Campusgespräch thematisiert globale Demokratieentwicklung

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann beim Campusgespräch an der Universität Liechtenstein | Foto: Gregor Meier

Die direkte Demokratie boomt – paradoxerweise in einer Zeit, in der autokratische Tendenzen wachsen und liberale Demokratien weltweit unter Druck stehen. Diese Spannung stand im Mittelpunkt des Campusgesprächs, das am Dienstagabend an der Universität Liechtenstein stattfand. Zwei Referenten beleuchteten das Thema aus komplementären Perspektiven: Rektor Christian Frommelt zeichnete in einem Impulsreferat ein nüchternes Lagebild der globalen Demokratie, bevor der international renommierte Demokratieexperte Bruno Kaufmann als Hauptreferent das Wort ergriff.

Christian Frommelt, Politologe und Rektor der Universität Liechtenstein, eröffnete den Abend mit einer Feststellung, die zugleich als Ausgangspunkt und als Warnung diente. „Demokratien führen keinen Krieg gegeneinander» – diese These, die auf Immanuel Kants Schrift zum ewigen Frieden zurückgeht, habe sich bis heute bewahrheitet, so Frommelt. Sie bilde ein empirisches Fundament der Demokratieforschung.

Doch wie steht es um die Demokratie weltweit? Frommelt verwies auf den jüngsten Bericht des schwedischen V-Dem-Instituts (Varieties of Democracy) in Göteborg, das die Demokratiequalität in den meisten Staaten der Welt erfasst. Das Ergebnis ist ernüchternd: Das globale Demokratisierungsniveau ist demnach auf den Stand von 1978 zurückgefallen. Weltweit stehen 92 Autokratien noch 87 Demokratien gegenüber. Noch gravierender ist der Anteil der Weltbevölkerung, der in liberalen Demokratien lebt – jener höchsten Form demokratischer Ordnung, die Volksouveränität, Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit verbindet: Lediglich 7 Prozent. Die USA zählen gemäss dem aktuellen V-Dem-Report erstmals nicht mehr dazu.

Dem pessimistischen globalen Bild stellte Frommelt eine andere Messgrösse gegenüber: die Demokratiezufriedenheit in europäischen Staaten, erhoben durch das Eurobarometer und ergänzt durch Daten des Liechtenstein-Instituts. Hier zeige sich ein differenzierteres Bild. Dänemark, die Schweiz, Luxemburg, Schweden und Liechtenstein weisen die höchsten Zufriedenheitswerte auf. „Diese Messung korreliert relativ stark mit empirischen Analysen der Demokratiequalität – aber nicht in allen Fällen», sagte Frommelt. Polen etwa gelte im V-Dem-Index bloss als Wahldemokratie, schneidet bei der Zufriedenheit aber vergleichsweise gut ab.

Drei Pfeiler – und die Gefahr des Populismus

Frommelt betonte, dass Demokratie weit mehr sei als bloss Volksouveränität. Er nannte drei gleichwertige Elemente: Volksouveränität, Pluralismus und Konstitutionalismus – womit er Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und den Schutz von Minderheitsrechten meinte. Gerade der Pluralismus werde durch den Populismus bedroht – einer Ideologie, die die Gesellschaft in ein homogenes, reines Volk und eine korrupte Elite aufteilt. „Das wesentliche Merkmal des Populismus ist, dass er antipluralistisch ist», erklärte der Rektor.

Populismus und direkte Volksrechte haben nach Frommelt zwar eine gewisse Affinität, doch das Verhältnis ist ambivalent. Populisten nutzen Volksabstimmungen gerne als Instrument gegen parlamentarische Verfahren – solange sie nicht an der Macht sind. Sind sie es, bevorzugen sie Top-Down-Instrumente. Als Beispiel nannte Frommelt Ungarn, wo die Fidesz-Partei mehrere direktdemokratische Instrumente abgeschafft hat. Gleichzeitig könnten direktdemokratische Verfahren auch eine Gegenkraft zum Populismus sein, indem sie das Gefühl der Machtlosigkeit mindern und echte politische Partizipation ermöglichen.

Liechtenstein und die Schweiz: Verwandt, aber nicht gleich

Im zweiten Teil seines Referats zog Frommelt den Bogen nach Liechtenstein. Das Fürstentum und die Schweiz teilen vieles – politische Kultur, wirtschaftliche Verflechtung und das Instrument der direkten Mitsprache. Doch es gibt wesentliche Unterschiede. In der Schweiz wird zunächst über einen Verfassungsartikel abgestimmt, bevor ein neuer Artikel umgesetzt werden muss. In Liechtenstein hingegen ist auch die Gesetzesinitiative möglich, was Prozesse beschleunigt – mitunter zu schnell, wie Frommelt am Beispiel der Initiative zur Abschaffung von Radio L illustrierte.

Ein weiterer zentraler Unterschied: In Liechtenstein wird die Vereinbarkeit von Volksinitiativen mit dem EWR-Recht (Europäischer Wirtschaftsraum) regelmässig durch die Regierung geprüft. Aktuell liege ein entsprechender Fall vor, bei dem Initianten Anpassungen vornehmen müssen, bevor eine Abstimmung stattfinden kann. „Direkte Demokratie ist wichtig und zentral – und es gibt immer wieder Nuancen, die bedingt sind durch die Geschichte eines Staates», fasste Frommelt zusammen.

Insgesamt zog der Rektor eine vorsichtig optimistische Bilanz für Liechtenstein. Die Gesellschaft zeige sich resilient gegenüber populistischen Strömungen. Die Zufriedenheit mit dem politischen System bleibe hoch, das Sicherheitsgefühl stabil. Gleichzeitig sei eine Zunahme der Nutzung direktdemokratischer Instrumente – etwa von Petitionen – zu beobachten, ebenso wie eine wachsende Präsenz von Politikern in den Medien und eine stärkere Thematisierung internationaler Fragen in der innenpolitischen Debatte.

Kaufmann: Demokratie als globales Lernprojekt

Als Hauptreferent trat anschliessend Bruno Kaufmann ans Podium. Der Journalist und Politikwissenschaftler ist ein schweizerisch-schwedischer Doppelbürger und arbeitet seit über 30 Jahren als Auslandskorrespondent für das Schweizer Radio. Als Mitbegründer des Global Forum on Modern Direct Democracy berät er Institutionen wie die UNO und die EU. Kaufmann berichtete von einer beeindruckenden Weltreise, auf der er in 100 Städten, 20 Ländern und auf 5 Kontinenten den Puls der globalen Demokratieentwicklung gefühlt hat. Seine zentrale These: Entgegen den Propheten des Demokratieuntergangs boome die direkte Mitsprache weltweit – vor allem auf lokaler Ebene.

Kaufmann ist seit Anfang 2026 Co-Präsident der Schweizer Demokratie Stiftung, die den internationalen Austausch über Demokratieerfahrungen fördert und unterstützt. Er knüpfte an Frommelts Ausführungen an und betonte, dass direkte Volksrechte kein Selbstläufer seien, sondern stets weiterentwickelt und verteidigt werden müssten.

Das Campusgespräch schloss mit einer Fragerunde, in der das Publikum die globalen Trends mit den spezifischen Erfahrungen Liechtensteins verknüpfte. Der Abend zeigte: Die direkte D