40 Jahre Liechtenstein-Institut: Die Frage, wer wir sind, bleibt offen

40 Jahre Liechtenstein Institut

Guido Meier

14’668 Tage hat Guido Meier nachgezählt. So lange ist es her, seit am Staatsfeiertag, dem 15. August 1986, im Kapitelsaal auf dem Kirchhügel in Bendern das Liechtenstein-Institut gegründet wurde. „Damals waren wir überzeugt und beseelt von der Idee, es braucht ein Liechtenstein-Institut“, sagte Meier zur Eröffnung der Jubiläumsfeier. „Und nach all dem, was wir in diesen vielen Tagen forschen, schaffen, lehren und publizieren konnten, sind wir es immer noch.“

Das Institut sei inzwischen selbst zur Institution geworden, so Meier. Das erfülle ihn mit Freude, Zufriedenheit, Dankbarkeit und Demut – vier Begriffe, die sich durch seine ganze Rede zogen.

Batliners Idee, Malins Bescheidenheit

Meier erinnerte an den Gründer Gerard Batliner, den er als Freund und „konstante Herausforderung“ bezeichnete. Batliner habe zusammen mit idealistisch gesinnten Weggefährten Staat und Gesellschaft Liechtensteins analysieren und geistig durchdringen wollen. Seine Überzeugung: Nur wer sich selbst versteht, kann sich anderen verständlich machen. Aus dieser Idee sind bis heute 65 Bände der Reihe „Liechtenstein Politische Schriften“ hervorgegangen, dazu zahlreiche Monografien und weitere Publikationen.

Die Frage nach der eigenen Identität begleite das Land seit jeher. Ein Kleinstaat mit rund 40’000 Einwohnern auf 160 Quadratkilometern sei im geopolitischen Gefüge stets mit Existenzfragen und Existenzängsten befasst – „nicht zu Unrecht“, wie Meier anmerkte. Die Existenz Deutschlands oder Frankreichs stelle niemand in Frage. Er selbst sei am Zoll ausländischer Flughäfen jeweils gefordert, sich als Liechtensteiner zu erklären – und freue sich zugleich, es zu können.

Liechtenstein als Vorbild für andere? Das wäre zu hoch gegriffen, meinte Meier und zitierte Mitgründer Georg Malin: „Wer Bescheid weiss, ist bescheiden.“ Als Vorbild für sich selbst aber schon – und zwar jenseits des Materiellen. „Wir wollen mehr sein als Wohlstand, mehr sein als Standort.“

Vom Umgang mit dem Reichtum

Früher habe das Land seine materielle Armut verwaltet und mit Fleiss, Kreativität und Glück aus ihr herausgefunden. Heute stelle sich eine ebenso anspruchsvolle Frage: wie man verantwortungsvoll mit dem erlangten Reichtum umgeht – mit dem Geld, dem knappen und teuren Boden, der Landschaft, der Geschichte und der boomenden Wirtschaft.

Das Bekenntnis zum Land dürfe sich nicht auf die feierliche Deklamation auf der Schlosswiese beschränken, mahnte Meier. Gefordert sei Engagement auf vielen Ebenen – kulturell, sozial, politisch und wirtschaftlich. Als Beispiele, wie man weiter ausgreifen könnte, nannte er einen verpflichtenden Zivildienst oder die Unterstützung der Schweizer bei der Überwachung der eigenen Grenze. „Was sind wir bereit, für unser Land, für unser Staatswesen, für das schillernde Thema Souveränität zu tun – mit Gedanken, Händen und Füssen?“

Wer sein Land liebe, müsse sich mit ihm auch kritisch, wissenschaftlich nachvollziehbar und in die Tiefe gehend befassen. Genau das tue das Institut seit 40 Jahren in Geschichte, Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.

Natürliche Intelligenz nicht vergessen

Zum 25-Jahr-Jubiläum hatte das Institut mit Band 50 der Politischen Schriften eine Festschrift herausgegeben. Meier zitierte daraus die Aufgaben, die sich seit der Gründung bewährt hätten: das Liechtenstein-Wissen sichern und ausbauen, Forschung auf hohem Niveau betreiben, liechtensteinische Themen attraktiver machen, den einheimischen Forschungsnachwuchs fördern und die internationale Vernetzung vorantreiben. Die Aufgaben blieben dieselben, die Anforderungen an Staat, Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft aber stiegen mit der zunehmenden Komplexität stetig. Das gelte auch 15 Jahre später noch.

