Funk-Kollaps legt gesamten Zugverkehr in Deutschland
Ein fehlerhafter Komponententausch hat am Dienstagabend den gesamten Zugverkehr in Deutschland für rund zwei Stunden zum Erliegen gebracht. Zehntausende Reisende sassen auf Bahnhöfen fest. Der Vorfall ist weit mehr als eine technische Panne – er legt eine strukturelle Schwäche im Herzen der deutschen Bahninfrastruktur bloss.
Das digitale Zugfunksystem GSM-R (Global System for Mobile Communications – Railway) ist das Rückgrat der Kommunikation auf der Schiene. Lokführer, Fahrdienstleiter und Betriebszentralen koordinieren darüber alle Abläufe, auch in Notfällen. Genau deshalb konnten Züge ohne dieses System nicht einfach weiterfahren – sie wurden aus Sicherheitsgründen gestoppt.
Das Problem: GSM-R basiert auf dem Mobilfunkstandard 2G, einer Technologie aus den 1990er-Jahren. Experten gelten die alternde Technik schon lange als Risiko. Fachkräfte, die das System noch beherrschen, werden immer rarer. DB-Infrastruktur-Chef Philipp Nagl räumte am Mittwoch ein, dass ein «planmässiger Tausch einer technischen Komponente» die Störung ausgelöst habe. Sabotage wurde ausgeschlossen.
Redundanz vorhanden – aber nutzlos
Eigentlich verfügt das System über Notfallbackups. Doch die griffen nicht sofort: Bevor auf das Reservesystem umgeschaltet werden konnte, mussten DB-Techniker zunächst eine Cyberattacke ausschliessen. Diese Vorsichtsmassnahme kostete wertvolle Zeit – und liess Zehntausende Reisende in Zügen und auf Bahnhöfen stranden, teils bis in die frühen Morgenstunden.
Es ist nicht das erste Mal, dass GSM-R versagt. Im Dezember 2024 sorgte ein ähnlicher Ausfall in Grossbritannien für Chaos, im Mai 2026 folgte ein weiterer Vorfall in Südengland. In den Niederlanden legte ein Softwarefehler das System 2021 lahm. 2022 kam es in Norddeutschland zu Ausfällen, nachdem mutmassliche Kabeldiebe das Funknetz beschädigt hatten.
Nachfolger lässt auf sich warten
Ein modernes Nachfolgesystem auf 5G-Basis – FRMCS (Future Railway Mobile Communication System) – ist seit Jahren in Planung, soll aber frühestens in den 2030er-Jahren flächendeckend eingeführt werden. Besonders heikel: Die Telekom plant, ihr 2G-Netz Mitte 2028 abzuschalten – ein Netz, das der Bahn derzeit als weitere Rückfallebene dient.
Das Bild wird zusätzlich durch die erneute Verschiebung von Stuttgart 21 belastet: Das milliardenschwere Bahnprojekt soll nun erst Ende 2031 in Betrieb gehen – sieben Jahre später als ursprünglich geplant, und mit Kosten, die von 2,6 auf 11,4 Milliarden Euro gestiegen sind.

