200 Millionen Euro: EU bestraft Temu für illegale Produkte

Pakete aus China

Die EU-Kommission hat gegen den chinesischen Onlinemarktplatz Temu eine Busse von 200 Millionen Euro verhängt. Der Vorwurf: Das Unternehmen habe die Risiken für Konsumenten systematisch unterschätzt und damit gegen den Digital Services Act (DSA) verstossen – jenes Gesetz, das seit Februar 2024 für grosse Onlineplattformen in der EU gilt und im EWR auch Liechtenstein betrifft.

Konkret wirft die Brüsseler Behörde Temu vor, keine ausreichende Risikoanalyse für die auf der Plattform angebotenen Produkte durchgeführt zu haben. Testkäufe im vergangenen Jahr belegten das Problem eindrücklich: Ein sehr hoher Prozentsatz der getesteten Ladegeräte bestand grundlegende Sicherheitstests nicht. Bei Babyspielzeug wurden Chemikaliengrenzwerte überschritten, zudem bestand Erstickungsgefahr wegen abnehmbarer Kleinteile.

EU-Vizekommissionspräsidentin Henna Virkkunen brachte es auf den Punkt: „Die Risikobewertung von Temu unterschätzt konkrete Risiken, ist zu unspezifisch, stützt sich nicht auf solide Beweise und ist nicht umfassend.» Temu zählt mittlerweile 130 Millionen Kunden in Europa – illegale Produkte erreichen damit potenziell einen grossen Teil der Bevölkerung.

Temu wehrt sich

Das Unternehmen wies die Strafe in einem Statement als unverhältnismässig zurück. Die Entscheidung beziehe sich auf die Risikobewertung aus dem Jahr 2024 und spiegle nicht den aktuellen Stand der Systeme wider. Temu betonte, weiterhin konstruktiv mit der EU-Kommission zusammenarbeiten zu wollen, und verwies auf seinen Beitrag für europäische Konsumenten: Das Unternehmen verschaffe ihnen „Zugang zu einer breiten Palette erschwinglicher Produkte».

Die EU-Kommission liess das nicht gelten. Sie habe sowohl die Risikobewertung von 2024 als auch jüngere Antworten auf Auskunftsersuchen einbezogen. Zusätzlich bemängelt sie, dass Temu nicht bewertet habe, wie Influencer-Werbung und Empfehlungsalgorithmen der Plattform das Risiko für illegale Produkte weiter verstärken könnten.

Die Busse gegen Temu ist erst die zweite, die auf Grundlage des DSA ausgesprochen wurde. Im Dezember traf es die Plattform X von Elon Musk: 120 Millionen Euro wegen Transparenzmängeln, unter anderem aufgrund eines irreführenden Verifizierungssystems. Kritiker werfen der EU-Kommission vor, ihre Sanktionsmittel zu selten einzusetzen – gemessen am weltweiten Jahresumsatz Temus von 53 Milliarden Euro (2025) bewegt sich die Busse weit unter dem gesetzlich möglichen Maximum von sechs Prozent.

Zahlt Temu nicht oder behebt die Probleme nicht, kann die Kommission zusätzlich tägliche Strafzahlungen verhängen. Parallel laufen Untersuchungen gegen die chinesischen Mitbewerber AliExpress und Shein.

Pakete aus China werden teurer

Unabhängig vom DSA-Verfahren reagiert die EU auch zollrechtlich auf die Paketflut aus Fernost. 2024 kamen täglich rund zwölf Millionen Pakete aus dem Ausland in der EU an. Ab Juli wird für jedes Paket mit einem Warenwert bis 150 Euro eine Abgabe von drei Euro fällig – vorübergehend, bis voraussichtlich 2028 alle Importe ab dem ersten Euro zollpflichtig werden. Ab November soll zudem eine Bearbeitungsgebühr für im Internet bestellte und eingeführte Waren folgen, deren Höhe noch festzulegen ist.