Sechs Gebiete kommen für Windkraft infrage – Konsultation läuft noch bis Ende Monat

Infoanlass windkraft

Liechtenstein prüft erstmals systematisch, wo im Land Windräder stehen könnten. Am Donnerstagabend stellten die Verantwortlichen im Foyer des Vaduzer Saals den Entwurf zum Planungs- und Umweltbericht der strategischen Umweltprüfung (SUP) vor. Sechs mögliche Windeignungsgebiete sind darin ausgeschieden: Ruggell Nord und Süd, Schellenberg, Eschen-Schaan, Triesen-Vaduz und Balzers. Bis zum 30. September kann sich jede Organisation, jede Interessengruppe und jede Privatperson dazu äussern.

Wichtig war den Referenten vor allem eine Klarstellung: Die SUP legt Räume fest, nicht Anlagen. Es gehe ausdrücklich nicht um konkrete Projekte oder einzelne Windräder, sondern um eine fundierte Entscheidungsgrundlage auf übergeordneter Ebene – wo besteht Potenzial, und wo sprechen gewichtige Gründe dagegen. Zwölf Schutzgüter werden dabei systematisch berücksichtigt, darunter die Gesundheit der Bevölkerung, Fauna und Flora, biologische Vielfalt, Boden, Wasser, Luft, klimatische Faktoren, Sachwerte, Kulturgüter und das Landschaftsbild.

„Wir müssen unabhängiger werden“

Regierungsrat Hubert Büchel

Regierungsrat Hubert Büchel, Minister für Inneres, Wirtschaft und Sport, ordnete das Vorhaben energie- und sicherheitspolitisch ein. Die im Juni vorgestellte Sicherheitsstrategie der Regierung halte fest, dass sich das Umfeld grundlegend verändert habe: geopolitische Spannungen, fragile Lieferketten und neue Abhängigkeiten rückten die Versorgungssicherheit in den Fokus. Die Sicherstellung der Grundversorgung und das Funktionieren der kritischen Infrastruktur seien darin ausdrücklich als zentrale staatliche Aufgabe definiert – die Stromversorgung eingeschlossen.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien sei deshalb nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern ein wesentlicher Beitrag zur Versorgungs- und damit zur wirtschaftlichen Sicherheit des Landes. „Ich bin überzeugt, dass die Windenergie für Liechtenstein eine echte und realisierbare Chance darstellt“, sagte Büchel. Die Windkraft werde dabei eine wichtige Säule sein – „nicht als die Lösung, sondern als Teil eines breit abgestützten, resilienten Energiesystems, das Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Eigenständigkeit verbindet“.

Ebenso deutlich war sein Appell zum Verfahren selbst: Das Windpotenzial sei unvoreingenommen und auf der Basis von Fakten zu analysieren, Sorgen müsse man ernst nehmen – Fehlinformationen und Mythen aber sachlich entgegentreten.

Die Abhängigkeit in Zahlen

Wie gross der Handlungsbedarf ist, zeigten die Zahlen der Liechtensteinischen Kraftwerke (LKW). Nur 16,7 Prozent der im Land verbrauchten Energie stammten 2024 aus inländischer Produktion – gerechnet über sämtliche Energieträger, also inklusive Heizöl, Gas und Treibstoffe. Auf den Strom entfallen rund 30 bis 35 Prozent des Energieverbrauchs; 2025 waren das 365 Gigawattstunden Landesabsatz.

Von diesem Strom stammen lediglich rund 28 Prozent aus inländischer Produktion: etwa 16 Prozent Wasserkraft, rund 11 Prozent Photovoltaik und ein Prozent aus übrigen Quellen. Rund 72 Prozent werden importiert. Rechnet man die Beteiligungen der LKW im Ausland hinzu – Kraftwerke in der Schweiz und in der Steiermark sowie Windparks in Deutschland –, steigt der Deckungsgrad auf 38 Prozent.

