OpenAI will an die Börse – und verliert dabei 14 Milliarden Dollar im Jahr

New York Stock Exchange an der Wall Street

Das Unternehmen hinter ChatGPT hat vertraulich einen Börsenprospekt eingereicht. Die angestrebte Bewertung: bis zu einer Billion Dollar. Das Problem: OpenAI schreibt massive Verluste – und Profitabilität ist frühestens 2030 in Sicht.

Als Sam Altman noch Präsident des Start-up-Förderers Y Combinator war, gab er jungen Gründern einen klaren Rat mit auf den Weg: Man solle der Profitabilität stets nahe genug bleiben, um sie im Notfall vor der nächsten Finanzierungsrunde erreichen zu können. «Profitability in grasp» nannte er das 2014 im Wall Street Journal – Profitabilität in Griffweite.

Heute führt Altman ein Unternehmen, das 2026 voraussichtlich 14 Milliarden Dollar Verlust einfahren wird. Profitabilität: nicht vor 2030. Und er bereitet den wohl grössten Technologie-Börsengang der Geschichte vor.

Vertrauliche Einreichung beim SEC

Am 22. Mai 2026 reichte OpenAI beim SEC, der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde, einen sogenannten vertraulichen S-1-Prospekt ein. Mit Goldman Sachs und Morgan Stanley stehen zwei der renommiertesten Investmentbanken der Welt hinter der Transaktion. Als Zeitpunkt für das öffentliche Debüt an der Wall Street gilt September 2026 als wahrscheinlichstes Szenario, spätestens aber das vierte Quartal.

Damit tritt OpenAI in direkten Wettbewerb mit dem Rivalen Anthropic, der ebenfalls in dieser Woche vertraulich einen Börsenprospekt eingereicht hat. Beide Unternehmen streben Bewertungen nahe einer Billion Dollar an – und beide schreiben tiefrote Zahlen.

Billion-Dollar-Bewertung trotz roter Zahlen

Die Zahlen sind schwindelerregend. OpenAI wurde zuletzt in einer privaten Finanzierungsrunde im März 2026 mit 852 Milliarden Dollar bewertet – finanziert unter anderem von Amazon, Nvidia und SoftBank. Beim Börsengang könnte die Bewertung nach Angaben von Insidern auf über eine Billion Dollar steigen.

Dem gegenüber stehen handfeste Verluste: 2025 gab OpenAI für jeden verdienten Dollar rund 1.70 Dollar aus. Für das laufende Jahr projiziert das Unternehmen selbst einen operativen Verlust von 14 Milliarden Dollar. Umsatz und Wachstum sind beeindruckend – der annualisierte Umsatz lag im Februar 2026 bei 25 Milliarden Dollar, Altman peilt bis 2027 die 100-Milliarden-Marke an –, doch die Kosten wachsen mindestens genauso schnell.

Von der Non-Profit-Organisation zur Aktiengesellschaft

OpenAI wurde 2015 als gemeinnützige Organisation gegründet, mit dem Ziel, künstliche Intelligenz zum Wohl der Menschheit zu entwickeln. Zehn Jahre später ist daraus ein Unternehmen geworden, das an den Kapitalmärkten um eine Billion Dollar wirbt.

Im Oktober 2025 vollzog OpenAI den entscheidenden strukturellen Wandel: Das Unternehmen wurde von einer non-profit-kontrollierten Gesellschaft in eine sogenannte «Public Benefit Corporation» umgewandelt – eine Rechtsform, die Gewinnstreben mit einem öffentlichen Auftrag verbindet und den Weg an die Börse freimacht.

Nicht alle Beteiligten fanden diesen Wandel problemlos. Elon Musk, einer der Mitgründer, hatte OpenAI und Altman verklagt und ihnen vorgeworfen, die ursprüngliche gemeinnützige Mission für private Bereicherung zu missbrauchen. Im Mai 2026 scheiterte er damit vor Gericht: Ein US-Geschworenengericht befand, OpenAI habe seine ursprüngliche Mission nicht unerlaubt verlassen. Damit fiel das letzte grosse rechtliche Hindernis für den Börsengang.

Ein Test für die gesamte KI-Branche

Der Börsengang von OpenAI ist mehr als eine Unternehmenstransaktion. Er ist ein Stimmungstest dafür, wie viel Verlust die öffentlichen Märkte bereit sind zu finanzieren – und wie lange. Gelingt die Emission zu den angestrebten Konditionen, dürfte das die gesamte KI-Branche beflügeln. Scheitert sie oder enttäuscht die Aktie nach dem Debüt, könnte die Ernüchterung über einen Sektor hereinbrechen, dessen Bewertungen bislang vor allem auf Hoffnung gebaut sind.