Brennender Tanker in der Strasse von Hormus: Mine oder Angriff – und der Ölpreis klettert über 107 Dollar
Ein havarierter Produktentanker vor der Küste Omans, zwei völlig gegensätzliche Erklärungen und ein Rohölpreis, der so hoch steht wie seit Monaten nicht mehr: Der Fall der „El Gaia“ zeigt exemplarisch, wie unübersichtlich die Lage am wichtigsten Öl-Nadelöhr der Welt geworden ist – und wie direkt sie bis an die Zapfsäulen in Liechtenstein und der Schweiz durchschlägt.
Was gesichert ist – und was nicht
Unbestritten ist wenig. Fest steht, dass die unter panamaischer Flagge fahrende „El Gaia“ – ein rund 180 Meter langer Produktentanker mit etwa 48 000 Tonnen Tragfähigkeit – am vergangenen Wochenende vor der omanischen Küste in Brand geriet. An Bord waren nach Angaben des indischen Aussenministeriums 14 Besatzungsmitglieder indischer Herkunft. 13 von ihnen konnten gerettet werden, nach einem Seemann wurde zunächst weiter gesucht.
Neu Delhi verurteilte den Vorfall scharf. Das Aussenministerium erklärte, das gezielte Vorgehen gegen Handelsschifffahrt, Seeleute, Zivilisten und zivile Infrastruktur in der Region sei „inakzeptabel“, und rief zu sofortiger Deeskalation auf. Eine Zuständigkeit für den Angriff hat zunächst kein Staat übernommen.
Ab hier gehen die Darstellungen auseinander.
Version eins: die Seemine
Die iranische Revolutionsgarde (IRGC) teilte am Montag über staatsnahe Medien mit, der Tanker sei beim Versuch, ein gesperrtes Gebiet südlich der Strasse von Hormus zu durchfahren, auf eine Seemine gelaufen. Das gesamte Schiff stehe in Flammen, Löschversuche seien gescheitert. Man habe zuvor vor den Gefahren in dem Gebiet gewarnt. Die Strasse von Hormus, so die Revolutionsgarde, sei „geschlossen und bleibt unter unserer intelligenten Kontrolle“.
Eine unabhängige Bestätigung dieser Darstellung gibt es nicht – weder zum Minentreffer noch zum Ausmass der Schäden.
Version zwei: zwei Angriffe
Das US-Zentralkommando CENTCOM widersprach umgehend und ungewöhnlich direkt. Die Behauptung eines Minentreffers sei „falsch“, hiess es in einer offiziellen Mitteilung. Die „El Gaia“ sei bereits im Vormonat von einer iranischen Rakete getroffen und dabei manövrierunfähig gemacht worden; am vergangenen Wochenende sei sie vor Oman vor Anker ein zweites Mal beschossen worden, diesmal von einer Drohne. Die iranische Minen-Version reiht CENTCOM in ein Muster von Falschbehauptungen und Einschüchterungsversuchen ein.
Für die amerikanische Lesart spricht, dass US-Präsident Donald Trump bereits am 25. August erklärt hatte, die US-Marine habe ihm mitgeteilt, in den internationalen Gewässern der Strasse von Hormus seien alle Minen „entfernt und/oder gesprengt“ worden. Ein Minentreffer würde diese Erfolgsmeldung nachträglich entwerten – ein Motiv, das Beobachter bei der Bewertung beider Seiten im Blick behalten sollten.
Auffällig ist zudem: Der AIS-Transponder der „El Gaia“ war nach Auswertungen von Schiffsverfolgungsdiensten seit mehr als fünf Tagen abgeschaltet – ein Verhalten, das im Golf derzeit viele Schiffe zeigen, um nicht als Ziel erkennbar zu sein. Das Schiff stand ausserdem auf einer von iranischer Seite geführten Liste von 57 als „nicht konform“ eingestuften Schiffen, denen bei Durchfahrten Einschränkungen drohen. Beides macht eine unabhängige Rekonstruktion schwierig – und beides lässt sich für beide Erzählungen ins Feld führen.
Ein Seeweg, der praktisch stillsteht
Der Vorfall ist kein Einzelfall. Das Joint Maritime Information Center stuft die Bedrohungslage in der Meerenge unverändert als „schwerwiegend“ ein; allein innerhalb von 72 Stunden wurden zuletzt drei Schiffe angegriffen. Zu den registrierten Gefahren zählen Beschuss, mögliche Verminung, Überwachung durch die Revolutionsgarde und gezielte Störungen der Navigation.