Dass importierter Strom automatisch Schweizer Wasserkraft sei, ist laut LKW ein Trugschluss: Liechtenstein hängt am integrierten europäischen Strommarkt, in dem gut die Hälfte der Produktion fossil oder nuklear ist – und dessen Preise sich zuletzt als äusserst volatil erwiesen haben.

Beim Ausbau der bestehenden Erzeugung sind die Grenzen absehbar. Die Wasserkraft ist aus wirtschaftlicher wie ökologischer Sicht weitgehend ausgeschöpft. Und bei der Photovoltaik, die in den letzten Jahren stark gewachsen ist, stehen mittlerweile über 4000 Anlagen auf rund 11’000 Gebäuden – auch hier zeichnet sich eine natürliche Grenze ab, solange man nicht auf Freiflächenanlagen setzt.

Genau hier liegt das Argument für den Wind: Wasserkraft und Photovoltaik produzieren ausgeprägt sommerlastig, rund 60 Prozent des Windertrags fallen dagegen im Winterhalbjahr an. Nach Angaben der LKW liessen sich bei einem Ausbau aller geprüften Standorte rund 26 Prozent des Landesbedarfs decken.

Grösser, höher, leistungsfähiger

Einen Teil des Abends nahm die Technik ein. Entscheidend für den Ertrag sind die Rotorfläche und vor allem die Windgeschwindigkeit, die mit der dritten Potenz in die Leistung eingeht. Weil der Wind in Bodennähe durch Bäume, Hügel und Gebäude gebremst wird, gewinnt jeder Höhenmeter an Bedeutung – wo auf 50 Metern sechs Meter pro Sekunde gemessen werden, sind es auf 150 Metern bereits rund sieben.

Das erklärt die Entwicklung der Anlagen: Startete ein grosser Hersteller 1980 mit 10 Metern Rotordurchmesser, 18 Metern Nabenhöhe und 30 Kilowatt Leistung, sind es heute bis zu 175 Meter Rotordurchmesser, rund 200 Meter Nabenhöhe und 7,2 Megawatt pro Anlage. Eine einzige moderne Anlage produziert damit mehr als ein ganzer Windpark aus den Anfangsjahren – bei deutlich weniger Infrastruktur.

Mythen und Fakten

Mehrere gängige Einwände wurden direkt aufgegriffen. Windstrom sei schlecht planbar und brauche für jede Anlage ein Backup: Das treffe so nicht zu, es brauche Ausgleich statt Backup – über Prognosen, über grössere geografische Räume und über Speicher. Die Herstellung fresse den Klimanutzen auf: Windenergie liege bei rund 15 Gramm CO2 pro Kilowattstunde und damit um ein Vielfaches unter einem modernen Gaskraftwerk. Beim Flächenverbrauch bleibe der grösste Teil eines Windparks landwirtschaftlich nutzbar.

Nicht wegdiskutiert wurden dagegen zwei Punkte. Der Eingriff ins Landschaftsbild sei real und letztlich eine Frage der Wahrnehmung. Und das Risiko für Vögel und Fledermäuse bestehe – es lasse sich durch die Wahl der Standorte, das Ausscheiden wichtiger Zugkorridore und Brutgebiete sowie durch Abschaltzeiten mindern, aber nicht vollständig ausschliessen. Beim Schall gelte: messen statt dramatisieren. Windanlagen würden strenger beurteilt als andere Lärmquellen, Massnahmen folgten im konkreten Projekt.

Wie es weitergeht

Rückmeldungen zum Entwurf des Planungs- und Umweltberichts nimmt das Ministerium bis zum 30. September unter [email protected] entgegen. Die Unterlagen sowie die Beurteilungskarten sind über die Website der Landesverwaltung und das Geodatenportal einsehbar. Erst nach Auswertung der Konsultation und der Festlegung der Windeignungsgebiete im Landesrichtplan könnten konkrete Projekte folgen – detaillierte Abklärungen zu Lärm, PFAS und Grundwasserschutz inklusive. Die LKW rechnen frühestens in drei bis vier Jahren mit einem Baustart.

hitze.li