Wenn die Flüsse zu warm werden: Mehrere Länder nehmen Atomkraftwerke vom Netz
Ein Atomkraftwerk | Foto: Gregor Meier
Es ist der Sommer, in dem die vermeintlich sicherste Grundlast Europas ins Stocken gerät. Am Mittwoch waren in Frankreich 20,4 Prozent der Atomkraftleistung nicht verfügbar – ein Rekordwert. In der Schweiz ist das Kernkraftwerk Beznau seit Ende Juli komplett vom Netz. In Ungarn musste das Kraftwerk Paks erstmals seit gut vier Jahrzehnten Betrieb vollständig heruntergefahren werden, und in Rumänien ging am Donnerstagmorgen auch der zweite Reaktor von Cernavodă vom Netz. Der Grund ist überall derselbe: Den Meilern fehlt kühles Wasser.
Frankreich: Rekordausfall – und eine Quallenplage
Frankreich betreibt 57 Reaktoren mit rund 63 Gigawatt Leistung und deckt damit knapp 70 Prozent seines Strombedarfs. Genau diese Abhängigkeit macht das Land im Hitzesommer verwundbar. Am 12. August waren 13 Reaktoren der EDF-Flotte betroffen: Acht standen ganz still, fünf liefen mit gedrosselter Leistung. Rund 7,3 Gigawatt – etwa zwölf Prozent der Flottenleistung – waren zur nachmittäglichen Spitzenlast eingeschränkt.
Nicht alles davon geht auf das Konto der Hitze. Im grössten Kernkraftwerk Westeuropas, Gravelines an der Kanalküste, verstopften Quallenschwärme die Kühlwasserpumpen; fünf der sechs Blöcke mussten ganz oder teilweise abgestellt werden. Fachleute verweisen darauf, dass sich Quallen in wärmeren Meeren besonders gut vermehren. Die übrigen Drosselungen aber sind klassische Hitzefolgen: Die französische Aufsichtsbehörde ASNR schreibt vor, wie stark ein Kraftwerk das Wasser eines Flusses erwärmen darf. Wird es zu heiss oder führt der Fluss zu wenig Wasser, muss der Betreiber EDF die Leistung zurücknehmen – auch dann, wenn die Anlage technisch einwandfrei läuft.
Der August ist damit die Zuspitzung einer Entwicklung, die sich den ganzen Sommer hinzog. Mitte Juli fehlten in Frankreich bereits 4,9 Gigawatt, Anfang August waren nach Berechnungen des Branchendienstes Montel 8,8 Gigawatt und damit rund 15 Prozent der Atomkapazität abgeschaltet.
Schweiz: Beznau steht seit dem 31. Juli still
Näher an Liechtenstein liegt der Fall Beznau. Die beiden Blöcke an der Aare kühlen direkt mit Flusswasser – eine Technik der ersten Reaktorgeneration. Steigt die Aare nach der Durchmischung über 25 Grad, muss die Axpo die Leistung halbieren und bei anhaltender Überschreitung ganz abstellen. Das Wasser, das die Anlage zurückgibt, darf 32 Grad nicht übersteigen.
Genau das ist heuer gleich zweimal eingetreten. Bereits am 26. Juni gingen beide Blöcke vom Netz, am 31. Juli erneut – seither stehen sie still. Die Axpo begründete den Schritt nüchtern: „Um den Fluss nicht weiter zu erwärmen, fährt die Axpo beide Blöcke des Kernkraftwerks Beznau vorübergehend herunter.“ Block 2 wird seit dem 4. August ohnehin für den Brennelementwechsel revidiert. Ein Wiederanfahren von Block 1 setzt kühlere Aare-Temperaturen und die Zustimmung des Bundesamts für Energie voraus.
Anders als in Ungarn oder Rumänien geht es dabei nicht um die Sicherheit der Anlage, sondern um den Schutz des Gewässers. Die Schweizer Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt sind mit Kühltürmen ausgerüstet und deshalb weit weniger vom Fluss abhängig. Leibstadt entnimmt dem Rhein rund 2900 Liter pro Sekunde und gibt den grössten Teil zurück – selbst beim derzeit extrem tiefen Rheinabfluss von rund 400 000 Litern pro Sekunde gegenüber einem Augustmittel von 1,2 Millionen Litern ist die Anlage weit von einer Drosselung entfernt.