Über den Umfang des verbliebenen Verkehrs streiten sich die Beteiligten ebenfalls. US-Energieminister Chris Wright bezifferte den Durchfluss auf zuletzt durchschnittlich zehn Millionen Fass Öl pro Tag – rund zwei Drittel des früheren Volumens. Schiffsverfolgungsdienste zeichnen ein deutlich düstereres Bild: Der Verkehr liege etwa 90 Prozent unter dem Vorkriegsniveau, an einzelnen Tagen seien nur noch einstellige Zahlen an Durchfahrten registriert worden.
Zur Einordnung: Nach Daten der US-Energiebehörde EIA passierten im vierten Quartal 2025 noch 20,7 Millionen Fass pro Tag die Meerenge, im ersten Quartal 2026 waren es 14,6 Millionen – ein Rückgang um rund 30 Prozent, und das war noch vor der jüngsten Eskalation. Rund ein Fünftel des weltweit auf dem Seeweg transportierten Öls und Flüssigerdgases läuft normalerweise durch diese Passage.
Der Ölpreis: 107 Dollar und kein Ende in Sicht
Die Märkte reagierten prompt. Die Nordseesorte Brent sprang zum asiatischen Handelsauftakt am Montag auf bis zu 108.49 Dollar je Fass, die US-Sorte WTI auf 106.60 Dollar. Am Dienstag notierte Brent bei rund 107.60 Dollar – ein Plus von etwa 18 Prozent innerhalb eines Monats und von rund 57 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Dabei ist die „El Gaia“ nur einer von mehreren Preistreibern. Schwerer wiegt, dass Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline nach einem Drohnenangriff aus dem Irak stillliegt. Diese Leitung ist die wichtigste Umgehung der Strasse von Hormus; Analysten beziffern den Ausfall auf bis zu fünf Millionen Fass täglich, was etwa vier Prozent des weltweiten Angebots entspricht. Wie lange die Reparatur dauert, ist offen – Schätzungen reichen bis zu einem Monat.
Hinzu kommt ein diplomatischer Rückschlag: Ein für Montag in Oman geplantes Treffen zwischen Golfstaaten und Iran wurde kurzfristig verschoben. Irans Sicherheitsbeauftragter Mohsen Rezaei liess wissen, es werde keine Gespräche mit den USA geben, solange die iranischen Forderungen nicht erfüllt seien.
Entsprechend vorsichtig sind die Prognosen. Aaron Kildow vom Rohstoffhaus Sparta Commodities erwartet, dass der Markt „in nächster Zeit weiter nach oben marschieren wird“. Die Analysten von BMI senkten die Wahrscheinlichkeit einer Einigung zwischen Washington und Teheran im dritten Quartal von 50 auf 40 Prozent. An ihrer Jahresprognose von 86 Dollar je Fass halten sie zwar fest, warnen aber, die Risiken verschöben sich zunehmend nach oben.
Ein eigener, oft übersehener Kostenblock sind die Versicherungen: Die Kriegsrisikoprämien für eine Durchfahrt sind von rund 0.25 Prozent des Schiffswerts auf drei bis zehn Prozent gestiegen. Für einen Tanker im Wert von 100 Millionen Dollar bedeutet das drei bis zehn Millionen Dollar – pro Passage.
Was das an der heimischen Zapfsäule bedeutet
Für Liechtenstein, das über die Zollunion am Schweizer Treibstoffmarkt hängt, ist die Rechnung längst angekommen. Bleifrei kostet im Schweizer Mittel derzeit rund 2.05 Franken je Liter, Diesel etwa 2.30 Franken. Noch deutlicher fällt der Sprung beim Heizöl aus: Anfang September lag der Preis im Kanton Zürich bei rund 1.60 Franken je Liter – Mitte Juni waren es noch etwa 1.10 Franken.
Dass der Aufschlag so kräftig ausfällt, liegt nicht allein am Rohölpreis. Die Schliessung der Raffinerie Cressier, die rund 30 Prozent des Schweizer Bedarfs deckte, die niedrigen Rheinpegel und die dadurch teurere Binnenschifffahrt sowie knappe Raffineriekapazitäten in Europa wirken zusätzlich.
Ökonom Norbert Rücker rät Haushalten, die es sich leisten können, zum Abwarten: Wer den Einkauf aufschieben könne, werde dafür möglicherweise belohnt. Eine Entspannung hält er innerhalb der nächsten drei Monate für möglich – vorausgesetzt, es kommt nicht zu weiteren Angriffen auf Infrastruktur.
Genau daran aber will sich derzeit niemand festlegen. Solange sich nicht einmal klären lässt, ob ein brennender Tanker vor Oman eine Mine getroffen hat oder eine Drohne ihn, bleibt jede Prognose eine Wette auf die nächste Meldung aus der Meerenge.

