Anthropic vor dem Börsengang: Experten raten Anlegern zur Zurückhaltung

New York Stock Exchange an der Wall Street

Das KI-Unternehmen Anthropic will an die Börse. Nach Einschätzung der Genfer Privatbank Pictet könnte die Aktie bereits im November an der Nasdaq gehandelt werden. Medienberichten zufolge strebt das Unternehmen aus Kalifornien einen Emissionserlös von über 100 Milliarden Dollar an, bei einer Bewertung von 1,5 bis 2 Billionen Dollar. In einer Analyse zum Börsengang empfiehlt Pictet Wealth Management Anlegern, das Papier mit Vorsicht anzugehen.

Anthropic wurde 2021 von sieben ehemaligen Mitarbeitern von OpenAI gegründet und entwickelt die KI-Modellfamilie Claude. Im Börsenprospekt verweist das Unternehmen auf eine Reihe von Risiken, darunter „katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit“. Auch staatliche Regulierung oder versagende Sicherheitsvorkehrungen könnten das Geschäft laut Prospekt erheblich beeinträchtigen.

Umsatz vervielfacht

Die Zahlen aus dem Prospekt zeigen ein starkes Wachstum. Im ersten Halbjahr 2026 erzielte Anthropic einen Umsatz von 16,3 Milliarden Dollar, nach 1,2 Milliarden Dollar im Vorjahreszeitraum. Im zweiten Quartal wies das Unternehmen einen operativen Gewinn von 974 Millionen Dollar aus, nachdem im ersten Quartal noch ein operativer Verlust von 1,7 Milliarden Dollar angefallen war. Der operative Cashflow lag im ersten Halbjahr bei 3,9 Milliarden Dollar, ein Jahr zuvor waren 1,5 Milliarden Dollar abgeflossen.

Deutlich gesunken sind die Kosten für Rechenleistung und Infrastruktur im Verhältnis zum Umsatz. Ende des zweiten Quartals 2026 machten sie 48 Prozent des Umsatzes aus, im ersten Quartal waren es 72 Prozent und im ersten Quartal 2025 noch 251 Prozent.

Unter dem Strich schrieb Anthropic im ersten Halbjahr 2026 einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar, für das gesamte Jahr 2025 waren es 42 Milliarden Dollar. Laut Pictet geht der Verlust grösstenteils auf nicht zahlungswirksame Bewertungsänderungen bei Wandelfinanzierungen in Höhe von 72 Milliarden Dollar zurück und nicht auf das operative Geschäft. Ende Juni verfügte das Unternehmen über flüssige Mittel von 112 Milliarden Dollar, die Verbindlichkeiten beliefen sich auf rund 117 Milliarden Dollar.

800 Milliarden für Rechenzentren

Als zentrale Kennzahl nennt Pictet die Verpflichtungen für Rechenzentren. Anthropic hat sich mehrjährig zu Ausgaben von 800 Milliarden Dollar verpflichtet. Dem steht ein hochgerechneter Jahresumsatz von rund 65 Milliarden Dollar gegenüber. Zudem weist die Bank auf gegenseitige Abhängigkeiten hin: Zu den Investoren und strategischen Partnern von Anthropic gehören auch Unternehmen, die dem KI-Entwickler Cloud- und Infrastrukturdienste liefern.

Ein weiteres Risiko sieht Pictet in der Konzentration auf wenige Grosskunden. Auf die fünf grössten entfiel in den ersten neun Monaten 2026 rund ein Viertel des Umsatzes, kein einzelner Kunde kommt aber auf mehr als zehn Prozent. Ein erheblicher Teil der Einnahmen stammt von Cloud-Anbietern. Im Wettbewerb steht Anthropic unter anderem mit OpenAI, mit Grok von xAI und mit einer wachsenden Zahl chinesischer KI-Entwickler.

Geringer Streubesitz

Medienberichten zufolge dürften beim Börsengang nur 5 bis 7 Prozent der Aktien frei handelbar sein. Pictet zufolge kann ein so knappes Angebot die Kursschwankungen verstärken. Nach 15 Handelstagen könnte die Aktie im beschleunigten Verfahren in den Nasdaq 100 aufgenommen werden, eine Aufnahme in den S&P 500 hält die Bank vor November 2027 für wenig wahrscheinlich. Für Führungskräfte, Mitarbeiter und bestehende Aktionäre gelten Haltefristen von bis zu 180 Tagen.