Experten erwarten keine Zinsänderung – doch der Nahost-Konflikt trübt den Ausblick

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Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte an ihrer Sitzung vom 30. April die Leitzinsen unverändert belassen. Das erwartet Nadia Gharbi, Chefökonominnen bei Pictet Wealth Management in Genf. Entscheidend für den weiteren Kurs wird sein, wie sich der Iran-Konflikt in den kommenden Wochen entwickelt.

Ungewöhnliche Einigkeit im EZB-Rat

Selten war die EZB vor einer Zinssitzung so geschlossen wie diesmal. Aus den jüngsten Aussagen der Ratsmitglieder lässt sich eine klare Botschaft ableiten: Man sieht keinen Grund zur Eile. „Die Währungshüter sind ungewöhnlich einig darin, dass es klug ist, bis Juni zuzuwarten», schreibt Gharbi in ihrer Analyse. Erst dann werde man über genügend Daten verfügen, um die indirekten und zweitrundenartigen Effekte des Nahost-Konflikts auf Wachstum und Inflation beurteilen zu können.

Zwei Faktoren begründen die abwartende Haltung: Erstens herrscht grosse Unsicherheit darüber, wie lange der Iran-Konflikt andauern und wie er sich weiterentwickeln wird. Zweitens fehlen bislang belastbare Anzeichen dafür, dass sich höhere Energiepreise bereits in der Breite der Wirtschaft als Zweitrundeneffekte niederschlagen – was eine vorzeitige Zinsanpassung rechtfertigen würde.

Strasse von Hormuz als entscheidender Faktor

Sollte sich die Lage im Nahen Osten bis Juni nicht entspannen – insbesondere bei anhaltenden Störungen im Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormuz und wachsenden Produktengpässen – steigt das Risiko nichtlinearer Auswirkungen auf Inflation und Konjunktur erheblich. In einem solchen Szenario könnte die EZB laut Gharbi gezwungen sein, die Zinsen im Sommer anzuheben – im Juni, Juli oder September.

Allerdings dürfte ein solcher Zinsschritt von kurzer Dauer sein. Die Weitergabe höherer Energiepreise auf die Kerninflation werde diesmal begrenzter ausfallen als während des Energieschocks von 2022, so die Einschätzung der Ökonomin. Gleichzeitig würde der Wachstumsdruck schneller zunehmen – was den Spielraum für eine längere Zinserhöhungsphase eng begrenzt.

Geduld hat ihren Wert

Bis zur Juni-Sitzung richten sich die Augen der Märkte unter anderem auf die Konsumerwartungsumfrage der EZB. Sollten sich die Inflationserwartungen der Haushalte zu lösen beginnen, könnte die EZB früher handeln müssen als bisher geplant.

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