Die Wasserspeicher der Erde schrumpfen seit zehn Jahren
Die weltweiten Süsswasservorräte gehen seit über einem Jahrzehnt zurück – und 2025 war eines der trockensten Jahre für die Flüsse dieser Erde seit 35 Jahren. Das geht aus dem Bericht „State of Global Water Resources“ hervor, den die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am Donnerstag in Genf veröffentlicht hat. Besonders betroffen: Mittel- und Osteuropa, wo die Grundwasserstände seit Jahren unter der Norm liegen.
WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo greift in der Mitteilung zu einem Bild aus der Buchhaltung. Grundwasser, Gletscher und die saisonale Schneedecke seien die langsamen Reserven des Planeten – ein Puffer, der schlechte Jahre auffange, damit eine einzelne Dürre oder eine einzelne Trockenzeit nicht unmittelbar in eine Wasserkrise münde.
„Wir zehren dieses Sparkonto auf“, wird Saulo zitiert. Die gesamte auf und unter der Landoberfläche gespeicherte Süsswassermenge – Grundwasser, Seen, Flüsse, Bodenfeuchte, Vegetation, Schnee und Eis – zeigt seit den Jahren 2014 bis 2016 einen anhaltenden Abwärtstrend. Gemessen wird das per Satellit über minimale Schwankungen des Erdschwerefelds.
Der Befund ist damit kein Ausreisser eines einzelnen Dürrejahres, sondern ein Signal, das sich über ein ganzes Jahrzehnt zieht.
Flüsse so trocken wie selten
Für das Berichtsjahr 2025 registrierte die WMO auf 36 Prozent der weltweiten Einzugsgebietsfläche unternormale Abflüsse – laut Bericht eines der trockensten Jahre seit 35 Jahren. Grundlage sind Simulationen aus 13 globalen hydrologischen Modellen, gespeist mit gemessenen Wetterdaten.
Noch aussagekräftiger als der Einzelwert ist die Serie: Im siebten Jahr in Folge befanden sich die Flusseinzugsgebiete mit „normalen“ Verhältnissen klar in der Minderheit. Ihr Anteil lag zuletzt zwischen 34 und 38 Prozent – im Mittel der Jahre 1991 bis 2020 waren es 46 Prozent.
Der Wasserkreislauf sei unberechenbarer geworden und pendle zwischen zu wenig und zu viel, hält der Bericht fest. In mehreren Ländern blieb zwischen zwei Extremereignissen keine Erholungszeit mehr.
Beim Grundwasser fällt die Bilanz ähnlich aus. Knapp zwei Drittel der weltweit überwachten Messstellen lagen 2025 ausserhalb der historischen Norm, und die Bilanz verschob sich gegenüber 2024 weiter in Richtung Defizit statt in Richtung Erholung.
Vierter Verlustrekord bei den Gletschern in Folge
Zum vierten Mal hintereinander haben sämtliche vergletscherten Regionen der Erde Masse verloren. Allein im hydrologischen Jahr 2025 waren es 408 Gigatonnen, was einem Meeresspiegelanstieg von 1,1 Millimetern entspricht.
Kumuliert summieren sich die Verluste der Jahre 2023 bis 2025 auf rund 1400 Gigatonnen Wasser. Zum Vergleich zieht die WMO etwa ein Drittel der jährlichen weltweiten Süsswasserentnahme heran.
In Zentralasien, im westlichen Südasien, in der russischen Arktis, auf Island sowie in Westkanada und den USA gehörte die Jahresbilanz zu den drei schlechtesten, die je gemessen wurden.
Europa: zu wenig Schnee, zu wenig Grundwasser
Die Schneeverhältnisse lagen 2025 europaweit unter der Norm. Bei den Grundwasserständen registrierte die WMO in Mittel- und Osteuropa anhaltend unter- bis deutlich unternormale Werte – ein Muster, das sich über mehrere Jahre kumuliert hat und auf einen mehrjährigen Austrocknungstrend hindeutet. Auch die Abflüsse osteuropäischer Flüsse blieben unter dem Durchschnitt.
Nicht überall in Europa zeigt sich dasselbe Bild: In Teilen Frankreichs und in weiten Teilen Nordeuropas lagen die Grundwasserstände über der Norm. Dürre herrschte dagegen in Osteuropa, im Mittelmeerraum und im Nahen Osten.
Was der Bericht für den Alpenraum bedeutet
Der für die Region wohl folgenreichste Punkt steht im Gletscherkapitel. Regionen mit überwiegend kleinen Gletschern – der Kaukasus, Westkanada und die USA sowie Mitteleuropa – könnten den Schwellenwert der sogenannten Peak-Water-Bedingungen bereits erreicht haben.
Gemeint ist der Punkt, an dem ein Gletscher durch das Abschmelzen seinen maximalen Abfluss erreicht. Danach nimmt die Wassermenge, die er in die Täler abgibt, nicht mehr zu, sondern dauerhaft ab. Für die sommerliche Wasserführung des Rheins und seiner Zuflüsse heisst das: Der Puffer, der in trockenen Sommern bislang ausgeglichen hat, wird kleiner.
Saulo verweist auf die grenzüberschreitende Dimension. „Wasser respektiert keine Grenzen“, heisst es in der Mitteilung. Die Wasserbilanz eines Flusseinzugsgebiets hänge davon ab, was in einem anderen Land geschehe; der Rückzug eines Gletschers verändere die Wasserverfügbarkeit für Menschen hunderte Kilometer flussabwärts. Genau deshalb brauche es gemeinsame Daten, gemeinsame Standards und gemeinsame Frühwarnsysteme.
Asien und Afrika tragen die Hauptlast
Auf Asien und Afrika entfielen in den vergangenen fünf Jahren zusammen mindestens die Hälfte aller erfassten wasserbezogenen Extremereignisse und über 80 Prozent der gemeldeten Todesopfer.
In Süd- und Südostasien forderten Wirbelstürme und ein intensiver Monsun 2025 bis zu 3600 Menschenleben, betroffen waren unter anderem Sri Lanka, Pakistan, Vietnam, Indonesien, Thailand, Malaysia und die Philippinen. Nigeria erlebte das zweite, die Demokratische Republik Kongo das dritte Jahr in Folge schwere Überschwemmungen. Am Horn von Afrika kehrte die Dürre nach einer der trockensten Oktober-bis-Dezember-Saisons der Messgeschichte zurück.
Wo Schadenszahlen vorliegen, sind sie drastisch: Jamaika bezifferte die Verluste durch Hurrikan Melissa auf 41 Prozent des Bruttoinlandprodukts, Sri Lanka jene durch Zyklon Ditwah auf rund vier Prozent.
Ausgerechnet dort fehlen die Daten
Der Bericht erscheint zum fünften Mal und ist seit der Erstausgabe 2021 von drei auf 15 hydrologische Variablen gewachsen. Er stützt sich auf globale hydrologische Modelle, auf Satellitenbeobachtungen und auf Messdaten, die nationale Wetter- und Hydrologiedienste beisteuern.
Eine Lücke räumt die WMO selbst ein: Afrika und Asien gehören bei den hydrologischen Beobachtungen nach wie vor zu den am schlechtesten abgedeckten Regionen – also ausgerechnet dort, wo die Extreme am härtesten zuschlagen.
Für die kommenden Monate verweist Saulo zudem auf einen sich verstärkenden El Niño, der in einigen Regionen das Dürrerisiko und in anderen die Hochwassergefahr erhöhen werde.

