Grossbritannien erwägt Zölle auf chinesische Elektroautos

BYD von Oben

Grossbritannien könnte schon bald dem Beispiel der EU folgen und Strafzölle auf Elektroautos aus China erheben. Wie die Zeitung „The Times“ am Sonntagabend in ihrer Onlineausgabe berichtete, arbeitet Wirtschaftsminister Jonathan Reynolds an einem entsprechenden Massnahmenpaket. Hintergrund ist die Sorge, dass Peking den britischen Markt mit staatlich subventionierten Fahrzeugen überschwemmt. Im Gespräch ist laut dem Bericht eine Angleichung an die Abgaben der EU, die sich auf bis zu 45 Prozent summieren.

Beschlossen ist noch nichts. Ein Regierungssprecher erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters lediglich, man stehe in engem Austausch mit der Industrie, damit der eigene Ansatz die Interessen der Branche und des Landes widerspiegle. Zölle seien derzeit keine verhängt. Laut „The Times“ betonen hochrangige Regierungsquellen zudem, eine Entscheidung müsse sich an den britischen Interessen orientieren und dürfe nicht automatisch der EU-Linie folgen. Reuters konnte den Bericht nicht unabhängig überprüfen.

Bisher nur zehn Prozent Einfuhrzoll

Die Kluft zwischen den beiden Märkten ist gross. Die EU erhebt seit Oktober 2024 auf batterieelektrische Personenwagen aus China Ausgleichszölle zwischen 7,8 und 35,3 Prozent – zusätzlich zum regulären Einfuhrzoll von zehn Prozent. Grossbritannien verlangt bisher nur diese zehn Prozent. Chinesische Hersteller kommen auf der Insel inzwischen auf rund 16 Prozent des Neuwagenmarkts.

Reynolds selbst hatte die britische Position zuletzt als fein ausbalanciert bezeichnet: Verschiedene Teile der eigenen Autobranche erwarteten unterschiedliche Dinge. Die Regierung fürchtet zudem Gegenmassnahmen Chinas gegen Fahrzeuge, die in Grossbritannien gebaut werden.

Es geht um den Zugang zu „Made in Europe“

Der eigentliche Druck kommt aus Brüssel. Wie die „Financial Times“ im September berichtete, macht die EU eine engere Abstimmung der Handelspolitik gegenüber China zur Bedingung dafür, dass britische Unternehmen in ihre geplante „Made in Europe“-Industriepolitik einbezogen werden. Mit diesen Regeln will die EU europäische Produkte bevorzugen und die Abhängigkeit von chinesischen Komponenten verringern. Bleibt Grossbritannien aussen vor, könnten britische Hersteller beim Verkauf in die EU und in europäische Lieferketten benachteiligt werden.

Premierminister Andy Burnham hatte dafür geworben, Grossbritannien unter den neuen EU-Regeln als vertrauenswürdigen Partner zu behandeln. Dieselbe Forderung erhebt der britische Autoverband SMMT. Er verweist auf eine Studie von Oxford Economics, wonach die britische Autoproduktion jährlich 24 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung in der EU stützt.

Sorge vor einer Hintertür

In Brüssel und vor allem in Paris wächst die Befürchtung, Grossbritannien könnte zur Hintertür für chinesische Autos auf den europäischen Markt werden. Genährt wird sie durch Pläne des chinesischen Herstellers Chery, der prüft, ob Nissan in seinem Werk im nordenglischen Sunderland Fahrzeuge für Chery bauen soll. Autos aus britischer Produktion könnten so die EU-Zölle umgehen.

Auch in Deutschland verfolgen die Autoländer die Debatte genau. Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen haben „Made with Europe“-Regeln gefordert, die neben Grossbritannien auch die Staaten des EWR und der EFTA einschliessen – und damit auch Liechtenstein.