3’000 Einwohner sollen sagen, wie es ihnen wirklich geht

Sofielie

Rund 3’000 zufällig ausgewählte Einwohner ab 16 Jahren finden in den kommenden Tagen einen Brief des Amtes für Statistik im Briefkasten. Er enthält die Einladung zur Erhebung SoFiLe, mit der die sozialen und finanziellen Lebensbedingungen der Bevölkerung in Liechtenstein erstmals umfassend erfasst werden. Die Stichprobe wurde rein zufällig gezogen – unabhängig davon, ob jemand arm oder wohlhabend, jung oder alt ist.

Liechtenstein verfügt über eine dichte Datenlage. Das Zentrale Personenregister, das Gebäude- und Wohnungsregister, die Steuerverwaltung, das Amt für Soziale Dienste, AHV und IV sowie die Volkszählung mit Stichtag 31. Dezember 2025 liefern dem Amt für Statistik laufend Material. Franziska Frick, Leiterin des Amtes, machte an der Medienorientierung deutlich, wo diese Quellen an ihre Grenzen stossen: Aus dem Register ist bekannt, wie gross eine Wohnung ist – nicht, ob die Bewohner mit ihrer Wohnsituation zufrieden sind und wie stark die Mietkosten den Haushalt belasten. Bekannt sind Arbeitgeber und Beschäftigungsgrad – nicht die Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen. Zu Diskriminierung und sozialem Zusammenhalt fehlen Verwaltungsdaten vollständig.

Die Fragen stammen nicht aus dem Amt selbst. SoFiLe folgt dem europäischen Standard EU-SILC und ist damit international vergleichbar. Gefragt wird etwa, wie gut ein Haushalt mit dem Einkommen über die Runden kommt – oder ob jemand zwei Paar Schuhe in gutem Zustand besitzt, von denen eines für Regen oder Schnee taugt. Was banal klingt, ist ein etabliertes Mass für materielle Entbehrung.

Der Weg von der Zahl zur Massnahme ist lang

Damit ist allerdings erst gesagt, was die Erhebung misst – nicht, was daraus folgt. Es gibt Menschen, denen Sozialhilfe zustünde und die sie trotzdem nicht beziehen. Es gibt Menschen, die eine ärztliche Behandlung bräuchten und darauf verzichten. In keiner Verwaltungsdatei taucht dieser Personenkreis auf, denn wer keinen Antrag stellt, hinterlässt auch keinen Eintrag. Gesellschaftsminister Emanuel Schädler nannte diesen Nichtbezug an der Medienorientierung als eines der Beispiele dafür, was die neue Erhebung SoFiLe sichtbar machen soll.

Das Amt für Statistik erhebt und publiziert, es empfiehlt nicht. Ob aus einer festgestellten Nichtbezugsquote ein vereinfachtes Antragsverfahren, eine Informationskampagne oder gar nichts wird, entscheiden Politik und Verwaltung. Konkrete Massnahmen, die an den Ergebnissen anknüpfen sollen, wurden an der Medienorientierung nicht genannt. Schädler blieb allgemein: Die Resultate sollen helfen, Entwicklungen früher zu erkennen, Diskussionen sachlicher zu führen und Entscheidungen besser abzustützen.

Dazwischen liegt vor allem Zeit. Befragt wird im Herbst 2026, die Datenaufbereitung ist für 2027 vorgesehen, die Publikation für das Frühjahr 2028. Wer 2028 die ersten Zahlen liest, liest eine Momentaufnahme, die dann eineinhalb Jahre alt ist. Die lange Aufbereitungsdauer begründet das Amt damit, dass Verwaltungsdaten einbezogen werden, die erst später vorliegen.

Ein Blick über die Grenze zeigt zugleich, was auf Liechtenstein zukommen könnte. In der Schweiz wurden für Basel-Stadt für das Jahr 2022 Nichtbezugsquoten von rund einem Viertel bei der wirtschaftlichen Sozialhilfe und von rund einem Drittel bei den Ergänzungsleistungen zur AHV ermittelt. Als Gründe gelten regelmässig fehlende Information und komplizierte Verfahren. Sollte SoFiLe für Liechtenstein Ähnliches zutage fördern, wäre die Erhebung ihr Geld wert – vorausgesetzt, jemand zieht daraus Konsequenzen.

Bemerkenswert ist auch der Zeitpunkt. In den EU-Staaten wird EU-SILC seit 2005 jährlich durchgeführt. Liechtenstein erhebt diese Daten nun zum ersten Mal. Frick räumte ein, dass das Projekt seit Längerem im statistischen Programm stand, aber immer wieder an fehlenden Ressourcen, offenen methodischen Fragen oder am Zeitpunkt scheiterte. Ob die Befragung künftig regelmässig wiederholt wird, wurde nicht ausgeführt. Ohne Wiederholung liefert SoFiLe ein einzelnes Bild, aber keine Entwicklung – und Entwicklungen früh zu erkennen, war ausdrücklich das erklärte Ziel.

hitze.li