US-Regierung verbietet Anthropic Fable 5 für Ausländer
Erst vor wenigen Tagen hatte das US-Unternehmen Anthropic sein bislang leistungsstärkstes öffentlich zugängliches KI-Modell vorgestellt. Nun ist es schon wieder vom Netz. Auf Anordnung der US-Regierung musste der Hersteller des Chatbots Claude am Freitag, 12. Juni, den Zugang zu den Modellen Fable 5 und Mythos 5 für sämtliche ausländischen Nutzer sperren. Weil die Anordnung so breit gefasst war, schaltete Anthropic die beiden Modelle gleich ganz ab – auch für Amerikaner. Über den Fall berichteten unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters. Anthropic selbst äusserte sich in einem Blogeintrag und auf der Plattform X.
Anthropic zufolge traf die Verfügung des US-Handelsministeriums am Freitag ein. Gestützt auf Exportkontrollen aus Gründen der nationalen Sicherheit untersagte sie dem Unternehmen, die Modelle an ausländische Staatsangehörige und Unternehmen auszuliefern. Betroffen sind nicht nur Menschen ausserhalb der USA, sondern auch Ausländer im Land selbst – einschliesslich der nicht-amerikanischen Mitarbeiter von Anthropic.
Angesichts dieser weiten Fassung sah das Unternehmen keinen anderen Weg, als die Modelle für alle Nutzer abzuschalten. Die schwächeren Claude-Modelle, darunter das aktuelle Claude Opus 4.8, sind von der Sperre nicht betroffen und bleiben verfügbar.
Worum es technisch geht
Fable 5 wurde erst diese Woche veröffentlicht und gilt als das stärkste Modell, das Anthropic je breit zugänglich gemacht hat. Es basiert auf der Technologie des nicht-öffentlichen Modells Mythos, dessen Spezialität das Aufspüren von Software-Schwachstellen ist – teils Lücken, die jahrzehntelang unentdeckt geblieben waren. Genau diese Fähigkeit weckt Sorgen: In den falschen Händen könnte sie zur Cyberwaffe werden. In Fable 5 sind die heiklen Cybersecurity- und Biotechnologie-Funktionen deshalb gesperrt.
Die Regierung soll von einer Methode erfahren haben, mit der sich diese Schutzmechanismen aushebeln lassen. Anthropic zufolge nannte das Schreiben jedoch keine konkreten Details. Das Unternehmen geht davon aus, dass es sich um eine eng begrenzte, nicht allgemeingültige Lücke handelt – und dass sich dieselbe Methode auch bei anderen frei verfügbaren Modellen anwenden liesse, etwa bei GPT-5.5 des Konkurrenten OpenAI, der keinen vergleichbaren Kontrollen unterliegt.
Anthropic will rechtliche Mittel ausschöpfen
Anthropic spricht von einem Missverständnis und arbeitet nach eigenen Angaben daran, den Zugang so rasch wie möglich wiederherzustellen. Der Fund einer eng begrenzten möglichen Umgehung sei kein Grund, ein Modell zurückzurufen, das bei Hunderten Millionen Menschen im Einsatz sei, schreibt das Unternehmen. Würde dieser Massstab branchenweit angelegt, käme die Einführung neuer Modelle praktisch zum Erliegen.
Der Schritt fällt in eine bereits angespannte Phase im Verhältnis zwischen Anthropic und der Regierung von Präsident Donald Trump. Bereits im Februar wies dieser alle Bundesbehörden an, keine Anthropic-Modelle mehr zu nutzen, nachdem das Unternehmen Vertragsbedingungen des Pentagons abgelehnt hatte. Im März stufte das Verteidigungsministerium Anthropic als Lieferketten-Risiko ein – eine Einstufung, gegen die das Unternehmen vor Gericht vorgeht.
In der Branche fielen die Reaktionen entsprechend deutlich aus. Der KI-Politikexperte Dean Ball nannte das Vorgehen grotesk. Andere sehen Anthropic in der Pflicht: Wer sein Produkt in jeder Mitteilung als Waffe beschreibe, dürfe sich nicht wundern, wenn die Regierung ihn beim Wort nehme.
Für Nutzer in Europa ist die Sperre unmittelbar relevant: Als Nicht-Amerikaner fällt man genau in jene Gruppe, der die US-Behörden den Zugang verwehren wollen. Wer Fable 5 im laufenden Gratis-Zeitfenster – bis zum 22. Juni 2026 in den Pro-, Max- und Team-Abos enthalten – ausprobieren wollte, steht nun vor verschlossener Tür. Der reguläre Claude-Dienst mit den älteren Modellen bleibt hingegen nutzbar.
Der Fall zeigt, wie sehr der Zugang zu modernster KI-Technologie zur geopolitischen Frage geworden ist – und wie schnell eine Entscheidung in Washington bis nach Vaduz durchschlägt. Ob und wann Fable 5 zurückkehrt, ist offen.

