Lagarde geht früher – Rennen um die EZB-Spitze ist eröffnet
Christine Lagarde | Foto: Philippe Buissin / European Union
Christine Lagarde verlässt die Europäische Zentralbank (EZB) am 7. Februar 2027 und damit rund neun Monate vor dem regulären Ende ihrer achtjährigen Amtszeit. Die EZB machte den Schritt am Donnerstag in Frankfurt öffentlich, kurz vor dem Zinsentscheid. Zuvor hatte Lagarde den EZB-Rat und den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, informiert. Eine offizielle Begründung lieferte die Zentralbank nicht.
Ganz überraschend kommt der Abgang nicht. Bereits im Februar hatte die „Financial Times“ berichtet, Lagarde wolle vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027 abtreten. Hinter dem Zeitplan steht die Sorge, ein Wahlsieg der eurokritischen Rechtspopulistin Marine Le Pen könnte die Besetzung der EZB-Spitze erschweren. Der amtierende Präsident Emmanuel Macron darf nicht mehr antreten. Ende September sagte Lagarde der Zeitung „La Croix“, ein vorzeitiger Rücktritt käme, wenn überhaupt, nur wenige Monate vor Ablauf ihres Mandats. Zuletzt war zudem spekuliert worden, sie könnte an die Spitze des Weltwirtschaftsforums wechseln.
Abgang in angespannter Lage
Lagarde hinterlässt die Zentralbank in einer schwierigen Phase. Die Teuerung im Euroraum lag im September bei 3,8 Prozent und damit so hoch wie seit drei Jahren nicht mehr. Das Inflationsziel von 2 Prozent ist vorerst weit entfernt. Im September hatte die EZB ihren Einlagesatz auf 2,5 Prozent angehoben. Für die Sitzung vom Donnerstag rechneten in einer Reuters-Umfrage 70 von 73 Ökonomen mit einer Pause. Für Dezember erwartet eine Mehrheit eine weitere Erhöhung.
Gleichzeitig wächst der Druck aus Frankreich. Mitte Oktober stieg der Renditeabstand zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen auf den höchsten Stand seit rund 15 Jahren. Lagarde hatte dazu erklärt, die Lösung liege in erster Linie in Frankreich selbst.
Favorit aus Basel
Costa kündigte an, das Verfahren für die Nachfolge umgehend einzuleiten, damit ein reibungsloser Übergang möglich sei. Entscheiden müssen die Staats- und Regierungschefs der 21 Euro-Staaten, nachdem die Finanzminister eine Empfehlung abgegeben haben. Ziel ist eine Einigung noch vor der Wahl in Frankreich.
Als Favoriten gelten der frühere niederländische Notenbankchef Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernández de Cos. Hernández de Cos leitet seit Juli 2025 die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Zuvor war er Gouverneur der spanischen Notenbank. Die Regierung in Madrid steht laut Medienberichten hinter ihm. Auch Bundesbankpräsident Joachim Nagel wird genannt. Seine Chancen gelten jedoch als begrenzt, weil mit Ursula von der Leyen bereits eine Deutsche die EU-Kommission führt. Deutschland hat in der Geschichte der EZB noch nie den Präsidenten gestellt.
Drei Posten im Paket
Die Nachfolge dürfte nicht isoliert verhandelt werden. Direktorin Isabel Schnabel wechselt Anfang Januar zum Internationalen Währungsfonds, und im Juni 2027 endet die Amtszeit von Chefökonom Philip R. Lane. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding rechnet mit einem Gesamtpaket, möglicherweise schon am EU-Gipfel vom 17. und 18. Dezember. Der deutsche Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil kündigte an, Deutschland werde als grösstes Land des Euroraums sein Gewicht in die Verhandlungen einbringen.
Lagarde hatte das Amt am 1. November 2019 als erste Frau an der Spitze der EZB angetreten. In ihre Amtszeit fielen die Corona-Pandemie und der Inflationsschub nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Die Zentralbank reagierte darauf mit zehn Zinserhöhungen in Folge.

