Zombie-Lokalzeitungen: Studie warnt vor Pink Slime Medien
Bild zur Illustration von Pink Slime Medien (KI generiert)
Erstmals hat eine wissenschaftliche Studie das Phänomen der pseudo-lokaljournalistischen Medien im deutschsprachigen Raum systematisch untersucht. Das Ergebnis: Auch in der Schweiz erscheinen Gratisblätter und Webseiten, die wie Lokalzeitungen aussehen – aber keine sind.
Die Fachhochschule Graubünden hat im August einen Forschungsbericht zum sogenannten Pink Slime vorgelegt. Der Begriff stammt aus den USA und ist eine Anleihe bei der Fleischverarbeitung: Pink Slime bezeichnet dort eine billige Füllmasse, die minderwertiges Material zwischen echtes Fleisch mischt. Übertragen auf die Medien meint der Ausdruck Angebote, die das Erscheinungsbild lokaler Nachrichtenmedien imitieren, ohne journalistische Standards einzuhalten. Geprägt hat ihn 2012 der amerikanische Journalist Ryan Smith.
Verfasst wurde die vom Bundesamt für Kommunikation unterstützte Studie von Ulla Autenrieth, Johanna Burger und Jennifer Halter. Sie stützt sich auf eine umfangreiche Literaturauswertung, elf Interviews mit Experten aus der Schweiz und Deutschland sowie eine Inhaltsanalyse von Gratiszeitungen und Instagram-Kanälen.
Titel, die lokal klingen – Inhalte, die es nicht sind
Im Zentrum der Schweizer Befunde steht das Verlagsangebot Schweizer Kombi, das unter regionalzeitungen.ch auftritt. Im Juni 2025 zählten die Forscher 113 E-Paper-Titel, die zu diesem Angebot gehören – zum Vergleich: In der ganzen Schweiz zählen sie rund 500 aktive Lokalmedien. Die 113 Titel wurden in diese Liste nicht aufgenommen, weil sie die journalistischen und Transparenzkriterien nicht erfüllen.
Auffällig ist das Wachstum: Aus der Freiburger Zeitung wurden vier Ausgaben – Nord, Ost, Süd und West. Die Bündner Rundschau, die Churer Woche, die St. Galler Woche und die Züri Zeitung wurden ähnlich aufgeteilt. Die angegebene Auflage sank dabei leicht, die Werbepreise stiegen deutlich: Eine farbige Frontwerbefläche kostete bei der Freiburger Zeitung zuvor 2558.50 Franken, nach der Aufteilung 6340 Franken.
Die Inhaltsanalyse von zehn zufällig ausgewählten Ausgaben zeigt den Kern des Problems. Obwohl die Titel lokale Verankerung suggerieren, war der Geltungsraum der Artikel mehrheitlich national – 94 Codierungen entfielen auf die nationale Ebene, nur 25 auf eine einzelne Gemeinde. Häufig steht unter den Texten lediglich das Kürzel „pd“, vermutlich für Pressedienst. Woher die Beiträge stammen, ob es sich um Medienmitteilungen von Unternehmen handelt und wie viel Eigenleistung darin steckt, bleibt für Leser nicht nachvollziehbar. Ausgaben derselben Woche gleichen sich zudem auffällig – ein Merkmal sogenannter Zombie-Zeitungen, die Inhalte mehrfach verwerten.
Ein Interview ohne Lokalbezug
Wie politisch solche Blätter werden können, zeigt ein Beispiel aus der Umwelt Zeitung Graubünden vom September 2024. Dort führte eine ehemalige SVP-Grossrätin aus Bern ein Interview mit einem anonymen Eritreer – vorgestellt wurde sie nicht als Politikerin, sondern als Lehrerin und Rucksacktouristin. Ihre Parteizugehörigkeit fehlte, ein Bezug zu Graubünden ebenfalls. Die im Gespräch getätigte Aussage, Rückkehrer nach Eritrea hätten keine Repressionen zu befürchten, widerspricht laut Studie sämtlichen einschlägigen Länderberichten. Dasselbe Interview erschien in derselben Woche in drei weiteren Ausgaben.
Nicht untersucht wurden die Titel der Swiss Regiomedia AG, zum Erhebungszeitpunkt im Besitz von Alt-Bundesrat Christoph Blocher. Die Autoren sehen dort wegen der Transparenz des Unternehmens und der sichtbaren Redaktionen keine Hinweise auf Pink Slime.
KI-Seiten und Instagram-Kanäle
Im Sommer und Herbst 2025 tauchten in der Schweiz zwei komplett KI-generierte Nachrichtenseiten auf: basel-zeitung.com und aktuelljournal.ch. Die Basel Zeitung bezeichnen die Autoren als Prototyp: Autoren scheinen erfunden, Inhalte stimmen nachweislich nicht, Bilder wirken KI-generiert. Wer auf „Über uns“ klickt, landet bei einer Fehlermeldung. Nachdem das Onlinemedium Prime News über die Seite berichtet hatte, publizierte sie wenige Stunden später einen Artikel über sich selbst.
Auch auf Social Media wurden die Forscher fündig. Analysiert wurde unter anderem der Winterthurer Kanal @wintiblog mit 19’000 Followern, der sich in der Kanalbeschreibung als Informationsquelle der Stadt ausgibt, faktisch aber vor allem Polizeimeldungen ohne journalistische Einordnung verbreitet.
Die Studie widerspricht einer verbreiteten Annahme. In den USA gilt Pink Slime vor allem als Folge von News Deserts – Regionen, in denen der Lokaljournalismus verschwunden ist. In der Schweiz finden sich solche Angebote hingegen auch in urbanen, gut versorgten Räumen. Dort funktioniere Pink Slime weniger als Ersatz, sondern als skalierbares Geschäftsmodell und politisches Instrument.
Der Nährboden ist da: Laut dem Jahrbuch Qualität der Medien lag der Anteil der News-Deprivierten in der Schweiz 2025 bei 46.4 Prozent. Und Forschung aus den USA zeigt, dass unbekannte, lokal klingende Titel von Lesern eher als neutral eingestuft werden als bekannte Marken.
Zuständigkeitslücke in der Regulierung
Als zentrales Problem identifiziert die Studie eine regulatorische Grauzone. Der Schweizer Presserat erklärt sich für nicht zuständig, da es sich nicht um journalistische Inhalte handle – verweist aber gleichzeitig auf fehlende Impressen. Zwischen Medienaufsicht, Selbstkontrolle und politischer Regulierung entstehe so ein Raum, in dem pseudo-journalistische Akteure gezielt operieren.
Die Autoren empfehlen unter anderem verbindliche Transparenzpflichten zu Eigentum, Finanzierung und KI-Einsatz, eine klarere rechtliche Fassung der irreführenden Nachahmung von Medienmarken, eine gezielte Stärkung des Lokaljournalismus sowie ein Monitoring mit niederschwelliger Meldestelle. Auf der Projektwebseite pinkslime.fhgr.ch kann die Bevölkerung bereits heute Verdachtsfälle einreichen.
In der Schweizer Politik sei das Problembewusstsein bislang kaum angekommen, halten die Autoren fest. Die Gefahr liege ohnehin weniger in der einzelnen Falschmeldung als in der schleichenden Erosion der Unterscheidbarkeit zwischen Journalismus, Werbung und politischer Kommunikation – ein Prozess, den die Studie mit dem Frosch im langsam erhitzten Wasser vergleicht.

