Muscheln als Untermieter: Neuer Atlas zeigt Gewinner und Verlierer in Liechtensteins Gewässern

Präsentation

Was unter der Wasseroberfläche geschieht, bleibt den meisten verborgen. Der am Mittwochabend im Landesmuseum vorgestellte Band 33 der Reihe „Naturkundliche Forschung im Fürstentum Liechtenstein“ ändert das: Er verzeichnet 26 Fisch- und zwei Krebsarten – und erstmals auch drei Arten von Grossmuscheln. Über 70 Personen verfolgten die Präsentation, die Museumsdirektorin Andrea Kauer Loens eröffnete.

Fünf Jahre Feldarbeit an 105 Probestrecken

Grundlage des Atlas ist eine Erhebung, die zwischen 2021 und 2025 stattfand. Untersucht wurden 105 Probestrecken mit einer Gesamtlänge von rund acht Kilometern; damit seien die gewässerökologisch wichtigsten Fluss-, Bach- und Teichabschnitte des Landes vollständig erfasst worden, heisst es im Band. Die Zahl der nachgewiesenen Fisch- und Krebsarten ist gegenüber der letzten Bestandsaufnahme von 2014 unverändert geblieben. Die Verbreitung konzentriere sich „insbesondere auf den Talraum mit seinen vielfältigen stehenden und fliessenden Gewässern“.

Solche Erhebungen erfolgen in grösseren Abständen von rund zwölf Jahren, wie Mitautor Rainer Kühnis im Gespräch erläuterte. Die Ergebnisse fliessen anschliessend in die Anpassung der Fischereiverordnung und in die Festlegung des Schutzstatus der einzelnen Arten ein. Verfasst wurde der Band von Kühnis und Roland Jehle vom Amt für Umweltschutz, die beide auch die Fachreferate des Abends bestritten.

Die Bachmuschel ist zurück – und bringt den Bitterling mit

Die auffälligste Neuerung sind die Grossmuscheln, die im Vorgängerband noch fehlten. Alle drei nachgewiesenen Arten gelten als einheimisch. Bemerkenswert sei vor allem das Tempo, mit dem sie ihren Lebensraum zurückerobern, sagte Kühnis. 2013 wurde die Bachmuschel wiederentdeckt; inzwischen kommen die Tiere stellenweise zu Tausenden vor.

Grossmuscheln sind für ihre Fortpflanzung auf Wirtsfische angewiesen, insbesondere auf den Alet, der sich im Land stark ausbreitet und zu den Gewinnern der veränderten Bedingungen zählt. Und wo Muscheln leben, stellt sich ein weiterer Fisch ein: Der Bitterling, der seine Eier in Muscheln ablegt, konnte erstmals in Liechtenstein nachgewiesen werden.

Kühnis dämpft allerdings die Erwartung, dass es so weitergeht. Wo viele Muscheln vorkommen, folgen früher oder später die Fressfeinde – Fischotter ebenso wie Vögel, welche die Bestände entdecken.

Der Sommer als Stresstest

Zu den Verlierern gehört die Äsche. Der Fisch steht auf der Roten Liste, war in Liechtenstein bislang aber vergleichsweise häufig – eine überregionale Verantwortung, wie Kühnis betonte. Nun hat der Bestand leicht abgenommen. Gelitten haben im Hitzesommer vor allem die Salmoniden, also die forellenartigen Fische, die viel Sauerstoff und kühlere Temperaturen brauchen.

Die Fischregionen haben sich verschoben. Es werde wärmer, die Niederschläge fielen im Winter intensiver aus und fehlten dafür im Sommer. Daraus leitet der Atlas konkrete Empfehlungen ab: mehr Beschattung, mehr Gewässerraum, punktuelle Eintiefungen und mehr Strukturen im Gewässer – klimaresiliente Bäche und Flüsse also, die Hitzeperioden besser abpuffern.

Nutzungskonflikte früh erkennen

Umweltministerin Sabine Monauni bezeichnete Fische, Krebse und Grossmuscheln in ihrer Ansprache als wichtige Indikatorarten für intakte Gewässerlebensräume. Der Atlas mache sichtbar, was sonst kaum sichtbar sei. Eine solche Bestandsaufnahme sei nicht selbstverständlich: Veränderte Abflussregime, Verbauungen und andere menschliche Eingriffe hätten in den vergangenen Jahrzehnten vielerorts Spuren hinterlassen.

Gleichzeitig zeige der Band etwas Positives, so Monauni. Wo Gewässer renaturiert und naturnah gestaltet würden, liessen sich Lebensräume zurückgewinnen, Arten kehrten zurück und Bestände erholten sich.

Wie verletzlich die Gewässer sind, habe man in diesem Sommer unmittelbar erlebt. Lange Hitze- und Trockenperioden, niedrige Wasserstände und hohe Wassertemperaturen bedeuteten für Fische, Krebse, Grossmuscheln und andere Wasserlebewesen eine enorme Belastung. Der Sommer habe zudem deutlich gemacht, dass Wasser keine unbegrenzt verfügbare Ressource ist: Landwirtschaft, Wasserversorgung sowie Natur- und Gewässerökologie stellten unterschiedliche Ansprüche an dieselbe knappe Grundlage.

Für die Regierung bedeute das, vorausschauend zu handeln. Bestehende Bewässerungskonzepte würden weiterentwickelt, und die Erfahrungen dieses Sommers sollen gemeinsam mit den Betroffenen ausgewertet werden, damit man für künftige Trockenperioden gewappnet ist.

Auch Biber, Fischotter und Kormoran gehören dazu

Gewässerschutz gehe nicht darum, einzelne Arten isoliert zu betrachten, sagte die Ministerin weiter. Dazu zählten auch Arten wie Biber, Fischotter oder Kormoran. Der Biber gestalte die Gewässer aktiv um und schaffe damit neue Lebensräume, Fischotter und Kormoran seien natürliche Fressfeinde und ebenfalls Teil der Dynamik. Dass dabei Nutzungskonflikte entstehen, sei unvermeidlich – und genau deshalb brauche es gute wissenschaftliche Grundlagen. Nur wer wisse, wie sich Bestände entwickeln und welche Faktoren dafür verantwortlich sind, könne die richtigen Massnahmen treffen.

Band

Der Band 33 ist kostenlos beim Amt für Umweltschutz und beim Amt für Wald, Natur und Landwirtschaft erhältlich oder steht auf der Website des Amts für Wald, Natur und Landwirtschaft unter der Rubrik Naturkundliche Forschung als PDF zum Download bereit.

hitze.li