VW verschärft den Sparkurs – Lage mehr als kritisch

VW Emblem

Europas grösster Autobauer steuert auf eine Woche der Wahrheit zu. Kurz vor einer Serie von Betriebsversammlungen hat Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume die Belegschaft in ungewohnter Deutlichkeit auf harte Einschnitte eingestimmt. In einem konzerninternen Interview bezeichnete er die Lage als mehr als kritisch: Der Konzern sei zwar handlungsfähig, habe aber akuten Handlungsbedarf.

Im ersten Halbjahr 2026 erwirtschaftete der Volkswagen-Konzern einen Umsatz von 158,1 Milliarden Euro und lag damit praktisch auf Vorjahresniveau. Das operative Ergebnis sank jedoch um 11,6 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro, die operative Rendite verharrte bei 3,8 Prozent. Unter dem Strich blieben rund 1,5 Milliarden Euro – etwa ein Drittel weniger als im Vorjahreszeitraum.

Als Hauptgründe nennt der Konzern das schwache China-Geschäft, die US-Zölle und den zunehmenden weltweiten Wettbewerbsdruck. Besonders deutlich fällt der Einbruch im wichtigsten Einzelmarkt aus: Die Auslieferungen in China gingen um rund ein Drittel zurück. Für das Gesamtjahr rechnet Volkswagen mit einem Umsatz auf Vorjahresniveau bis drei Prozent darunter; die operative Rendite soll zwischen 4,0 und 5,5 Prozent liegen.

Für Blume ist die Marge das Kernproblem. Sie sei in der gegenwärtigen Lage zwar solide, reiche aber bei weitem nicht aus, um dauerhaft genug Mittel für neue Technologien, neue Produkte und die Standorte zu erwirtschaften. Der Konzern sei überdimensioniert und dadurch häufig zu langsam und zu kompliziert.

Das „Zielbild 2030“

Das bestehende Zukunftsprogramm, das Ende 2024 mit den Arbeitnehmervertretern vereinbart wurde, sieht bis 2030 den Abbau von rund 35’000 Stellen bei der Kernmarke Volkswagen vor – sozialverträglich über natürliche Fluktuation, Altersteilzeit, Frühverrentung und Abfindungen. Betriebsbedingte Kündigungen sind bis 2030 ausgeschlossen. Die Fabrikkosten in den deutschen Werken wurden nach Konzernangaben im vergangenen Jahr um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt, die Overheadkosten um annähernd eine Milliarde Euro.

Genug ist das aus Sicht des Vorstands nicht. Blume arbeitet seit dem Frühjahr an einem verschärften Sparpaket unter dem Titel „Zielbild 2030“, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll. In der Diskussion stehen bis zu 50’000 zusätzliche Stellen sowie vier Standorte: Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm. Für diese Werke gebe es heute keine wettbewerbsfähige Belegung für die 2030er-Jahre, so Blume.

Die Zahl von 50’000 relativierte er allerdings: Sie sei keine fixe Zielgrösse, sondern errechne sich aus dem Kostenziel im Vergleich zum Wettbewerb und gebe lediglich eine Orientierung, wie gross der Handlungsbedarf ist. Auch eine Schliessung sei nicht beschlossen – eine fehlende Nachfolgebelegung sei noch keine Werksschliessung. Finde sich für einen Standort keine Lösung, ende die Verantwortung des Konzerns nicht; dann gehe es darum, mit Partnern, Investoren und neuen industriellen Lösungen Perspektiven zu schaffen. Werksschliessungen bezeichnete Blume als die teuerste und letzte aller Möglichkeiten.

Neun Betriebsversammlungen bis Monatsende

Wie viel Rückhalt der Vorstand für diesen Kurs findet, zeigt sich in den kommenden Tagen. Bis Ende August sind neun ausserordentliche Betriebsversammlungen angesetzt, bei denen sich die Konzernspitze der Belegschaft stellen muss. Den Auftakt macht am 25. August das Stammwerk Wolfsburg, tags darauf folgen Emden und Zwickau; weitere Versammlungen sind unter anderem in Braunschweig, Salzgitter, Dresden, Chemnitz und Kassel-Baunatal geplant. Den Abschluss bildet am 31. August Hannover.

Die Versammlungen dürften zum Gradmesser dafür werden, wie weit die IG Metall und der Betriebsrat bereit sind, einen zweiten Sparkurs binnen zwei Jahren mitzutragen – und welche Standorte nach 2030 noch eine Zukunft haben.

hitze.li