Genua-Prozess: Ex-Autostrade-Chef zu zwölf Jahren Haft verurteilt

Morandi Brücke

Morandi Brücke

Ein Gericht in Genua hat am Donnerstag 32 Personen im Zusammenhang mit dem Einsturz der Morandi-Brücke verurteilt – acht Jahre nachdem am 14. August 2018 ein rund 200 Meter langes Teilstück der Autobahnbrücke einstürzte und 43 Menschen in den Tod riss. Ex-Autostrade-Chef Giovanni Castellucci, der Hauptangeklagte im bislang grössten Strafprozess der italienischen Nachkriegsgeschichte, wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Insgesamt verhängte das Gericht Strafen zwischen einem Jahr und elf Monaten sowie zwölf Jahren – zusammengerechnet fast 200 Jahre Gefängnis. In 25 von 57 Fällen kam es zu Freisprüchen oder Verjährung.

Vorwurf: Wartung aus Kostengründen verschleppt

Die Anklage warf Castellucci vor, seit Jahren von Mängeln am später eingestürzten Pfeiler Nummer neun gewusst und Wartungsarbeiten aus Kostengründen verschleppt zu haben. Sein Verteidiger Guido Carlo Alleva wies das Urteil zurück: „Man hat einen Schuldigen gesucht, statt Verantwortung festzustellen. Castelluccis einzige Schuld ist, dass er unschuldig ist.» Berufung ist bereits angekündigt. Das Urteil ist nicht rechtskräftig und kann noch zwei weitere Instanzen durchlaufen – Beobachter rechnen damit, dass der Fall die Gerichte noch Jahre beschäftigen wird.

Privatisierung und Rückkauf: der wirtschaftspolitische Hintergrund

Weniger im Fokus der Tagesberichterstattung steht der wirtschaftspolitische Hintergrund des Falls. Betreiberin der Brücke war Autostrade per l’Italia, eine Tochter des Mautstrassenkonzerns Atlantia, der von der Unternehmerfamilie Benetton kontrolliert wird. Die Wurzeln des Konflikts reichen bis in die Autobahnprivatisierung der späten 1990er Jahre zurück, als der italienische Staat sein Autobahnnetz gegen langfristige Konzessionsverträge in private Hände gab. Nach der Katastrophe zwang die Regierung Atlantia zwar, sich von der Betreibergesellschaft ASPI zu trennen – anstatt die Konzession jedoch als Sanktion zu entziehen, kaufte ein staatlich geführtes Konsortium die Anteile für rund 8 Milliarden Euro zurück. Kritiker werten das bis heute als faktische Entschädigung der Benetton-Gruppe statt als Bestrafung.

Reaktionen

Der heutige ASPI-Chef Arrigo Giana hatte sich kurz vor der Urteilsverkündung öffentlich bei den Angehörigen entschuldigt – ein Schritt, den Opfervertreterinnen als spät, aber willkommen bezeichneten. Verkehrsminister Matteo Salvini sprach von einer Katastrophe, die „nicht unbestraft bleiben» dürfe. Über den Einzelfall hinaus gilt der Prozess als Testfall dafür, wie weit strafrechtliche Verantwortung von Managern für die Instandhaltung privatisierter Infrastruktur reicht – ein Thema, das angesichts alternder Brücken- und Tunnelbestände auch anderswo in Europa an Bedeutung gewinnt.

hitze.li