Nvidia investiert Milliarden in Strom statt Chips
Der wertvollste Chipkonzern der Welt investiert nicht mehr nur in Chips. Nvidia steigt beim texanischen Energieinfrastruktur-Entwickler Lancium ein – mit bis zu drei Milliarden Dollar. Das berichtet das Technologieportal „The Information“ unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen. Für die ersten zwei Milliarden Dollar erhält Nvidia demnach rund 20 Prozent an dem Unternehmen. Werden bestimmte Bedingungen erfüllt – konkret der Anschluss weiterer Kapazitäten ans Stromnetz –, soll eine weitere Milliarde folgen und der Anteil auf etwa 30 Prozent steigen.
Bewertet wird Lancium samt Portfolio und Schulden mit einem Unternehmenswert von rund zehn Milliarden Dollar. Weder Nvidia noch Lancium haben den Bericht bislang offiziell bestätigt.
Der Engpass heisst nicht Chip, sondern Megawatt
Lancium ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt, im KI-Ausbau der USA aber eine Schlüsselfigur. Das von der Investmentgesellschaft Blackstone finanzierte Unternehmen entwickelt Grundstücke samt Netzanschluss für Rechenzentren im Gigawatt-Massstab. Sein bekanntestes Projekt: der rund 1000 Acres grosse Lancium Clean Campus im westtexanischen Abilene – der erste und bislang wichtigste Standort des Prestigeprojekts Stargate mit einem bewilligten Netzanschluss von 1,2 Gigawatt.
Hinter Stargate stehen OpenAI, der japanische Technologiekonzern Softbank und Oracle. US-Präsident Donald Trump hatte das Vorhaben im Januar 2025 im Weissen Haus vorgestellt und ein Investitionsvolumen von bis zu 500 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt.
Genau darin liegt die Logik des Deals. Nvidias Grafikprozessoren sind das Nadelöhr der KI-Branche – doch das eigentliche Nadelöhr verschiebt sich gerade. Rechenzentren scheitern zunehmend nicht am Chipnachschub, sondern an Bauland, Transformatoren und vor allem an verfügbarer Netzkapazität. Wer die Megawatt kontrolliert, entscheidet mit darüber, wie schnell Chips überhaupt installiert werden können. Nvidia sichert sich mit dem Einstieg einen Platz an diesem Flaschenhals – und laut „The Information“ zugleich Einfluss auf ein Unternehmen, das für 2027 einen Börsengang prüft.
Der Vorwurf des Kreislaufs
Der Einstieg reiht sich in eine Serie von Beteiligungen ein, mit denen Nvidia sein Ökosystem finanziell durchdringt: Cloud-Anbieter, KI-Labore, Rechenzentrumsbetreiber, nun Energieentwickler.
Kritiker sehen darin ein Muster, das inzwischen einen eigenen Namen hat: Zirkelfinanzierung. Nvidia investiert in Unternehmen, die anschliessend Nvidia-Hardware kaufen oder betreiben. Umsatz und Nachfrage erscheinen dadurch robuster, als sie es aus eigener Kraft wären. Prominente Skeptiker – unter ihnen Investor Michael Burry – warnen, solche Verflechtungen könnten Fehlanreize schaffen und Verluste vergrössern, sollte die KI-Nachfrage hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Nvidia hält dagegen, es handle sich um Investitionen in eine Infrastruktur, die ohnehin gebaut werden müsse – und die derzeit schlicht zu langsam entsteht.
Was das mit Europa zu tun hat
Für Europa ist der Vorgang mehr als eine Randnotiz aus Texas. Er zeigt, welche Ressource im KI-Wettlauf tatsächlich knapp wird. Während in den USA einzelne Standorte Netzanschlüsse im Gigawatt-Bereich erhalten, bewegen sich europäische Rechenzentrumsprojekte bei Bewilligungsverfahren und Anschlussfristen in ganz anderen Zeiträumen.
Wer künftig KI-Kapazität anbieten will, braucht nicht primär Chips – sondern Strom, Netzanschluss und die Bewilligung dafür. Nvidia hat das offenbar früher verstanden als die meisten.