Vieles habe sich seither gewandelt. „Die künstliche Intelligenz ist in aller Munde. So sollten wir darob auch die natürliche Intelligenz nicht vergessen“, sagte Meier und verwies auf Friedrich Schiller, für den nichts zum Guten führe, was nicht natürlich sei – nämlich das praktische Gefühl von Recht und Unrecht.

Dank an Gamprin und an die Geldgeber

Meier dankte den Forschern, den Professoren im Wissenschaftlichen Rat, dem Vorstand und der Administration sowie den öffentlichen und privaten Geldgebern. Einen besonderen Dank richtete er an die Gemeinde Gamprin, die aus der Ruine des Pfarrstalls auf dem Kirchhügel ein Institutsgebäude habe entstehen lassen. Batliner habe das Gebäude schon von Anfang an im Auge gehabt; die ersten zehn Jahre war das Institut unterhalb des Kirchhügels untergebracht.

Dass sich das Institut 40 Jahre lang behaupten konnte, führte Meier auf eine Vision, Durchhaltevermögen, gleichgesinnte Mitstreiter und die nötige finanzielle Ausstattung zurück. „Und doch braucht es Glück.“

Unter den Gästen begrüsste er Landtagspräsident Manfred Kaufmann, Regierungschefin Brigitte Haas, Regierungsrat Emanuel Schädler, den stellvertretenden Präsidenten des Staatsgerichtshofs Christian Ritter, den Gampriner Gemeindevorsteher Johannes Hasler sowie die Rektoren der Universität Liechtenstein und der Privaten Universität im Fürstentum Liechtenstein (UFL).

Schädlers „Kirchhügelgleichnis“

Emanuel Schädler
Regierungsrat Emanuel Schädler

Nach einer kurzen Überleitung durch die Moderation – die Bar mit den bereits vorbereiteten Drinks blieb vorerst noch geschlossen – trat Regierungsrat Emanuel Schädler ans Rednerpult. Er stellte seine Ansprache unter den Titel „Die Kraft der Idee Liechtenstein oder Platon auf dem Kirchhügel“. „Unterschätzen Sie nicht, wie wirkmächtig Ideen sind“, sagte der Minister für Gesellschaft und Justiz. Menschen hätten sich für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit begeistert und dafür gekämpft und geblutet.

Schädler griff auf eine Formulierung Gerard Batliners zurück: Dem Liechtenstein-Institut, aber auch der Liechtensteinischen Akademischen Gesellschaft und dem Historischen Verein gehe es um die Beschäftigung mit der „Idee Liechtenstein“. Batliner, der die Verfassung für ihre ungemein feine und präzise Sprache gerühmt habe, sei beim Wort zu nehmen. Gemeint sei die Idee nicht im heutigen Sinn eines Einfalls, sondern im platonischen: als ewiges Urbild, von dem in der Sinneswelt nur Abbilder erscheinen.

Eines dieser Abbilder, das er in einer frühen Politischen Schrift gefunden habe, gefällt Schädler besonders: Liechtenstein als Schiff, bei dem die Passagiere zugleich die Besatzung sind. Das beantworte die Identitätsfrage auf historische Weise – wir sind alle, die in diesem Schiff sitzen, das seit 1719 die Ozeane der Weltgeschichte kreuzt und das wir selbst steuern. Wenn sich die Liechtensteiner nicht selbst mit der Idee Liechtenstein befassten, tue es niemand an ihrer Stelle. Im Bild des Schiffs sei das Liechtenstein-Institut seit 40 Jahren ein Leuchtturm, der vom Kirchhügel aus Navigationshilfe leiste.

Über den Philosophen Hans Blumenberg und dessen Arbeiten zur Lichtmetaphorik gelangte Schädler zu Platons drei Gleichnissen aus der „Politeia“ – dem Sonnen-, dem Linien- und dem Höhlengleichnis. Zum Geburtstag wolle er dem Institut ein eigenes Gleichnis schenken: das „Hügelgleichnis“, genauer das „Kirchhügelgleichnis“. Darin lässt er Sokrates von Menschen in einem kleinen Land in einem Talstreifen zwischen den Bergen erzählen, deren Blick auf den Boden gesenkt ist, den sie fleissig beackern. Das Land ist fruchtbar, Reichtum erblüht. Dann richten einige den Blick auf, sehen die anderen Menschen, das Tal und den Fuss der Berge – und beginnen zu fragen.

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