Japanische Beteiligungspraxis als Anregung für Liechtenstein

Zemma Plana

Donat Marxer, Gastexpertin Sae Kondo, Peter Droege und George Müller, Honorargeneralkonsul von Japan in Zürich

Wie lassen sich öffentliche Räume so gestalten, dass Menschen sie dauerhaft nutzen, pflegen und weiterentwickeln? Diese Frage stand im Zentrum eines englischsprachigen Erfahrungsaustauschs, zu dem die Reihe „Zemma Plana“ am Montagvormittag ins Vadozner Huus nach Vaduz eingeladen hatte. Den Impulsvortrag hielt Sae Kondo, Assoziierte Professorin an der Universität Tokio und Leiterin des Labors für Gemeinschaftsgestaltung am Forschungszentrum für fortgeschrittene Wissenschaft und Technik. Durch die anschliessende Diskussion führte Peter Droege.

Dass Tokio und Liechtenstein wenig gemeinsam hätten, wollte Droege in seiner Einführung nicht gelten lassen: Die Bevölkerung der japanischen Metropolregion sei rund tausendmal so gross wie jene Liechtensteins, ihre Fläche entspreche in etwa der Bodenseeregion. Der Anlass fiel zudem mit dem 30-Jahr-Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Liechtenstein und Japan zusammen.

Planung für eine schrumpfende Gesellschaft

Kondo stellte ihren Vortrag unter den Titel „From Designing Space to Enabling Public Life“. Ausgangspunkt ist der demografische Wandel in Japan: Nach der nationalen Bevölkerungsprojektion von 2023 sinkt die Einwohnerzahl von rund 126 Millionen im Jahr 2020 auf etwa 87 Millionen im Jahr 2070, ein Rückgang von rund 31 Prozent. Gleichzeitig dürften dann 38,7 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sein. Das verändere nicht nur den Wohnraumbedarf, sondern auch die Frage, wer öffentliche Räume überhaupt noch nutzt, unterhält und trägt.

Japan antwortet darauf mit dem Konzept des „Compact plus Network“: Gemeinden bündeln Wohnen und städtische Funktionen in ausgewählten Bereichen und verbinden diese mit öffentlichem Verkehr. Solche Pläne zeigten allerdings nur die Verteilung von Funktionen und Verkehrsachsen, so Kondo. Sie sagten nichts darüber aus, warum sich Menschen an einem Ort aufhalten wollen.

Machizukuri: Planung, die beim Alltag beginnt

Sae Kondo von der Tokio Universität
Sae Kondo von der Tokio Universität

Hier setzt die japanische Tradition des Machizukuri an, die sich Ende der 1960er-Jahre aus der Initiative von Anwohnern entwickelte. Der Stadtforscher Shigeru Satoh beschreibt sie als fortlaufende Tätigkeit, die lokale Ressourcen und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure nutzt, um die Lebensqualität zu verbessern – über den baulichen Raum hinaus bis in Gemeinschaftsleben, Sozialwesen, Bildung und lokale Wirtschaft. Entscheidend sei, dass ein Vorhaben mit der Fertigstellung nicht ende, sondern über Versuch, Auswertung und Verbesserung weiterlaufe.

Kartonmöbel auf dem Trottoir

Wie das praktisch aussieht, zeigte Kondo am Beispiel der Strasse vor dem Bahnhof von Iwaki in der Präfektur Fukushima. Das Trottoir diente dort ausschliesslich der Fortbewegung. Um zu prüfen, ob es auch zum Verweilen taugt, stellte das Forschungsteam bewegliches Strassenmobiliar aus Karton auf und beobachtete, wie es genutzt wurde. 2023 wurden zwölf Anordnungen mit knapp 300 Teilnehmern getestet: Wo Tische standen, blieben die Leute im Median 15 Minuten, ohne Tische 11 Minuten. 2024 folgten zehn ausgewählte Anordnungen mit 215 Teilnehmern; die beste erreichte einen Median von 18 Minuten.

Statistisch belastbar sei nicht, dass eine einzelne Anordnung immer am besten funktioniere, betonte Kondo. Belegt sei aber, dass die Stellung kleiner Elemente zueinander das Verhalten messbar beeinflusst. Die Ergebnisse flossen in das sogenannte Hokomichi-System ein, das mit der Revision des japanischen Strassengesetzes 2020 geschaffen wurde: Strassenträger können Teile des Trottoirs für den Aufenthalt reservieren und Betreibern Nutzungsrechte von bis zu 20 Jahren erteilen. In Iwaki wurde der untersuchte Abschnitt entsprechend ausgewiesen, festes Strassenmobiliar folgte 2025.

Parallel dazu baute eine lokale Initiative eigene Möbel und stellte sie auf dasselbe Trottoir. Beide Stränge – Forschung und Nachbarschaftsinitiative – verfolgten dasselbe Ziel und erleichterten der Gemeinde am Ende die Umsetzung. Zwei weitere Fallbeispiele stellte Kondo knapper vor: In Toyohashi ging es darum, Anwohner zu befähigen, ein digitales System selbst zu betreiben, in einem dritten Fall um die Frage, wie sich Beziehungen vor Ort verändern, wenn ein privater Betreiber einen öffentlichen Park übernimmt.

hitze.li