heute 11,2 Prozent der Landesfläche. Dabei ist die Siedlungsfläche pro Einwohner sogar höher als in der Schweiz – ein Zeichen für eine vergleichsweise lockere Bebauungsstruktur. Hosp machte deutlich: Weiteres Wachstum ohne Verdichtung wird bei diesem Bodenverbrauch kaum möglich sein.
Der Kern von Hosps Vortrag war die Unterscheidung zwischen Wachstum in der Breite und qualitativem Wachstum. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist seit dem Jahr 2000 um rund 75 Prozent gestiegen – beeindruckend. Doch das BIP pro Kopf legte im selben Zeitraum nur etwa 25 bis 28 Prozent zu. „Der Unterschied ist ein wichtiger Punkt in jeder Wachstumsdiskussion», erklärte Hosp. Wachstum, das vor allem durch mehr Menschen und mehr Arbeitsstunden entsteht – und nicht durch höhere Produktivität –, kommt dem Einzelnen weniger zugute.
Grenzgänger spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie stellen einen erheblichen Anteil der Beschäftigten im Fürstentum. Die Löhne der Pendler liegen gemäss Daten des Internationalen Währungsfonds im Median sogar etwas höher als jene der Einwohner – ein Hinweis auf einen Fachkräftebedarf, der im Inland nicht vollständig gedeckt werden kann.
Die Schweizer Abstimmung im Rückspiegel
Hosp verknüpfte seinen Vortrag mit der aktuellen politischen Debatte: Eine Initiative in der Schweiz, die die Personenfreizügigkeit einschränken würde, hätte direkte Folgen für Liechtenstein. Viele Grenzgänger sind EU-Bürger mit Wohnsitz in der Schweiz. „Diese Frage stellt sich jetzt wieder», so Hosp – und verwies auf eine frühere Studie der Stiftung Zukunft.li, die nach der Masseneinwanderungsinitiative 2014 erstellt worden war. Szenarien ohne regulatorische Gegenmassnahmen würden Zuwanderungsdruck auf einen ohnehin angespannten Immobilienmarkt bedeuten: steigende Mietpreise, mehr Druck auf die Infrastruktur.
Trotz aller Herausforderungen ist das Bild nicht düster. Die Lebenszufriedenheit in Liechtenstein ist laut Umfragen nach wie vor hoch, das Wohlstandsniveau liegt im internationalen Spitzenfeld. Doch Hosp registriert eine wachsende Ambivalenz in der Bevölkerung: „Man ist im Seligen, aber früher war es doch noch besser.» Die Umfragedaten zeigen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt als gefährdet wahrgenommen wird – weniger durch die Zuwanderung selbst als durch die Individualisierung der Gesellschaft, die durch Corona noch verstärkt wurde.
Am Ende seines Vortrags nannte Hosp die offizielle Antwort auf die Ausgangsfrage: Modellrechnungen der Stiftung Zukunft.li nennen als langfristige Bandbreite 100’000 bis 140’000 Einwohner. Doch er warnte davor, sich zu sehr an einer Zahl festzubeissen. „Die richtige Frage ist: Welches Liechtenstein will man? Jede Entscheidung hat einen Zielkonflikt.» Es gehe um die Wahl zwischen einem exklusiven Kleinstaat und einem offenen, wirtschaftlich dynamischen Land. Dieses Kontinuum sei keine technische, sondern eine gesellschaftliche und politische Entscheidung.
