Jede zweite Landstrasse nur noch in ausreichendem oder kritischem Zustand
Martin Schierscher und Regierungsrat Daniel Oehry
Rund die Hälfte der liechtensteinischen Landstrassen befindet sich nur noch in einem ausreichenden oder kritischen Zustand. Das geht aus dem Verkehrsinfrastrukturbericht 2027 hervor, den die Regierung dem Landtag vorgelegt hat. Ohne weiterhin hohe Aufwendungen für Erneuerungen sei absehbar, dass ein bedeutender Anteil des Netzes in einem Jahrzehnt in schlechtem Zustand sein werde, schreibt die Regierung im Verkehrsinfrastrukturbericht 2027 den Regierungsrat Daniel Oehry heute gemeinsam mit Martin Schierscher, Leiter des Amts für Tiefbau und Geoinformation heute der Öffentlichkeit präsentierte.
Zustand der Strassen
Das Amt für Tiefbau und Geoinformation (ATG) beurteilt jedes Jahr ein Drittel des Strassennetzes, jeder Abschnitt wird alle drei Jahre neu erfasst. Gemäss der aktuellen Auswertung für 2025 sind 15,5 Prozent der Landstrassen in gutem und 30,9 Prozent in mittlerem Zustand. 36,6 Prozent gelten als ausreichend, 16,0 Prozent als kritisch. Als schlecht eingestuft sind 1,1 Prozent. Dieser Anteil liegt laut Bericht seit über acht Jahren auf einem sehr tiefen, einstelligen Niveau.
Nicht jede Strasse muss neuwertig sein, hält die Regierung fest. Aus Gründen der Wirtschaftlichkeit sei es sinnvoll, auch Abschnitte in ausreichendem Zustand weiter zu betreiben, bis eine Sanierung tatsächlich nötig ist. Zugleich verweist der Bericht darauf, dass ältere Strassen nach den Normen und dem Verkehrsaufkommen ihrer Bauzeit dimensioniert wurden und dem heutigen Schwerverkehr, den Busfrequenzen und den gestiegenen Verkehrsmengen oft nicht mehr genügen. Zunehmende Hitzewellen könnten zudem die Bildung tiefer Spurrinnen beschleunigen.
Auch bei den Kunstbauten steht einiges an. Auf dem Landstrassennetz sind 121 Brücken, Tunnel, Galerien und Bachdurchlässe erfasst. Viele davon sind 50 bis 60 Jahre alt und erreichen in den nächsten 20 Jahren ihre ursprünglich geplante Nutzungsdauer. Die letzte Hauptinspektion fand 2020 statt, die nächste ist voraussichtlich für 2028 vorgesehen.

13,9 Millionen für Neu- und Ausbauten
Für Strassenverbesserungen und -neubauten sind im Budget 2027 13,9 Millionen Franken vorgesehen, für den Strassenunterhalt 4,35 Millionen und für den Unterhalt von Brücken und Stützbauten 1,8 Millionen Franken. Der Betrag für Brücken liegt unter dem langjährigen Durchschnitt. Die Regierung begründet das damit, dass Bauwerke möglichst im Rahmen ohnehin geplanter Strassenerneuerungen überprüft und instand gesetzt werden sollen. Zudem fallen bei der Rheinbrücke Vaduz–Sevelen 2027 lediglich Planungs- und Vorbereitungsarbeiten an.
Den grössten Einzelposten bildet mit 2,2 Millionen Franken die Landstrasse in Triesen zwischen Hoval und Industriekreisel. Der Strassenoberbau aus den 1970er-Jahren hat laut Bericht das Ende seiner Lebensdauer erreicht. Geplant ist zudem eine Verlängerung der Busspur bis zur Haltestelle Messina sowie auf der Westseite eine Grünrabatte mit schattenspendenden Bäumen. Für die Grünrabatte sind allerdings noch Landerwerbe nötig.
Weitere grosse Posten sind der Abschnitt Schaan–Nendeln mit 1,9 Millionen Franken, wo 2027 der letzte, rund 500 Meter lange Abschnitt bis zur Dorfeinfahrt Nendeln saniert und eine neue Wildtierunterführung erstellt wird, sowie mit je 1,4 Millionen die Schellenbergstrasse zwischen Steinbruch und Loch, die Peter-Kaiser-Strasse in Mauren und die Bergstrasse beim Schlossareal in Vaduz. An der Schellenbergstrasse, wo sich laut Bericht der grösste Erdkrötenwanderplatz Liechtensteins befindet, werden Amphibiendurchlässe gebaut.
Rheinbrücke Vaduz–Sevelen mit statischen Defiziten
Bei der Rheinbrücke Vaduz–Sevelen zeigte eine statische Überprüfung in den Jahren 2023 und 2024, dass bereits heute Defizite bestehen, die zeitnah behoben werden müssen. Die nötigen Arbeiten sind umfangreicher als zunächst angenommen. Auf Schweizer Seite ist eine öffentliche Planauflage erforderlich, die für die erste Jahreshälfte 2027 vorgesehen ist. Die Hauptbauarbeiten sind für 2028 geplant.
Bei der Verbindungsstrasse Vaduz–Triesen entlang des Rheindamms will das Land im Frühjahr 2027 die Baumeisterarbeiten international ausschreiben. Liegen alle Bewilligungen vor, sollen die Bauarbeiten im Herbst 2027 beginnen. Die rund 1200 Meter lange, zweispurige Strasse soll die heutige einspurige Strasse ersetzen und die Dammkrone wieder für den Radverkehr freimachen.
Kein Bundesgeld für Radwegbrücke Ruggell–Sennwald
Einen Rückschlag gibt es bei der geplanten Fuss- und Radwegbrücke zwischen Ruggell und Sennwald. Sie war Teil des Agglomerationsprogramms Werdenberg-Liechtenstein der fünften Generation. Weil das zuständige Bundesamt das Programm als Ganzes abgelehnt hat, entfallen die Bundesbeiträge. Die Standortgemeinden, das Land und der Kanton St. Gallen erarbeiten derzeit einen Finanzierungsschlüssel für den Bau.
Grundsätzlich hält die Regierung fest, dass der Schwerpunkt nicht auf einer generellen Ausweitung des Strassenangebots liege, sondern auf dem Erhalt und der Modernisierung des bestehenden Netzes. Neu- und Ausbauten seien trotz guter finanzieller Rahmenbedingungen wegen knapper Platzverhältnisse, schwieriger Landerwerbsverhandlungen und umweltrechtlicher Vorgaben vielfach nur schwer umsetzbar. Auch deshalb arbeitet die Regierung an einem Strassengesetz. Die Vernehmlassung dazu fand 2025 statt, die Stellungnahmen werden derzeit ausgewertet.
