Mut als Standortfaktor: Der Unternehmertag setzt auf Zuversicht
Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank beim Unternehmertag 2026 | Foto: Gregor Meier
Zum 21. Mal hat der Liechtensteiner Unternehmertag Entscheidungsträger aus Gewerbe, Industrie und Politik zusammengebracht. Unter dem Motto „Mut zeigen – Zukunft gestalten» drehte sich in der Spoerry-Halle auf dem Campus der Universität Liechtenstein alles um die Frage, wie unternehmerischer Mut in unsicheren Zeiten aussieht – und warum Erfolg nicht eine Frage der Grösse ist. Durch das Programm führte SRF-Moderator Tobias Müller.
Den Auftakt machte Regierungsrat Hubert Büchel, Minister für Inneres, Wirtschaft und Sport. Er zeichnete das Bild einer Zeit, in der Gewissheiten schneller schwinden, als es lieb ist. „Was gestern noch verlässlich schien, ist morgen bereits infrage gestellt», sagte Büchel mit Blick auf geopolitische Spannungen, volatile Energiepreise, fragile Lieferketten und wachsenden Protektionismus. Wettbewerbsfähigkeit sei unter solchen Bedingungen kein Selbstläufer, sondern müsse erarbeitet werden.
Der Wirtschaftsminister verwies auf die Anfang Juni vorgestellte Strategie für eine integrierte Sicherheitspolitik, deren zentraler Bestandteil die wirtschaftliche Resilienz sei. Sicherheit bedeute heute, dass ein Land auch unter Druck handlungsfähig bleibe. Liechtenstein bringe dafür viel mit: politische Stabilität, verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, kurze Entscheidungswege und eine enge internationale Einbindung. Zugleich sei die internationale Vernetzung auch eine Verwundbarkeit.
Besonders hob Büchel die Rolle der kleinen und mittleren Unternehmen hervor. Sie seien Arbeitgeber, Ausbildungsstätten und Dienstleister zugleich – kurz: „das Rückgrat der Wirtschaft». Aufgabe der Politik sei es, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen unternehmerisches Handeln attraktiv bleibe, und die Bürokratie auf das notwendige Minimum zu beschränken. Vom Zweiten Weltkrieg über die Finanzkrise bis zur Corona-Pandemie habe das Land bewiesen, dass es aus schwierigen Situationen Stärken entwickeln könne. „Resilienz gehört zur DNA unseres Landes und ganz besonders zur DNA unserer Unternehmerinnen und Unternehmer», sagte Büchel und rief dazu auf, mit Zuversicht, Verantwortung und Mut voranzugehen.
Eine Saalumfrage zeichnete ein vorsichtig optimistisches Stimmungsbild: 21 Prozent der Anwesenden bewerteten die Lage in der Wirtschaftsregion als ausgezeichnet, 76 Prozent als mässig und nur 3 Prozent als schlecht.

Der konjunkturelle Puls – diagnostiziert vom Chefökonomen
Wie es um die globale Konjunktur steht, ordnete Thomas Gitzel ein, Chefökonom der VP Bank. Die Welt sei derzeit nicht nur klimatisch hitzig: Die Zahl der geopolitischen Konflikte habe ein Allzeithoch erreicht. Im Zentrum seiner Analyse stand der Iran-Krieg und dessen wirtschaftliche Folgen – allen voran die Strasse von Hormuz, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Schiffsverkehrs laufen muss. Die täglichen Passagen seien zwischenzeitlich eingebrochen.
Betroffen sei längst nicht nur das Öl. Auch ein Fünftel des weltweiten Harnstoffangebots – ein wichtiger Grundstoff für die Düngerindustrie – passiere diese Meerenge, mit möglichen Folgen für die Lebensmittelpreise. Gestiegene Energiepreise belasteten den privaten Konsum, die Einzelhandelsumsätze ausserhalb der Tankstellen seien im Mai global rückläufig gewesen. Der Konflikt koste damit bereits reales Wachstum, weshalb die Prognosen zur Jahresmitte 2026 nach unten korrigiert werden müssten.
Bei der Inflation ortete Gitzel ein gespaltenes Bild: In den USA liege die Teuerung über vier, in der Eurozone über drei Prozent, während sich die Schweiz knapp über der Nullmarke etabliert habe – eine vergleichsweise komfortable Ausgangslage für die Schweizerische Nationalbank. Bei der Europäischen Zentralbank rechnet er mit weiteren Zinsschritten, während Fed und SNB vorerst abwarten dürften.
Sein deutlichster Befund galt der Innovationslücke zwischen Europa und den USA. Das amerikanische Wachstum sei stark von Investitionen in künstliche Intelligenz getrieben, deren Anteil am US-Wachstum inzwischen beträchtlich sei – „und wir haben hier als Europäer leider im Moment nichts anzubieten». Hinzu komme ein zweiter Chinaschock: Das Land produziere nicht mehr nur günstige Textilien, sondern hochwertige Hightech-Produkte und greife zunehmend die europäische Domäne Maschinenbau an. Europa verfüge zwar über das Wissen und vorbildliche Universitäten, scheitere aber an der Umsetzung – und am fehlenden Risikokapital. Bezeichnend: Der israelische Risikokapitalmarkt sei grösser als jener der gesamten EU. Gefragt seien deshalb institutionelle Rahmenbedingungen und steuerliche Anreize.
Mit der Anekdote der Gebrüder Blanc, die im 19. Jahrhundert über das optische Telegrafennetz Börseninformationen schneller nach Bordeaux schmuggelten und später am Aufstieg des Spielorts Monaco beteiligt waren, mahnte Gitzel zum Schluss augenzwinkernd, den Anschluss nicht zu verlieren – und den Austausch zu suchen, wie ihn der Unternehmertag biete.
Wachstum als Vorwärtsstrategie
Wie unternehmerischer Mut konkret aussieht, zeigte Markus Kaiser, CEO und Verwaltungsratspräsident der Kaiser AG in Schaanwald. Der Hersteller von Spezialfahrzeugen wird in dritter Generation geführt; seit Kaiser 2005 das Steuer übernahm, hat sich das einstige Familienunternehmen zu einem international tätigen Konzern entwickelt. Rund acht Übernahmen zählt er seit 2011 – zuletzt unter anderem eine Firma in Deutschland, womit sich die Belegschaft mehr als verdoppelte.
Wachstum verstehe er als Vorwärtsstrategie, sagte Kaiser. Entscheidend sei dabei, genau zu verstehen, was man tue, und bei jeder Übernahme die richtigen Fragen zu stellen: Was will man bewahren, was macht die Identität eines Standorts aus? Die DNA eines Familienunternehmens dürfe dabei nicht verloren gehen. Eine Übernahme sei kein Startpunkt, sondern Integrationsarbeit – sie verlange Geduld, eine gemeinsame Kultur und Vertrauen, das über die Zeit wachse.
Mut als roter Faden
Quer durch alle Referate zog sich das Motto des Tages. Mut heisse, neue Wege zu gehen, Bestehendes zu hinterfragen und in die Zukunft zu investieren, auch wenn nicht alle Antworten vorliegen – so hatte es Büchel zu Beginn formuliert. Der Unternehmertag, getragen von der Regierung des Fürstentums Liechtenstein und unterstützt von den Hauptpartnern VP Bank sowie der Zürich Generalagentur Robert Wilhelmi, verstand sich einmal mehr als Plattform genau dafür: miteinander reden, gemeinsam nach Lösungen suchen und in Kontakt bleiben.

