Freie Wege für Wildtiere – Praxis trifft Planung

Josef Biedermann und Peter Eggenberger

Josef Biedermann und Peter Eggenberger | Foto: Gregor Meier

An einem gut besuchten Abendvortrag in der Aula des Gymnasiums Vaduz haben zwei Experten aus ihren langjährigen Praxiserfahrungen zu Wildtierkorridoren und Strassenquerungen berichtet. Organisiert wurde der Anlass von der Botanisch-Zoologischen Gesellschaft Liechtenstein-Sargans-Werdenberg, dem Orden Silberner Bruch und der Liechtensteiner Jägerschaft – und das Thema hat eine unmittelbare liechtensteiner Relevanz: Die Regierung hat im Dezember 2025 beschlossen, die Planung einer Wildtierunterführung an der Feldkircher Strasse in Schaan voranzutreiben.

Kanton als Koordinator – und die Herausforderung Landbesitz

Als erster Referent sprach Kevin Simmler, der auf kantonaler Ebene für die Koordination von Wildtierschutzmasssnahmen zuständig ist. Er erläuterte, dass der Bund die strategischen Vorgaben zu Wildtierkorridoren erarbeite, die Kantone aber vor Ort für die Umsetzung verantwortlich seien. Gemeinden, die Jägerschaft, Naturschutzvereine und Landeigentümer seien dabei unverzichtbare Partner – denn ohne deren Einbindung seien Massnahmen kaum realisierbar. Besonders heikel sei die Frage der Hecken als Leitstrukturen: Solche Strukturen seien für Wildtiere entscheidend, damit sie sich einem Korridor annähern und diesen nutzen. Die Verhandlungen mit Bewirtschaftern gestalten sich laut Simmler jedoch oft schwierig, da Hecken die landwirtschaftlich nutzbare Fläche einschränken.

In seinem Berichtsgebiet befinden sich zwei Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung. Im südlichen Abschnitt – Korridor Wartau – ist eine Wildtierüberführung über die Autobahn geplant, deren Realisierung für 2028 vorgesehen ist. Ein zweiter Korridor im nördlichen Bereich befindet sich ebenfalls in Planung; auch dort ist eine Überführung vorgesehen.

Wildtierkorridor
Kevin Simmler

Wildwarnanlagen als ergänzendes Instrument

Einen breiteren Raum nahmen in Simmlers Vortrag sogenannte Wildwarnanlagen ein. Diese Systeme erkennen Wildtiere entlang einer Strasse und warnen Autofahrende mit Leuchtsignalen, bevor ein Tier die Fahrbahn betritt. Seit dem vergangenen Sommer ist an einer Strecke in seinem Zuständigkeitsbereich eine solche Anlage in Betrieb – seither sei es zu keinem einzigen Wildunfall mehr auf dieser Strecke gekommen. Simmler mahnte jedoch zur Vorsicht: Die Erfahrungszeit sei noch zu kurz, um belastbare Schlüsse zu ziehen.

Eine Studie an vier Strecken mit Wildwarnanlagen zeigte, dass die Geschwindigkeit der Fahrzeuge sinkt, wenn die Anlage ausgelöst wird. Ein direkter, messbarer Rückgang der Wildunfälle war statistisch zwar nicht eindeutig nachgewiesen, aber an allen vier Strecken habe die Anlage eine Verlangsamung des Verkehrs bewirkt – und langsamere Fahrzeuge bedeuteten bei einer Kollision deutlich weniger Schaden, auch für den Fahrer. Daten aus dem Kanton Aargau zeigten an mehreren Strecken mit Wildwarnanlagen Wildunfallzahlen von 0 bis 4 pro Jahr – und das bei vorher deutlich höheren Werten.

Eine Ausnahme bilde eine Strecke, die trotz Anlage verhältnismässig viele Unfälle aufweise: Dort stehe die Vegetation zu hoch, was sowohl die Sichtbarkeit des Warnsignals für die Wildtiere als auch die Reaktionszeit der Autofahrer beeinträchtige.

