Infrastrukturminister Daniel Oehry über die Verkehrssituation und aktuelle Strassenprojekte

Regierungsrat Daniel Oehry im Interview

Stau, Baustellen, der Stadttunnel Feldkirch: Infrastrukturminister Daniel Oehry erklärt, warum das Verkehrsgefühl trügt und weshalb Strassenprojekte im Land so lange brauchen. Dabei räumt er ein, dass für das Sorgenkind Schaanwald noch jede Lösung fehlt.

Viele Menschen stehen morgens und abends im Stau und sind überzeugt, dass der Verkehr Jahr für Jahr zunimmt. Regierungsrat Daniel Oehry hält dem nüchternen Zahlen entgegen. Und doch räumt der Minister im Gespräch mit dem Landesspiegel ein, dass das Land vor grossen verkehrspolitischen Herausforderungen steht.

Das Problem ist die Spitzenstunde

Vergleiche man den Verkehr von 2019 mit jenem von 2025, sei er prozentual eher zurückgegangen, sagt Oehry. An gewissen Messstellen liege man rund acht Prozent unter dem Wert von 2019. Mit dem Gefühl der Bevölkerung decke sich das nicht – und dieses Gefühl entstehe morgens und abends, in der Spitzenstunde. „Wer um halb sieben zur Arbeit fährt, hat kein Problem mit dem Stau“, so Oehry.

Genau darin liegt für den Minister das eigentliche Dilemma. Würde man den Strassenquerschnitt allein auf die Spitzenstunde auslegen, müsste man Autobahnen bauen, die den Rest des Tages leer stünden. Aus seiner Sicht eine teure Fehlinvestition. Mathematisch wäre die Lösung simpel. „Sässen alle zu zweit im Auto, hätten wir die nächsten zwanzig Jahre kein Verkehrsproblem“, sagt er. Nur tue das kaum jemand: Viele wollten morgens allein fahren, und dann, wenn es ihnen passe.

«Sässen alle zu zweit im Auto, hätten wir die nächsten zwanzig Jahre kein Verkehrsproblem.»

Baustellen und Bahnsperre – und kein Kollaps

Dass der befürchtete Verkehrskollaps trotz zahlreicher Baustellen und der Sperre der Bahnlinie ausgeblieben ist, führt Oehry darauf zurück, dass alle Beteiligten die Einschränkungen möglichst klein hielten. Die ÖBB erneuere derzeit den gesamten Gleiskörper. Bislang sei vieles manuell gesteuert worden, mit Kettenzügen. Technik aus dem letzten Jahrhundert. Für die Umstellung auf digitale Technik müsse die Schiene stillgelegt werden; in dieser Zeit übernehme der Schienenersatzverkehr.

Klagen habe er keine gehört, sagt der Minister. Die Bevölkerung sei gut informiert, die Signalisation stehe früh genug, und auch der Autoverkehr komme gut mit der Situation zurecht. Parallel würden die Schranken modernisiert – mit neuer Signaltechnik und separaten Übergängen für Fussgänger und Radfahrer.

Die Bahnlinie einfach für sechs Monate zu schliessen, sei keine Option; deshalb versuche man, die Bauzeiten zu straffen, wo immer es gehe. „Es sind sich alle Akteuren bewusst, dass es zu Einschränkungen kommt. Darum probiert man, die Bauzeiten zu straffen, wann immer möglich“, erklärt er.

Keine Schublade voller fertiger Projekte

Hartnäckig hält sich die Vorstellung, fixfertige, umsetzungsfähige Umfahrungsprojekte lägen in einer Schublade und müssten nur noch gebaut werden. Oehry widerspricht:

«Gäbe es diese Schublade, hätte man die Projekte längst gebaut.»

Als Minister erbe man Vorhaben, die andere vor zwanzig Jahren skizziert hätten. Der Industriezubringer Triesen etwa habe eine Geschichte, die fast 20 Jahre zurückreiche. Gebaut werde dort voraussichtlich 2027/2028. Die Nordausfahrt Schaan, die den Busverkehr beschleunigen soll, sei nach seiner Einschätzung Ende Jahr fertig.

Derzeit entwickle man die nächsten Schritte: wie der Verkehr von der Hilcona über die Au weiter Richtung Buchs oder Schaan geführt werden könne und wie sich Schaan künftig Richtung Vaduz umfahren lasse. Im Unterland sei Nendeln seit Langem ein Thema, dazu Schaanwald und eine mögliche neue Rheinbrücke bei Bendern, die man als Liechtenstein allerdings nur bis zur Mitte des Rheins bauen könne und für die es eine Einigung mit dem Kanton St. Gallen und mit Bern brauche.

«Eine neue Brücke in Bendern kann Liechtenstein nur bis in die Mitte des Rheins bauen.»

