Wölfe in Siedlungsnähe: Wildtiermanagement unter Druck
Bildquelle: Information und Kommunikation der Regierung, Vaduz
Die erste Rotwildzählung des Jahres 2026 hat einen historischen Wert ergeben: Am 17. März wurden mittels Nachttaxation mit Wärmebildgeräten insgesamt 413 Stück Rotwild gezählt – die höchste Zahl seit Beginn der vergleichbaren Erhebungen im Jahr 2014. Gegenüber der ersten Zählung des Vorjahres vom 20. März 2025 entspricht das einem Anstieg von 128 Tieren oder 45 Prozent. Selbst im Vergleich zur zweiten Zählung 2025 beträgt die Zunahme noch 106 Tiere – ein Plus von 35 Prozent.
Zum Vergleich: Die Zählungen mit Scheinwerfern zwischen 2014 und 2021 ergaben Werte zwischen 166 und 297 Stück. Seit der Umstellung auf Wärmebildgeräte in den Jahren 2022 bis 2025 lagen die Ergebnisse zwischen 267 und 340 Tieren. Die aktuelle Zählung übertrifft alle bisherigen Werte damit deutlich.
Diese Zahl war für Roger Schädler (VU) Anlass der Regierung im Rahmen einer Kleinen Anfrage gezielte Fragen zum Wildtiermanagement zu stellen.
Regierung sieht keinen Handlungsbedarf aus einzelner Zählung
Regierungschefin-Stellvertreterin Sabine Monauni antwortete, dass die Bestandesregulierung beim Rotwild ein langfristiger Prozess sei. Eine einzelne Zählung löse in der Regel keine unmittelbaren Massnahmen aus und habe auch keinen direkten Einfluss auf den Abschussplan. Gleichwohl würden erkennbare Entwicklungen und Trends in der Abschussplanung berücksichtigt. Der Schwerpunkt des Wildtiermanagements liege weiterhin auf der Reduktion der Wildtierbestände. Die Kompetenzen der Wildhut erachtete die Regierung als ausreichend.
Die Fragen zur konkreten Höhe des Abschussplans und zu allfälligen zusätzlichen Massnahmen blieben in der Beantwortung noch offen.
Wölfe reissen Hirschkalb in Siedlungsnähe
Parallel zur Rotwild-Diskussion hat sich die Wolfssituation in Liechtenstein in den vergangenen Wochen zugespitzt. Laut Angaben des Amts für Umwelt wurden allein im laufenden Jahr bereits zahlreiche Wolfssichtungen registriert. Besonders beunruhigend: In zwei aktuellen Vorfällen wurde ein Hirschkalb in unmittelbarer Siedlungsnähe gerissen.
Abgeordneter Schädler thematisierte in einer zweiten Kleinen Anfrage die wachsende Verunsicherung bei der Bevölkerung und bei Nutztierhaltern sowie den erheblichen organisatorischen und finanziellen Aufwand des Herdenschutzes.
Vier Stufen für die Beurteilung von Wolfsverhalten
Die Regierung erläuterte in ihrer Antwort, dass das Wolfsverhalten gemäss dem Wolfskonzept Liechtenstein in vier Stufen eingeteilt wird: unbedenklich, auffällig, unerwünscht und problematisch. Aktuell wird das Verhalten der Wölfe als unbedenklich eingestuft, weil sich die Tiere ausserhalb der üblichen menschlichen Aktivitätszeiten bewegen und den Menschen meiden.
Unbedenklich bleibt die Einstufung, solange Wölfe Menschen meiden. Als problematisch würde das Verhalten gelten, wenn ein Wolf wiederholt die Nähe des Menschen sucht, sich aktiv auf Menschen zubewegt oder keine natürliche Scheu mehr erkennen lässt. In einem solchen Fall würden Massnahmen ergriffen, die von verstärkter Beobachtung und Vergrämung bis hin zum Abschuss eines einzelnen Tieres reichen.
Fragen zur konkreten Anzahl der bisherigen Wolfsnachweise im laufenden Jahr, zum Stand des Herdenschutzes und zu allfälligen Unterstützungsmassnahmen für Nutztierhalter wurden von der Regierung noch nicht beantwortet.
Einordnung
Die Kombination aus einem Rotwild-Rekordbestand und einer zunehmenden Wolfspräsenz stellt das Wildtiermanagement in Liechtenstein vor neue Herausforderungen. Einerseits ist eine mögliche Lenkungswirkung durch den Wolf auf den Rotwildbestand denkbar – andererseits bleibt die Frage, wie lange die Bevölkerung und die Landwirtschaft mit der aktuellen Situation umgehen können, wenn der Druck durch Wolfsrisse in Siedlungsnähe weiter zunimmt.
