Wolf in Liechtenstein: Experten erklären Situation, Verhalten und Management
Seit Januar häufen sich die Nachweise: Fotofallenbilder, DNA-Spuren, gerissene Nutztiere. Auf zehn Aufnahmen sind zwei Wölfe gleichzeitig zu sehen. Das Amt für Umwelt weiss von mindestens drei verschiedenen Tieren – und weiss gleichzeitig, dass es mehr sein könnten. Im Herbst tappte ein Wolf monatelang unbemerkt in eine Fotofalle am Hirtenkopf. Erst als der Wildhüter die Speicherkarte auslas, wusste man davon. Der Wolf war längst wieder weg.
Das ist die Ausgangslage, mit der das Amt für Umwelt am Montag an die Öffentlichkeit trat. Rund 200 Interessierte kamen nach Triesenberg – Bauern, Jäger, Naturschützer, Anwohner. Der Sommer kommt, die Schafe gehen auf die Alp. Die Frage, die viele umtreibt, lautet nicht: Gibt es Wölfe? Sondern: Was tun wir jetzt?
Die Antwort des Abends war unbequem. Reinhard Schnidrig, ehemaliger Wildtierbiologe beim Bundesamt für Umwelt Schweiz, hat zwei Jahrzehnte Wolfsmanagement hinter sich. Sein Befund: Wer Wölfe abschiessen will, um das Problem zu lösen, schafft oft erst das eigentliche. Wölfe im Rudel halten sich an Regeln, meiden Menschen, jagen Wild.
Die Schweiz hat das gelernt. Nachdem die Stimmbevölkerung 2020 eine Revision des Jagdgesetzes, die leichtere Wolfsabschüsse ermöglicht hätte, knapp abgelehnt hatte, trat 2023 eine überarbeitete Regelung in Kraft, die unter bestimmten Voraussetzungen eine proaktive Regulierung erlaubt. Heute zählt die Schweiz rund 40 Rudel. Zehn Millionen Franken investiert die Schweiz jährlich in den Herdenschutz. Schnidrig appelliert: Dieser Weg führt weiter als der Abschuss.
Für Liechtenstein kommt erschwerend hinzu, dass das Land zu klein ist für ein eigenes Rudel – ein Territorium umfasst 150 bis 300 Quadratkilometer. Man werde den Wolf nie alleine managen können, sagte Olivier Nägele vom Amt für Umwelt. Das Land ist eingebettet in eine Landschaft, in der die Wölfe längst zuhause sind.
Für Liechtenstein kommt erschwerend hinzu, dass das Land zu klein ist für ein eigenes Rudel – ein Territorium umfasst 150 bis 300 Quadratkilometer. Man werde den Wolf nie alleine managen können, sagte Olivier Nägele vom Amt für Umwelt. Das Land ist eingebettet in eine Landschaft, in der die Wölfe längst zuhause sind. Und der Druck von aussen wächst: Im Südwesten ist Liechtenstein von reproduzierenden Rudeln umgeben. Jedes Jahr wandern Jungtiere ab und streifen durch das Land. Selbst wenn man einen Wolf in Liechtenstein schiessen würde, käme sofort der nächste.
Schnidrig warnte vor einem verbreiteten Denkfehler: Wer glaubt, mit Abschussquoten das Wolfsproblem zu lösen, erzeugt oft erst das eigentliche. Wölfe im Rudel sind in der Regel keine Problemtiere. Einzelwölfe hingegen, die ihr Rudel verloren haben, machen deutlich häufiger Schwierigkeiten – nähern sich Siedlungen, reissen Nutztiere, verlieren die natürliche Scheu.
Nicht weil sie es auf die Menschen im Dorf abgesehen haben, sondern weil Katzenfutter auf der Terrasse, ungesicherte Abfallcontainer oder schlecht geschützte Herden Anreize schaffen, die ein Wolf nicht ignoriert. Was er einmal als Futterquelle kennt, vergisst er nicht.
Gemeindevorsteher Christoph Beck brachte es in auf den Punkt: Das Thema löse Angst aus – und genau deshalb müsse man darüber reden. Offen, sachlich, und mit genug Zeit für die Bedenken der Betroffenen.

