Wüstenstaub über Europa nimmt deutlich zu

Mann in der Wüste

Mann mit Lederjacke in der Wüste | Foto: Gregor Meier

Feinstaub aus den Wüsten Nordafrikas gelangt in immer grösseren Mengen nach Europa. Das zeigt eine umfassende Studie unter Federführung des Paul Scherrer Instituts PSI, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde. Die Belastung steigt – mit Folgen für die Gesundheit und für die Solarenergie.

Während der von Verkehr, Haushalten und Industrie verursachte Feinstaub in Europa dank strengerer Vorschriften zurückgeht, entwickelt sich der Wüstenstaub in die entgegengesetzte Richtung. Forschende am PSI haben zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa Messdaten der vergangenen zehn Jahre von mehr als hundert Stationen ausgewertet und mit künstlicher Intelligenz kombiniert.

Südeuropa besonders betroffen

Das Ergebnis: In Südeuropa liegt die durchschnittliche Konzentration von Wüstenstaub bei 5,3 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – mehr als doppelt so hoch wie in Mittel- und Nordeuropa mit durchschnittlich 2,1 Mikrogramm. Insgesamt hat die Staubmenge im untersuchten Zeitraum um rund ein halbes Mikrogramm pro Kubikmeter zugenommen.

„Das entspricht einer Zunahme von zehn bis fünfundzwanzig Prozent dieser Staubbelastung», sagt Projektleiter Kaspar Dällenbach vom Zentrum für Energie- und Umweltwissenschaften am PSI. „Sowohl für die Effizienz und Wirtschaftlichkeit grosser Solaranlagen als auch hinsichtlich der gesundheitlichen Folgen erhöhter Feinstaubbelastung ist das nicht zu vernachlässigen.»

Für längerfristige Vergleiche zogen die Forschenden zusätzlich Eisbohrkerndaten vom Colle Gnifetti an der schweizerisch-italienischen Grenze heran. Die darin eingeschlossenen Feinstaubpartikel zeigen, dass sich die Wüstenstaubkonzentration seit Beginn der Industrialisierung – über die vergangenen 150 Jahre – mehr als verdoppelt hat.

Aluminium als verlässlicher Indikator

Als Indikator für Wüstenstaub nutzten die Forschenden die Aluminiumkonzentration im Feinstaub, ein charakteristisches Element transportierter Wüstenpartikel. Feinstaub von Baustellen ist dagegen stark calciumhaltig, jener aus Verkehr und Haushalten enthält vor allem Russ. „Durch chemische Analysen können wir die Herkunft des bodennahen Feinstaubs daher sehr gut bestimmen», sagt Petros Vasilakos, ebenfalls PSI-Forscher und Erstautor der Studie.

Als Ursache für die Zunahme identifiziert die Studie die fortschreitende Austrocknung der Sahara sowie eine veränderte atmosphärische Zirkulation, die vermehrt starke Winde aus Nordafrika nach Europa bringt. „Unser derzeitiges Verständnis legt nahe, dass die Zunahme des Wüstenstaubs durch die Treibhausgasemissionen des Menschen und die damit verbundene Klimaerwärmung zumindest begünstigt wird», so Dällenbach.

Höhere Sterblichkeit an Staubtagen

Auch die gesundheitlichen Folgen wurden ausgewertet. Langfristige Auswirkungen wie Staublunge, Asthma oder chronische Bronchitis lassen sich nur durch aufwendige Langzeitstudien eindeutig belegen. Gut dokumentiert ist dagegen die unmittelbar erhöhte Sterblichkeit an Tagen mit hoher Wüstenstaubbelastung: An solchen Tagen sterben deutlich mehr Menschen an den Folgen von Herzinfarkten und Atemproblemen. „Die Anzahl der Stürme, die Wüstenstaub zu uns tragen, hat sich nicht wirklich erhöht», sagt Vasilakos. „Aber sie sind intensiver geworden und transportieren dadurch heute mehr Staub nach Europa als früher.»

Besonders betroffen ist Südeuropa von Griechenland über Italien bis Spanien und Portugal, aber auch Westfrankreich verzeichnet erhöhte Werte, da Luftmassen aus der Sahara häufig über den Atlantik hinausströmen und weiter nördlich nach Westeuropa zurückkehren.

Warnsysteme und Folgen für die Solarenergie

Anders als bei menschengemachtem Feinstaub lässt sich gegen die Emission von Wüstenstaub nicht direkt etwas unternehmen. Umfassender Klimaschutz könnte langfristig jedoch helfen, die Austrocknung von Wüstengebieten und damit die Ausdehnung der Staubquellen einzudämmen.

Denkbar wären, ähnlich wie bei städtischem Feinstaub, Warnsysteme für hohe Konzentrationen, damit insbesondere sensible oder lungenkranke Menschen an Staubtagen Vorsichtsmassnahmen treffen können. Auch für die Energiewirtschaft ist die Entwicklung relevant: Wüstenstaub beschattet Solaranlagen und lagert sich auf ihnen ab, wodurch diese weniger Strom produzieren. Könnten Versorger dies frühzeitig erkennen, liesse sich die Netzstabilität durch das rechtzeitige Hochfahren anderer Kraftwerke sichern.

Für die Studie wertete das Forschungsteam praktisch alle verfügbaren Messreihen zum Thema aus, an denen über fünfzig Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa beteiligt waren. Ermöglicht wurde dies durch die Mitgliedschaft im paneuropäischen Forschungsnetzwerk Actris, in dem Aerosolforschende ihre Langzeitmessreihen koordinieren und frei zugänglich machen.

Quelle: Medienmitteilung des Bundesrats / Paul Scherrer Institut PSI, 15. Juli 2026

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