Kündigungswelle in der Schweiz: Was steckt hinter dem Stellenabbau?
UBS, Novartis, Sunrise – die Liste der Schweizer Unternehmen, die in diesem Jahr Stellen abbauen, wird länger. Allein bei der UBS fallen rund 3000 Stellen in der Schweiz weg, beim Versicherungskonzern Helvetia Baloise bis zu 2600, beim Logistikkonzern Kühne+Nagel über 2000 weitere. Und doch liegt die Arbeitslosenquote mit etwas über drei Prozent auf einem historisch tiefen Niveau. Wie passt das zusammen?
Abbau in Wellen, Wachstum anderswo
Der Schweizer Arbeitsmarkt zeigt ein zweigeteiltes Bild. Auf der einen Seite bauen grosse Konzerne in Banken, Versicherungen, Industrie und Telekommunikation Tausende von Stellen ab. Sunrise streicht 147 Vollzeitstellen, Novartis am Standort Stein AG rund 550 bis Ende 2027, der Pharmadistributor Galenica in Interlaken bis zu 170 bis Jahresende.
Auf der anderen Seite wächst die Nachfrage nach Arbeitskräften in anderen Bereichen weiter. Gesundheitswesen, Baubranche und Berufe mit praktischer Ausbildung – also klassische Lehrstellen – bleiben gesucht. Der Fachkräftemangel in diesen Segmenten ist ungebrochen.
KI als Treiber des Wandels
Professor Mathias Binswanger, Wirtschaftsexperte, benennt einen zentralen Faktor: „In einigen Branchen werden tatsächlich Stellen in grösserem Stil abgebaut» – und nennt die Künstliche Intelligenz als Hauptursache. Betroffen sind vor allem Jobs, die auf Programmierung, Datenanalyse und Einstiegspositionen im Management setzen. Diese Tätigkeiten lassen sich zunehmend automatisieren oder durch KI-Systeme erledigen.
Berufe, die körperliche Präsenz und menschliches Urteilsvermögen erfordern – Coiffeure, Physiotherapeuten, Handwerker – sind dagegen kaum gefährdet. Der technologische Wandel verschiebt die Nachfrage, er vernichtet sie nicht vollständig.
Bürokratie wächst, Produktion schrumpft
Ein weiterer Trend: Innerhalb der Unternehmen verlagert sich Beschäftigung von der Produktion in Richtung Verwaltung, Compliance und Regulierung. Mehr Vorschriften bedeuten mehr Stellen in Rechts- und Regulierungsabteilungen – gleichzeitig werden produktive Bereiche schlanker. Das führt zu einem paradoxen Effekt: Beschäftigung bleibt stabil oder wächst sogar, aber die Produktivität je Kopf sinkt.
Tiefe Arbeitslosigkeit trotz Schlagzeilen
Die aktuelle Arbeitslosenquote von etwas über drei Prozent relativiert die Dramatik der einzelnen Meldungen. In der Summe werden die abgebauten Stellen in anderen Branchen zumindest teilweise aufgefangen. Die Herausforderung liegt weniger in der Gesamtzahl der Jobs als in der Umschulung: Wer heute in einer Bank oder einem Logistikunternehmen eine Stelle verliert, findet die nächste möglicherweise in einem völlig anderen Bereich – und braucht dafür andere Qualifikationen.