Dass solche Projekte Jahrzehnte dauern, hat für Oehry mehrere Gründe. Es brauche ein Momentum: Die Bevölkerung müsse ein Vorhaben mittragen und und dies an der Urne bestätigen, und die betroffenen Bodenbesitzer müssten mitmachen – eine Enteignungspraxis gebe es nicht. Tunnel kenne man im Land kaum. Hinzu kämen Millionen an Investitions- und Unterhaltskosten sowie das Bau- und Umweltrecht. Zweifellos kämen Einsprachen über alle Instanzen, baue man auch einmal zehn Jahre nichts.

Der Stadttunnel und das Sorgenkind Schaanwald

Besonders unter Druck gerät der Schaanwald durch den Stadttunnel Feldkirch. Eine Lösung dafür habe man, so Oehry freimütig, bis heute nicht. Anfangs habe man versucht, den Tunnel zu verhindern, und auf eine Verlagerung auf den öffentlichen Verkehr gesetzt – dann aber die S-Bahn abgelehnt und kein Strassenprojekt als Antwort gehabt.

Tatsache sei: Die guten Arbeitsplätze im Land brauchten Pendler, 23’000 bis 24’000 pro Tag, der Grossteil komme mit dem Auto. Allein aus dem Wachstum erwarte man 1’000 bis 1’200 Fahrzeuge mehr pro Tag – mit oder ohne Tunnel. Oehry ist sich bewusst: „Für Schaanwald bedeute das spürbar mehr Verkehr“. Die bisherige Antwort der Politik, die Strasse sei voll, mehr gehe nicht, sei keine Lösung. Man müsse einen Teil des Verkehrs verlagern und im Rahmen des Projekts «Raum und Mobilität 2050» aufzeigen, welche Optionen es gebe.

Eröffnet werde der Tunnel nach heutigem Stand um 2030. Bis dahin habe man vielleicht eine schöne Zeichnung, aber keine fertige Lösung. Deshalb müsse man auch fragen, was kurzfristig möglich sei: etwa Roadpricing oder Mobilitätsprämien, bei denen einen günstigeren Parkplatz erhalte, wer zu zweit fahre. Kurzfristig eine neue Strasse zu bauen, sei dagegen Wunschdenken: „Da reden wir auch wieder von einem Zeithorizont von 10, 15 oder 20 Jahre“.

Es braucht eine Verlagerung

Entlastung erhofft sich der Minister vom öffentlichen Verkehr – sofern er attraktiv ist. Gemeinsam mit dem Kanton St. Gallen, Vorarlberg und dem Bodenseeraum arbeite man daran, das Pendeln über eine Ticketkooperation einfacher zu machen. Daneben sollten Unternehmen vergünstigte Tickets an ihre Mitarbeitenden weitergeben können – eine Art Drei-Länder-Ticket. Hilti mache den ersten Schritt, weitere Firmen sollten folgen. „Jedes Auto, das nicht auf der Strasse steht, entlastet den Schaanwald“, sagt Oehry.

Fürs Oberland brauche es ein Gesamtkonzept; eine Tram-Bahn sei ein mögliches künftiges Element. Voraussetzung sei aber, dass man sich die nötigen Trassen schon heute in den Richtplänen sichere. Genau das laufe derzeit parallel mit der landesweiten Richtplanreform.

Die Vision für 2050

Gefragt nach seiner persönlichen Vision für den Verkehr im Jahr 2050 meinte Oehry, man müsse wegkommen vom Denken «Liechtenstein plant für Liechtenstein». Nötig sei ein gemeinsames Verkehrsmodell fürs ganze Rheintal, zusammen mit dem Kanton St. Gallen und Vorarlberg. Erst wenn man wisse, wo künftig die Arbeitsplätze entstünden, lasse sich sagen, ob es eine S-Bahn durchs Land brauche oder etwas anderes. Auch das autonome Fahren werde die Mobilität verändern.

Sein Wunsch: mehr Velo, mehr öffentlicher Verkehr – und das Auto dann, wenn man es wirklich brauche. Heute stehe das Auto 90 Prozent des Tages still, das sei ineffizient. Ändern lasse sich das nur mit einer wirklich guten Alternative: sicheren, gut verbundenen Radwegen und einem verlässlichen ÖV. Und man müsse Korridore freihalten – wo heute Autos führen, sei 2050 vielleicht eine Tramspur. „Das Auto ist nicht der Lebensmittelpunkt des Menschen“, sagt der Minister.

«Verkehr fliesst wie Wasser in einem Fluss. Er sucht sich den geringsten Widerstand. Darüber kann man ihn lenken.»

Am Ende bringt Oehry den Verkehr auf genau dieses Bild. Erhöhe man irgendwo den Widerstand, fliesse das Wasser nicht mehr richtig. Die verbreitete Haltung sei: Bau eine grosse Brücke oder Unterführung, dann sei alles geregelt. Doch wenn danach eine halb so breite Strasse mit Engstellen folge, hätte man das Problem nur verschoben.

hitze.li