Streit um das Thermometer
Beznau hat den Sommer damit zum Politikum gemacht. Die Axpo hat beim Bundesamt für Energie beantragt, die Regeln zu lockern: Die Temperatur soll künftig über mindestens fünf Stunden gemessen werden statt bei einer einzelnen Überschreitung, und das rückgeführte Wasser soll bis 33 statt 32 Grad warm sein dürfen. Der Konzern argumentiert, so müsste er seltener und später abstellen. Die Fischereiverbände wehren sich: Forellen und Äschen reagierten empfindlich, schon Zehntelgrade könnten über Leben und Tod entscheiden. Das Bundesamt will bis Jahresende entscheiden.
Donauraum: Wenn der Pegel zur Systemfrage wird
Am dramatischsten ist die Lage entlang der Donau. In Ungarn deckt das Kernkraftwerk Paks mit vier Blöcken und rund 2000 Megawatt knapp die Hälfte des Landesstroms. Ende Juli sank der Pegel so weit, dass die Anlage zum ersten Mal in ihrer über vierzigjährigen Geschichte vollständig heruntergefahren werden musste; am 12. August zeigte der Pegel bei Paks noch 23 Zentimeter. Ministerpräsident Péter Magyar rief die Bevölkerung auf, den Verbrauch zwischen 17 und 22 Uhr zu senken, und liess für die Industrie rotierende Verbrauchsbeschränkungen vorbereiten. Über die bestehenden Leitungen kann Ungarn 3600 bis 3800 Megawatt importieren. Die EU-Kommission erklärte sich bereit, kurzfristig ihre Stromkoordinierungsgruppe einzuberufen. Am 10. August konnte immerhin eine Turbine des zweiten Blocks wieder anfahren, nachdem die Donau rund 19 Zentimeter gestiegen war.
Rumänien kämpfte noch härter um seine Reaktoren. Weil das Kernkraftwerk Cernavodă rund 20 Prozent des Landesstroms liefert, sprengte die Marine 50 Kilometer flussaufwärts bei Izvoarele Felsen und versenkte Kies aus vier Lastkähnen, um dem Kühlwasser den Weg zu bahnen. Es reichte nicht: Block 1 ging bereits Ende Juli vom Netz, Block 2 folgte am Donnerstagmorgen. Ein Staatssekretär im Energieministerium, Cristian Bușoi, stellte Einschränkungen für die Industrie in Aussicht – private Haushalte sollen verschont bleiben. Strom wird nun aus der Ukraine und aus Bulgarien zugekauft.
Auch die Nachbarn zittern. In Bulgarien könnte das Kernkraftwerk Kozloduy mit bis zu zwei Gigawatt nach Einschätzung von Fachleuten abschalten müssen, falls die Donau um weitere 30 Zentimeter fällt. In Slowenien warnte das Kernkraftwerk Krško mit 696 Megawatt vor einem Stillstand, weil die Sava kritisch tiefe Stände erreicht.
Der Preis der Hitze
Die Rechnung landet auf dem Strommarkt. Am 12. August stieg der französische Day-Ahead-Preis um 21,8 Prozent auf 142,50 Euro je Megawattstunde, der deutsche um 22,8 Prozent auf 138,50 Euro. In Deutschland kam hinzu, dass die Windeinspeisung mit 4,7 Gigawatt auf rund 40 Prozent des saisonüblichen Werts einbrach – der Rest musste aus teuren Gaskraftwerken kommen. Analysten wiesen darauf hin, dass ein Ausfall französischer Kernkraft direkt in die deutschen und britischen Märkte durchschlägt, weil der Atomstrom aus Frankreich normalerweise die günstigere Alternative ist. Von einem Versorgungsproblem sprach in Frankreich allerdings niemand: Der Puffer sei kurzfristig gross genug, hiess es aus der Beratungsbranche.
Was das für Liechtenstein heisst
Liechtenstein produziert nur einen kleinen Teil seines Stroms selbst. Die Liechtensteinischen Kraftwerke erzeugen mit zwölf Wasserkraftanlagen rund 72 000 Megawattstunden im Jahr, das entspricht etwa 18 Prozent des Landesbedarfs; dazu kommen 18 Photovoltaikanlagen mit 866 Megawattstunden. Der Rest wird importiert, das Land hängt über Leitungen an der Schweiz und an Österreich. Was in Beznau, an der Rhone oder an der Donau passiert, ist damit keine ferne Nachricht, sondern Teil jener Preiskurve, die am Ende auf der heimischen Stromrechnung landet.
Und der Befund dieses Sommers ist unangenehm eindeutig: Ausgerechnet jene Kraftwerke, die als wetterunabhängige Grundlast gelten, brauchen etwas, das der Klimawandel knapp macht – kaltes Wasser in ausreichender Menge.

