Soll Liechtenstein Neutral sein?

Brennpunkt Demokratie im "Debattierpark"

Nils Vogt, Yannick Ritter, Georges Baur, Tuana Türkyilmaz (Junge FL), Ivo Zuberbühler (GIL/Wirtschaftskammer), Nico Büchel (Junge FBP) und Helmut Konrad | Foto: Gregor Meier

Neutralität klingt nach klarer Linie. Doch im Alltag wirkt sie oft widersprüchlich. Das zeigte die Veranstaltung «Brennpunkt Demokratie» am Sonntag in der Stein Egerta. Referent Georges Baur und mehrere Podiumsteilnehmer stellten eine heikle Frage: Gilt Neutralität heute noch – besonders für die Wirtschaft?

Auslöser der Debatte sind aktuelle Themen. Dazu zählen die Waffenproduktion bei ThyssenKrupp Presta, Geschäftsbeziehungen liechtensteinischer Industriebetriebe mit Russland sowie öffentliche Stellungnahmen der Regierung zu Völkerrechtsverletzungen.

Dr. Georges Baur begann mit einer düsteren Zeitreise aus dem Gleichgewicht. Der Völkerrechtsexperte zeichnete Parallelen zwischen der Appeasement-Politik von 1938 und der aktuellen europäischen Lage.

Dr. Georges Baur in der Stein Egerta
Dr. Georges Baur in der Stein Egerta

Von Elsass nach Liechtenstein

Baur erzählte von seinem Grossvater, der 1932 eine Textilfabrik in Elsass führte. Die Region litt unter den Folgen zweier Weltkriege innerhalb eines Jahrhunderts. «Man war kriegsmüde und hoffte auf eine Entspanung«, beschrieb er die Stimmung nach den Locarno-Verträgen. Doch die Weltwirtschaftskrise und der Aufstieg Hitlers zerstörten diese Hoffnung. Seine industriellen Kollegen begrüssten damals den «Reichskanzler», glaubten sie, man werde ihn in den Griff kriegen. Baur zitierte die fatalistische Haltung: «Wenn er dann das gemacht hat, was wir wollen, werden wir ihn dann wieder auf die Seite setzen.«

Die Geschichte wiederholte sich brutal. 1939 marschierte Deutschland in Polen ein. Baurs Familie floh, die Fabrik diente später der V1-Raketenproduktion mit Zwangsarbeitern. Der Historiker betonte: «Neutralität schützt nicht vor Krieg, vor allem dann nicht, wenn man sie nicht verteidigen kann.» Belgien, Dänemark, die Niederlande, Norwegen – alles ehemals neutrale Staaten, die Hitler überrannte.

Die Presta-Connection

Ein lokaler Bezug stach heraus: 1941 gründete Max Felder die Presta als Press- und Stanzwerk. Ab 1942 lieferte das Unternehmen Schlosshülsen an die Wehrmacht. Baur stellte die provokante Frage: «Man könnte das durchaus als Kollaboration ohne Besetzung und trotz schlichter Neutralität anschauen.«Die Firma, heute ThyssenKrupp Presta in Liechtenstein, produziert heute wieder Waffentechnik.

Podium: Wirtschaft zwischen Moral und Macht

Die anschliessende Diskussion spaltete das Podium. Nico Büchel (Junge FBP) definierte Neutralität strikt: «Kein Militärbündnis, keine Beteiligung an militärischen Konflikten, keine Sanktionen.» Er verwies auf die Sanktionsverordnung vom 16. Dezember 2025 mit ihren 334 Seiten.

Die Podiumsteilnehmer brachten auch Sekundärsanktionen der USA ins Spiel und behandelten die Frage, ob ein Staat seine Bevölkerung schützen könne, wenn er sich nicht an klares Völkerrecht halte.

Tuana Türkyilmaz (Junge FL) kritisierte die selektive Empörung: «Wenn man Sanktionen gegen Russland einführt und dann gar nichts zum Grasenkrieg sagt, finde ich das nicht okay.» Sie warnte vor wirtschaftlichen Schäden durch einseitige Positionierungen.

Brennpunkt Demokratie im "Debattierpark"
Nils Vogt (Politologe) im Gespräch mit Yannick Ritter (VU Jugendunion) und Nico Büchel (Junge FBP)

Die Regierung habe im Hintergrund vieles gemacht, aber nicht gut kommuniziert, meint Yannick Ritter (VU Jugendunion) der auf Stellungnahmen und Interventionen in internationalen Gremeien abziehlt. «Erst auf Medienanfrage hat das Aussenministerium die Position bekannt gegeben.»

Am Ende blieb keine einfache Antwort. Neutralität wirkt heute weniger eindeutig als früher. Sie fordert politische Klarheit und wirtschaftliches Augenmass. Die Diskussion in der Stein Egerta zeigte: Wegducken will kaum jemand. Doch jeder Schritt nach vorne hat Folgen.

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