Erbprinz Alois sieht neue Chancen in der Partnerschaft mit Indien
Staatsbesuch S.D. Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein in Indien | Foto: Gregor Meier
Vom Doppelbesteuerungsabkommen bis zur Raumfahrt: Der erste Staatsbesuch Liechtensteins in Indien hat eine breite Palette möglicher Kooperationen sichtbar gemacht. Für Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein ist das Ergebnis einer Entwicklung, die seit Jahren vorangetrieben wird. Im Gespräch mit dem Landesspiegel erläutert er, warum Indien für Liechtenstein zunehmend an Bedeutung gewinnt, welche Fortschritte die Gespräche gebracht haben und weshalb langfristige Beziehungen vor allem eines brauchen: Vertrauen.
Gerade in einem Land von der Grösse Indiens sei ein solcher Besuch für die Wirtschaft besonders wertvoll, betonte der Erbprinz. Unternehmen erhielten dadurch Zugang zu Politikern und hochrangigen Beamten, die für sie auf anderem Weg kaum erreichbar wären.
Die Gespräche seien in freundschaftlicher Atmosphäre verlaufen. Dabei habe die indische Seite deutlich gemacht, dass sie die Partnerschaft nicht allein auf den wirtschaftlichen Austausch beschränke. Vielmehr sehe sie darin auch eine strategische Beziehung mit langfristiger Perspektive.
«Beziehungen aufzubauen, braucht seine Zeit.»
Bereits 2010 hatte der Erbprinz Indien offiziell besucht. Ein Staatsbesuch habe jedoch eine ganz andere Dimension und verdeutliche, wie stark sich die Beziehungen seither entwickelt hätten. Dazu beigetragen hätten häufigere politische Kontakte, zunehmende Aktivitäten liechtensteinischer Unternehmen und nicht zuletzt das Freihandelsabkommen.
Liechtenstein habe Indien seit 2010 bewusst als wichtigen Partner behandelt und den Austausch mit regelmässigen Besuchen gepflegt. Daraus sei über die Jahre eine belastbare Grundlage entstanden. «Beziehungen aufzubauen, das braucht seine Zeit. Man muss die Leute kennenlernen, es muss Vertrauen geschaffen werden», sagte der Erbprinz. Für einen Kleinstaat sei dies im Umgang mit weit entfernten Ländern besonders wichtig.
Gleichzeitig habe Indien im Zuge der Gespräche einen besseren Eindruck davon gewonnen, wie breit die liechtensteinische Wirtschaft aufgestellt sei. Die Unternehmen seien in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig – von IT-Produkten über Kaiser und Oerlikon bis hin zur Raumfahrt. Bei einem Land mit rund 40’000 Einwohnern sei eine solche industrielle und technologische Vielfalt nicht unbedingt zu erwarten.
Für einen Staat mit weit mehr als einer Milliarde Einwohnern müsse Liechtenstein deshalb überzeugend darlegen, welchen Mehrwert eine Zusammenarbeit biete. Der Staatsbesuch habe dafür eine wichtige Plattform geschaffen.
Ein wichtiges Thema des Staatsbesuchs war das geplante Doppelbesteuerungsabkommen zwischen Liechtenstein und Indien. In den Gesprächen mit der indischen Regierung, insbesondere mit dem Finanzminister, sei man dabei einen entscheidenden Schritt weitergekommen, erklärt Erbprinz Alois. Ein solches Abkommen würde Unternehmen mehr Planungssicherheit geben und die wirtschaftlichen Beziehungen erleichtern. Zugleich wäre es ein Signal, dass beide Länder ihre Zusammenarbeit langfristig vertiefen wollen. Der Fortschritt sei deshalb nicht nur aus steuerlicher Sicht bedeutsam, sondern auch ein Zeichen für das wachsende Vertrauen zwischen den beiden Staaten.
«Ein Doppelbesteuerungsabkommen würde noch mehr Planungssicherheit geben – und da sind wir einen entscheidenden Schritt weitergekommen.»
Raumfahrt rückt in den Fokus
Ein Thema, das kurzfristig zusätzlich auf die Agenda kam, war die Raumfahrt. Nach einem Space-Dialog im September in Liechtenstein habe man sich näher mit den Möglichkeiten einer Zusammenarbeit befasst. Dabei sei deutlich geworden, dass inzwischen 12 bis 14 liechtensteinische Unternehmen in diesem stark wachsenden Bereich tätig seien. Hinzu kämen attraktive Frequenzen, die Liechtenstein für Satelliten in niedrigen Erdumlaufbahnen zur Verfügung stellen könne.
Auch das Unternehmen Open Cosmos, das Teil der Wirtschaftsdelegation war, bringe bereits konkrete Erfahrungen mit Indien mit: Zwei Satelliten des Unternehmens seien im All, zudem arbeite es mit indischen Raketenfirmen zusammen.
Indien wolle die Raumfahrt zunehmend über private Unternehmen entwickeln. Damit ergäben sich Anknüpfungspunkte für eine engere Zusammenarbeit. Während des Staatsbesuchs führte die liechtensteinische Delegation deshalb auch Gespräche mit zwei indischen Organisationen, die für diesen Sektor zuständig sind.
Diversifizierung in geopolitisch schwierigen Zeiten
Die internationale Lage habe den Austausch begünstigt. Sowohl Indien als auch die europäischen Staaten hätten ein Interesse daran, ihre Wirtschaftsbeziehungen breiter aufzustellen und Handelshemmnisse abzubauen, statt neue zu schaffen.
Länder wie Indien, Japan und Kanada hätten ein Interesse an offenen Handelsbeziehungen und einer regelbasierten internationalen Ordnung, wie sie etwa im Rahmen der UNO vertreten werde. Für Liechtenstein sei es daher sinnvoll, die Kontakte zu diesen Partnern gezielt zu pflegen und neue wirtschaftliche Verbindungen aufzubauen.
Das bedeute jedoch nicht, bestehende Beziehungen aufzugeben. Auch die Kontakte zu den USA und China wolle Liechtenstein weiter pflegen, selbst wenn sich die Zusammenarbeit mit diesen Ländern derzeit schwieriger gestalte. Entscheidend sei, die eigenen Partnerschaften zu diversifizieren und damit die wirtschaftliche Abhängigkeit von einzelnen Märkten zu verringern.
Ein Staatsbesuch als Novum
Persönlich bezeichnete der Erbprinz den Besuch als aussergewöhnlich. Staatsbesuche im eigentlichen Sinn seien selten geworden; häufig handle es sich stattdessen um Arbeits- oder offizielle Besuche. Ein Staatsbesuch in einem Land von der Grösse und Bedeutung Indiens sei für Liechtenstein ein Novum, dessen Signalwirkung nicht unterschätzt werden dürfe.
Eine Gegeneinladung sei bereits ausgesprochen worden. Ob sich ein Besuch auf höchster Ebene angesichts der logistischen Herausforderungen realisieren lasse, werde sich zeigen. Einen wichtigen Schritt in Richtung engerer Kontakte hatte Indien bereits Anfang des Jahres gemacht: Mit Handelsminister Piyush Goyal besuchte erstmals ein indischer Kabinettsminister Liechtenstein.
Der Staatsbesuch in Indien knüpft damit an eine Entwicklung an, die über viele Jahre gewachsen ist. Für den Erbprinzen kommt es nun darauf an, die entstandenen Kontakte zu festigen, das gegenseitige Vertrauen weiter auszubauen und aus der politischen Nähe konkrete wirtschaftliche Möglichkeiten entstehen zu lassen.

