Teurer Diesel, leere Regale: Wie ein Lkw-Protest Italiens Pasta-Produktion stoppt

Pasta

Im Land der Pasta gehen die Nudeln aus. In mehreren Supermärkten Süditaliens stehen diese Woche leere Regale, wo sonst Spaghetti und Penne liegen. Der Grund ist weder eine schlechte Ernte noch ein Mangel an Weizen, sondern ein Protest der Lastwagenfahrer. Seit dem 16. Oktober blockieren sie in Süditalien Strassen, Autobahnausfahrten und Häfen – aus Wut über die hohen Dieselpreise. Weil kein Hartweizengriess mehr in die Fabriken gelangt, stehen dort die Maschinen still.

Grosse Marken drosseln oder stoppen

Am härtesten getroffen hat es den Traditionshersteller Rummo im kampanischen Benevento. Das Unternehmen hat Anfang dieser Woche die Produktion eingestellt, nachdem die Griessvorräte aufgebraucht waren. Laut Firmenchef Cosimo Rummo, der sich gegenüber der Zeitung „La Repubblica“ äusserte, kamen weder Lastwagen mit Rohstoffen noch Tankwagen an. Ein Grossteil der italienischen Pasta-Produktion sei zum Stillstand gekommen oder stehe kurz davor, sagte er laut der Nachrichtenagentur Reuters.

Auch La Molisana in Campobasso hat die Produktion massiv zurückgefahren und zehrt von den eigenen Lagerbeständen an Weizen und Griess. Beim Hersteller Garofalo in Gragnano bei Neapel laufen die Anlagen seit Dienstag wieder, allerdings nur mit rund 40 Prozent der Kapazität.

Das Problem liegt dabei nicht in fehlendem Getreide. Der Rohstoff ist vorhanden, doch ohne Lastwagen kommt er nicht in die Werke. Wie verletzlich die Branche ist, zeigt ihre Grösse: Laut einer Studie der Beratungsfirma European House-Ambrosetti erwirtschaftete die italienische Pasta-Wertschöpfungskette im vergangenen Jahr einen Umsatz von 13,5 Milliarden Euro.

Mozzarella, Gemüse, Benzin

Die Pasta ist nur das sichtbarste Beispiel. In Neapel, Sizilien, Kalabrien und Apulien fehlten in den Supermärkten zuerst frische Waren wie Obst, Gemüse, Fleisch, Milchprodukte und Eier. Weil viele Kunden sich mit Vorräten eindeckten, wurden danach auch Mehl, Nudeln und Konserven knapp. Vor den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen, einzelnen Stationen in Apulien, Kalabrien und der Basilikata ging der Treibstoff aus.

Zahlreiche Käsereien der Mozzarella di Bufala Campana mussten pausieren: Die Büffelmilch muss nach den Vorschriften der geschützten Ursprungsbezeichnung innert 60 Stunden verarbeitet werden, was ohne Transport nicht mehr möglich war. Das Konsortium bat darum, verderbliche Waren durch die Blockaden zu lassen.

Auch die Landwirtschaft schlägt Alarm. Der Bauernverband Confagricoltura warnte, sizilianische Produzenten müssten grosse Mengen verderblicher Ware vernichten, wenn der Transport nicht wieder anlaufe. In Apulien konnten laut dem Bauernverband Coldiretti viele Betriebe bereits geerntetes Obst, Gemüse und Pilze nicht ausliefern. Auf dem römischen Grossmarkt Centro Agroalimentare Roma, dem grössten Obst- und Gemüsemarkt des Landes, wurden Tomaten, Peperoni und Trauben knapp und teurer; die Händler wichen auf Importe aus Spanien und Albanien aus.

Diesel fast 40 Prozent teurer als vor einem Jahr

Hinter dem Protest steht der Dieselpreis. Seit dem Iran-Krieg und den Einschränkungen in der Strasse von Hormus ist Treibstoff in ganz Europa deutlich teurer geworden. In Italien kam Anfang Oktober ein hausgemachter Schub dazu: Am 6. Oktober lief ein befristeter Steuerrabatt von rund sechs Cent pro Liter Diesel aus, eine angekündigte Nachfolgeregelung trat nicht in Kraft. Mitte Oktober kostete ein Liter Diesel an italienischen Tankstellen laut den Daten des Wirtschaftsministeriums im Schnitt 2,26 Euro, auf den Autobahnen knapp 2,30 Euro. Der Konsumentenverband Codacons rechnet vor, dass Diesel damit rund 39 Prozent teurer ist als vor einem Jahr.

Für viele kleine Transportunternehmen ist das existenzbedrohend. Sie arbeiten mit knappen Margen und können die Mehrkosten nicht kurzfristig an ihre Auftraggeber weitergeben. Gefordert werden deshalb rasche Hilfsgelder, die schnellere Auszahlung bereits gesprochener Beiträge und Frachttarife, die an den Dieselpreis gekoppelt sind. Der Protest ist allerdings nicht national koordiniert: Getragen wird er von regionalen Komitees und Verbänden, vor allem in Kampanien, Apulien, Kalabrien und Sizilien.

Rom reagiert mit Millionenpaket

Die Regierung von Giorgia Meloni hat in den vergangenen Tagen mehrere Schritte unternommen. Verkehrsminister Matteo Salvini traf sich am Dienstag mit den nationalen Transportverbänden und verwies auf 430 Millionen Euro an bereits gesprochenen Mitteln, die noch diese Woche ausbezahlt werden sollen. Am Donnerstag verabschiedete der Ministerrat zudem ein Dekret für das Transportgewerbe. Es sieht unter anderem Steuergutschriften von 126,4 Millionen Euro für bereits getätigte Dieselkäufe vor, ein Moratorium für Leasingraten von Lastwagen zwischen November und März sowie verbindliche Mindestwerte für den Treibstoffanteil in Frachtverträgen. Vizeverkehrsminister Edoardo Rixi bezeichnet diese Regelung als „spanisches Modell“. Viele Details sind noch offen, der definitive Text war bis Donnerstag nicht veröffentlicht.

Die Wirkung zeigt sich bisher nur teilweise. In Sizilien und Kalabrien haben mehrere Verbände ihren Streik ausgesetzt, eine Versammlung in Catania stimmte allerdings für die Fortsetzung. In Kalabrien und der Basilikata gibt es vorerst nur noch Mahnwachen ohne Auswirkungen auf den Verkehr. In Kampanien hingegen blieb die Ausfahrt Nocera-Pagani der Autobahn A30 am Donnerstag gesperrt, und auch in Apulien gehen die Aktionen weiter. Die Regionalgruppen in Kampanien wollen mindestens bis zum nächsten Treffen mit Salvini am 27. Oktober weitermachen.

Die elf im nationalen Transportregister vertretenen Verbände haben das Innenministerium inzwischen selbst aufgefordert, die Blockaden zu beenden. Das wiederum sorgt bei Teilen der Basis für Ärger: Die Gruppierung Ruote Libere wirft den Verbänden vor, die Staatsmacht gegen die eigenen Fahrer einzuschalten.

werbung_3