Briefe eines Visionärs: Wilhelm Becks Briefe waren ein Highlight des Vorlesetags

Briefe von Wilhelm Beck

Briefe von Wilhelm Beck

Der landesweite Vorlesetag lockte gestern in ganz Liechtenstein Zuhörer an Lesepulte und in Gemeindesäle. Eines der Highlights fand in Triesenberg statt: Dort wurden erstmals öffentlich Briefe von Wilhelm Beck vorgelesen – private Schreiben, in denen der spätere Architekt des liechtensteinischen Wirtschaftsrechts seine politischen Pläne schmiedete, noch bevor die Welt davon wusste.

Den Kern der rund einstündigen Veranstaltung bildeten Briefe aus den Jahren 1913 bis 1915 – einer Zeit, in der Beck noch als junger Anwalt in einer Kanzlei in Flums tätig war und seine politischen Ideen erst langsam Form annahmen. Rund 300 solcher Schreiben hat der Historiker Rupert Quaderer aus dem Nachlass übernommen, transkribiert und wissenschaftlich eingeordnet. Die Originale – darunter frühe Kopien und Blaupausen – sind in drei Bänden gesammelt.

Quaderer, ehemaliger Geschichts- und Deutschlehrer, gilt als der Wilhelm-Beck-Kenner schlechthin. Er war es, der die oft schwer lesbaren Handschriften für ein heutiges Publikum zugänglich gemacht hat.

Besondere Authentizität erhielt der Abend durch die Wahl der Vorleser. Larina Beck, eine direkte Nachfahrin von Alois Schädler-Bauer – einem der Briefempfänger – trug mehrere der Schreiben vor. Gernot Beck, der sich über den Stammbaum als Nachkomme von Becks Schwester Philomena einordnen lässt, stand ebenfalls auf dem Podium. Die Veranstalter hatten die genealogische Verbindung bewusst hergestellt und anhand von Stammbäumen aus der Ahnenforschung veranschaulicht.

Ein politischer Stratege im Briefformat

Die vorgelesenen Briefe geben ein vielschichtiges Bild von Wilhelm Beck: als Familienmensch, als Netzwerker und als vorausschauenden Strategen. In einem Schreiben vom Juli 1913 rät er seinem Freund Gustav – dem späteren Regierungschef Gustav Schädler – zur Vorsicht in politischen Dingen: „Klugerweise muss man sich ein Obacht nehmen. Denn es gibt nun einmal Leute, deren ehrliche Beschäftigung darin besteht, alles zu Ihnen zu bringen.» Das Ziel vor Augen, aber unauffällig vorankommen – dieses Prinzip durchzieht die frühen Briefe wie ein roter Faden.

In Schreiben an seine Mutter zeigt sich eine ganz andere Seite. Beck fragt nach ihrer Gesundheit, empfiehlt ihr Lindenblütentee und äussert sich besorgt über seinen Bruder Kilian. An seinen Bruder Andreas schreibt er mit kaum verhohlener Ungeduld: „Weh tut es mir dann, dass wir drei nicht einmal imstande sein sollen, einer alten Mutter einen anständigen Lebensabend zu bereiten.» Gleichzeitig klagt er über seine eigene Lage: Mit einem Schweizer Hochschuldiplom durfte er in Liechtenstein keine eigene Kanzlei eröffnen – ein österreichischer Abschluss wäre verlangt worden.

Ein Brief an Johann Schädler im Ried dreht sich um ein Gesuch an den Landtag. Beck ist skeptisch: „Möglich ist zwar, dass es sofort unter den Tisch gewischt wird, denn es ist leider niemand da, der für dasselbe eintritt.» Wenige Zeilen später berichtet er von einer Zusammenkunft mit Gleichgesinnten in Balzers – alles noch im Verborgenen, aber die Sache, wie er schreibt, gehe vorwärts.

Der Architekt des modernen Liechtensteins

Wilhelm Beck kam am 26. März 1885 als Sohn eines Kleinbauern und Gipsers in Triesenberg zur Welt, studierte an der Universität Zürich und promovierte zum Dr. jur. Nach Stationen in Kanzleien in Flums und St. Gallen eröffnete er 1914 das erste liechtensteinische Rechtsanwaltsbüro in Vaduz.

Bereits im selben Jahr erschien die Nummer 1 der Oberrheinischen Nachrichten, die Beck gegründet hatte – als publizistisches Gegengewicht zum Volksblatt. 1918 folgte die Gründung der Christlich-Sozialen Volkspartei, der ersten politischen Partei Liechtensteins überhaupt. 1926 schliesslich trat das Personen- und Gesellschaftsrecht in Kraft, das Beck gemeinsam mit Emil Beck ausgearbeitet hatte. Das Landesmuseum hatte dem Jubiläumsjahr eine Sonderausstellung zum Thema «100 Jahre Wirtschaft» gewidmet, in der Wilhelm Beck eine zentrale Rolle spielte.

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