Brennende Barrikaden in Zürich, Plünderungen in Frankfurt: Gewalt überschattet Jugendproteste in Europa

Proteste in Deutschland

Proteste in Deutschland | Foto: Roy Zou

In der Nacht auf Sonntag haben Ausschreitungen in mehreren europäischen Städten die Jugendproteste vom Samstag überschattet. In Zürich brannten im Kreis 4 Barrikaden, in Frankfurt plünderten Randalierer Geschäfte, in Paris wurde ein Gendarm von einem Brandsatz getroffen. Tagsüber waren in Frankreich und Deutschland Hunderttausende weitgehend friedlich auf die Strasse gegangen.

Krawallnacht an der Langstrasse

In Zürich hatten linksextreme Gruppen im Vorfeld zu einer unbewilligten Kundgebung im Kreis 4 aufgerufen. Der Aufruf war auf der Plattform Barrikade.info erschienen und unter anderem von der Revolutionären Jugend Zürich über soziale Medien verbreitet worden. Die Verfasser bezogen sich ausdrücklich auf die Proteste in Frankreich und Italien und forderten die Teilnehmer auf, verkleidet zu erscheinen. Halloween-Kostüme sind zwar vom Verhüllungsverbot ausgenommen, an Demonstrationen kann die Polizei Vermummte aber trotzdem verzeigen; es drohen Bussen von bis zu 1000 Franken.

Gemäss Stadtpolizei versammelten sich gegen 22.30 Uhr mehrere hundert Personen bei der Piazza Cella an der Langstrasse und mischten sich unter die Partygänger. Ein Teil war vermummt, trug Schutzbrillen oder Halloween-Kostüme. Gegen 23 Uhr zog die Menge in Richtung Helvetiaplatz. Im Bereich der Lang- und der Stauffacherstrasse wurden Container auf die Fahrbahn geschoben und angezündet. Die Polizei drängte die Gruppe mit Wasserwerfern zurück, worauf sich diese aufteilte und durch das Quartier zog. Immer wieder gingen Container, E-Bikes und E-Trottinette in Flammen auf, an der Zwinglistrasse brannte ein Auto. Die Scheiben der VBZ-Haltestelle Stauffacher und mehrerer Geschäfte rund um den Helvetiaplatz gingen zu Bruch.

Die Einsatzkräfte wurden laut Polizei mit Feuerwerk, Steinen und Flaschen angegriffen. Kurz nach Mitternacht wurde an der Brauerstrasse eine Patrouille attackiert, die wegen eines medizinischen Notfalls unterwegs war: Ein Jugendlicher hatte sich bei einem Unfall schwer am Bein verletzt. Das Patrouillenfahrzeug wurde beschädigt, die Polizisten mussten sich zurückziehen. Die Stadtpolizei setzte Wasserwerfer, Reizstoff und Gummischrot ein und wurde von der Kantonspolizei unterstützt. Zahlreiche Schaulustige erschwerten den Einsatz. Gegen 1.30 Uhr beruhigte sich die Lage.

Die Höhe des Sachschadens ist noch nicht bekannt. Zu Festnahmen machte die Stadtpolizei in ihrer Mitteilung keine Angaben. Sie hat Ermittlungen aufgenommen.

Auch in Basel blieb es nicht ruhig. Rund 150 Personen folgten einem Aufruf unter dem Motto „Gen Z klärt das“. Gegen 22.30 Uhr zündeten sie auf dem St. Johanns-Platz Barrikaden an. Als die Kantonspolizei eingriff, flüchteten sie in den St. Johanns-Park.

Plünderungen in Frankfurt

In Deutschland hatte die Initiative „Gen Z regelt“ zu Kundgebungen in über 30 Städten aufgerufen. Sie fordert bessere Bildung, bezahlbare Lebenshaltungskosten, mehr Klimaschutz und ein Ende der Wehrpflicht. Nach Angaben der Initiative beteiligten sich mehr als 100’000 Menschen, wobei die Zahlen aus mehreren Städten noch fehlten. Zugesagt hatten über 160’000. In Berlin zählte die Polizei vor dem Brandenburger Tor bis zu 5000 Teilnehmer.