Drei Massnahmen – keine Patentlösung

Überführungen, Unterführungen und Wildwarnanlagen – alle drei Varianten hätten spezifische Vor- und Nachteile, so Simmler. Wildtierüberführungen würden im Allgemeinen besser von den Tieren angenommen, seien aber kostspielig und prägen das Landschaftsbild stark. Unterführungen fügten sich unauffälliger ins Gelände ein und könnten ebenso gut funktionieren – die lokalen Gegebenheiten seien entscheidend. Wildwarnanlagen seien vergleichsweise günstig und liessen sich im Notfall auch versetzen, böten aber keine dauerhafte Gewährleistung. Ein abschliessendes Fazit, welche Variante die beste sei, wollte Simmler bewusst nicht geben: „Ich zeige Ihnen einfach Vorteile und Nachteile.»

Für ihn stehe ausser Frage, dass Hindernisse für Wildtiere – etwa unnötige Zäune – konsequent abgebaut, Lebensräume aufgewertet und alle Beteiligten in die Planung einbezogen werden müssen: „Das sind Massnahmen, die wir den Tieren gegenüber schulden, weil wir diese Landschaft verbaut haben.»

40 Jahre Feldbeobachtung im Rheintal

Als zweiter Referent sprach Peter Eggenberger, der seit 1977 als Jagdaufseher im Rheintal tätig war und seit rund zwölf Jahren pensioniert ist. Er bot einen lebendigen Rückblick auf die Veränderungen in der Landschaft – vom einst offenen Rheintal, das heute dicht besiedelt und von Waldrändern durchzogen sei – und schilderte seine langjährige Beobachtung eines Wildtierkorridors im Bereich Bad Ragaz.

Die Autobahn, die in den späten 1960er-Jahren durch die Region eröffnet worden sei, habe die traditionellen Wechsel des Rotwildes zwischen Sommer- und Wintereinständen unterbrochen. Eine Wildtierbrücke, die seither das Queren ermögliche, wurde vor einigen Jahren umfassend saniert – zu Kosten von rund 300 000 Franken – und 2020 wieder in Betrieb genommen. Sie sei mit Strukturelementen wie Steinen und Hecken ausgestattet worden, um sie für Wildtiere attraktiver zu gestalten. Auch eine Lärmschutzwand auf der Bahnseite habe die Situation verbessert.

Kamera statt Fährte – ernüchternde Zahlen

Auf Anfrage habe Eggenberger an der Brücke ein Fotofallenmonitoring durchgeführt. Das Ergebnis sei ernüchternd: Von rund 27 000 ausgewerteten Aufnahmen zeigten über 2500 Personen – Spaziergänger, Jogger, Velofahrer – die Brücke nutze in erster Linie der Mensch. Wildtiere wurden lediglich 25 Mal erfasst: je einmal Dachs und Feldhase, zweimal Reh. Eggenberger schloss daraus nicht, dass die Brücke nutzlos sei – das Rotwild wechsle im Herbst aus dem Taminatal über Verbindungsstrukturen ins Rheintal, aber auf anderen Routen und zu anderen Zeiten. GPS-Besenderungen hätten gezeigt, dass die Tiere durchaus querten – nur nicht über jene Brücke, die man jahrzehntelang als zentral angesehen habe. „Man entscheidet sich für einen Ort, der zu dem Zeitpunkt optimal erscheint. Aber es kann sein, dass sich der Wildwechsel verändert.»

Liechtensteiner Dimension

Der Vortrag kam nicht von ungefähr: Der Vaduz-Nendeln-Korridor gilt als national bedeutsamer Wildtierkorridor, über den Rotwild zwischen den Lebensräumen beiderseits der Grenze wechselt. An der Feldkircher Strasse in Schaan kommt es regelmässig zu Wildunfällen, die teils schwere Schäden an Fahrzeugen verursachen. Die liechtensteinische Regierung hat im Dezember 2025 beschlossen, die Architekturplanung für eine Wildtierunterführung am Standort des bestehenden Durchlasses „Forst Nord» voranzutreiben – frühestmöglich im Rahmen der dritten Bauphase der Feldkircher Strasse 2027.