IWF warnt vor KI-Korrektur, steigenden Zinsen und Cyberangriffen

IWF in Washington DC

IWF Gebäude in Washington DC | Foto: Gregor Meier

Die Finanzmärkte haben sich trotz Krieg im Nahen Osten, hoher Energiepreise und politischer Unsicherheit bisher erstaunlich gut gehalten. Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut dieser Ruhe aber nicht. In seinem neuen Globalen Finanzstabilitätsbericht, den er an der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Bangkok vorgestellt hat, warnt er vor wachsender Sorglosigkeit. Die Risiken für die Finanzstabilität seien seit dem Frühjahr gestiegen und blieben erhöht.

Athanasios Vamvakidis, stellvertretender Abteilungsleiter in der Kapitalmarktabteilung des IWF, brachte es bei der Präsentation auf eine knappe Formel: Widerstandsfähigkeit sei nicht dasselbe wie Sicherheit. Der Fonds nennt drei Gefahren, die die Finanzierungsbedingungen abrupt verschärfen könnten: eine Korrektur bei KI-Werten, einen starken Anstieg der Staatsanleihenrenditen und Cyberangriffe. Für sich allein müssten diese Risiken die Stabilität nicht gefährden, hält der IWF fest. Systemisch würden sie dann, wenn bestehende Schwachstellen im Finanzsystem sie verstärken.

KI-Boom auf Pump

Die Investitionen in künstliche Intelligenz haben die Weltwirtschaft in den vergangenen Monaten gestützt und Gegenwind aus anderen Bereichen ausgeglichen. Die Kernunternehmen des KI-Ökosystems waren bisher profitabel. Der IWF sieht aber wachsende Hinweise darauf, dass KI womöglich weniger Investitionen benötigt oder geringere wirtschaftliche Erträge abwirft als erwartet. Lassen Gewinne oder Investitionen nach, droht eine Korrektur der KI-bezogenen Vermögenswerte, die auf die breiteren Märkte übergreifen könnte.

Verschärfend wirkt die zunehmende Verschuldung. Die grossen Cloud-Konzerne, die sogenannten Hyperscaler, stellen inzwischen rund 10 Prozent der weltweiten Emissionen von Unternehmensanleihen mit guter Bonität – 2024 war es noch weniger als 1 Prozent. Dazu kommen konzentrierte Risikopositionen und zirkuläre Finanzierungsvereinbarungen, bei denen Unternehmen der Branche sich gegenseitig finanzieren. Die Folgen einer KI-Korrektur könnten global sein, warnt der IWF. Er empfiehlt, übermässige Hebel zu begrenzen, auch solche über Derivate und Wertpapierkredite.

Druck auf die Anleihemärkte

Das zweite Risiko betrifft die Staatsanleihen und hat sich seit dem Frühjahrsbericht verschärft. Höhere Energiepreise haben die Renditen nach oben getrieben. Flammt die Inflation wieder auf oder wachsen die Zweifel an den Staatsfinanzen, könnten die Renditen stark steigen und breitere Marktturbulenzen auslösen. Müssen die Notenbanken die Zinsen zur Inflationsbekämpfung anheben, verteuert das für hoch verschuldete Staaten die Refinanzierung kurzfristiger Schulden.

Bisher haben die Märkte den Druck aufgefangen. Die hohe Staatsverschuldung und die ungelösten Haushaltsdefizite grosser Volkswirtschaften bleiben laut IWF aber eine Schwachstelle. Die einzig dauerhafte Lösung sieht der Fonds darin, die öffentlichen Schulden auf einen nachhaltigen Pfad zu bringen.

Kaum noch Zeit für Sicherheitsupdates

Als drittes Risiko nennt der IWF Cyberangriffe. Weil Finanzdienstleistungen immer digitaler und vernetzter werden und von wenigen zentralen Technologieanbietern abhängen, wird die Abwehr schwieriger. Wie sehr sich die Lage zugespitzt hat, zeigt eine Zahl aus dem Bericht: In mehr als 70 Prozent der Fälle hatten Softwareanbieter in diesem Jahr kaum Zeit, eine Sicherheitslücke zu schliessen, bevor sie ausgenutzt wurde. Das sind 20 Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor. Künstliche Intelligenz kann bei der Abwehr helfen, macht Angriffe aber auch raffinierter. Ein grosser Angriff auf einen zentralen Dienstleister oder ein Finanzinstitut könnte das Vertrauen rasch erschüttern.

Mehr schwache Banken im Stresstest

Die Banken stehen insgesamt solide da. In einem Stresstest, der einen KI-Abschwung mit Turbulenzen am Anleihemarkt kombiniert, bleiben ihre Kapitalpolster robust. Der IWF ortet aber Schwachstellen: Institute, die zusammen 22 Prozent der weltweiten Bankaktiva halten, kämen im Krisenszenario auf eine schwache Kapitalausstattung. Bei der Untersuchung im vergangenen Jahr waren es noch 18 Prozent.

Sorgen bereiten dem Fonds auch die Finanzakteure ausserhalb des Bankensektors. Versicherungen und Pensionskassen halten mehr schwer verkäufliche Anlagen, im Markt für Privatkredite steigen Verschuldung und Liquiditätsdruck. Hedgefonds verwalten nach Angaben des IWF inzwischen rund 13 Billionen Dollar, mehr als dreimal so viel wie 2013. In ruhigen Zeiten können sie die Liquidität der Märkte verbessern. Unter Stress drohen ihre hohen Hebel und gleichgerichteten Positionen aber Notverkäufe auszulösen, die Schwankungen verstärken und auf ihre Banken übergreifen.

Die zentrale Botschaft des IWF an die Politik lautet deshalb, das Finanzsystem jetzt zu stärken – bevor die nächsten Schocks eintreten. Dazu gehören neben solideren Staatsfinanzen unabhängige Notenbanken, die ihr Inflationsziel konsequent verfolgen, eine bessere Datengrundlage über Hedgefonds und andere Nichtbanken sowie eine stärkere Abwehr gegen Cyberangriffe.