Die Kundgebungen selbst verliefen grösstenteils friedlich. Nach Einbruch der Dunkelheit eskalierte die Lage jedoch in mehreren Städten, am heftigsten in Frankfurt am Main. Dort hatten am Nachmittag rund 8000 Menschen demonstriert. Gegen 18.20 Uhr löste die Polizei die Versammlung auf, nachdem Pyrotechnik und Böller gezündet und Steine auf Beamte geworfen worden waren. Danach zogen Randalierer durch die Innenstadt, schlugen Schaufenster ein und plünderten Geschäfte auf der Zeil und in den umliegenden Strassen, darunter zwei Schuhgeschäfte. Auch ein Waffengeschäft wurde angegriffen; die Polizei stellte zwei Waffen sicher, ein Spezialeinsatzkommando sicherte den Laden. Gegen die Beamten flogen Molotowcocktails, Steine, Flaschen und Böller, mehrere Polizisten wurden verletzt. Die Polizei sperrte die Zeil ab und nahm mehr als 30 Personen vorläufig fest. Erst am frühen Morgen beruhigte sich die Lage. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) zeigte sich „schockiert von den Gewaltexzessen“.

In Köln wurde der geplante Demonstrationszug abgesagt, nachdem vermummte Teilnehmer Pyrotechnik gezündet hatten. Am Abend griffen rund 200 Personen auf der Domplatte Polizisten an. In Hamburg brannten Barrikaden. In Berlin flogen bei einem zweiten Demonstrationszug vom Rosenthaler Platz aus, an dem rund 3500 Personen teilnahmen, Böller, Eier und Raketen auf Polizisten und Reporter. Die Berliner Polizei meldete 27 leicht verletzte Beamte und 56 Festnahmen.

„Gen Z regelt“ distanzierte sich von den Ausschreitungen. Gewalt sei nie Teil der Bewegung gewesen, die Initiative stehe für friedlichen Protest, hiess es. Auf die Ereignisse nach dem Ende der Kundgebungen habe man keinen Einfluss gehabt. Im November will sich die Initiative an europaweiten Protesten und einem internationalen Jugendstreiktag beteiligen.

Gendarm in Paris von Flammen erfasst

In Frankreich gingen die Menschen bereits den dritten Samstag in Folge gegen die hohen Lebenshaltungskosten auf die Strasse. Aufgerufen hatten unter anderem die Koordination der Gelbwesten sowie Schüler- und Studentenorganisationen. Das Innenministerium zählte landesweit rund 320’000 Demonstranten, davon 70’000 in Paris. Die Organisatoren sprachen von fast einer halben Million. Eine Woche zuvor hatten die Behörden noch 410’000 Teilnehmer gezählt.

Nach einem ruhigen Verlauf kam es am späten Nachmittag und am Abend zu Zusammenstössen. In Paris und Lyon setzte die Polizei Tränengas ein, auch aus Rennes und Toulouse wurden Auseinandersetzungen und Brände gemeldet. In Paris wurde ein Gendarm von Flammen erfasst, nachdem ein Molotowcocktail auf eine Absperrung geworfen worden war. Innenminister Laurent Nuñez sprach von versuchtem Totschlag. Bis 20 Uhr wurden landesweit 511 Personen festgenommen, später nannte Nuñez 520 Festnahmen. In Lyon hatte die Präfektur für die Nacht eine Ausgangssperre für unbegleitete Minderjährige in Teilen der Stadt verhängt und Versammlungen zwischen 23 und 6 Uhr verboten.

In Wien wurden im Zusammenhang mit Versammlungen in der Innenstadt fünf Personen vorübergehend festgenommen. Ein Verdächtiger soll versucht haben, ein abgestelltes Polizeifahrzeug mit einer brennbaren Flüssigkeit zu beschädigen. Bereits am Freitag hatte die Polizei wegen Gewaltaufrufen in sozialen Medien sechs Hausdurchsuchungen in Wien und Niederösterreich durchgeführt.