Neue Ära im Fürstenhaus: Frauen können künftig Thronfolgerinnen werden

Erbrpinz Alois von und zu Liechtenstein am Staatsfeiertag 2026

Erbrpinz Alois von und zu Liechtenstein am Staatsfeiertag 2026 | Foto: Gregor Meier

Das Fürstenhaus Liechtenstein geht einen historischen Schritt: Künftig können auch Frauen den Thron besteigen. Nach 420 Jahren wird die bisherige männliche Erbfolge durch die absolute Primogenitur ersetzt. Entscheidend für die Thronfolge ist damit künftig nicht mehr das Geschlecht, sondern die Reihenfolge der Geburt.

Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein hatte auf der Schlosswiese bereits über Cyberangriffe und eine überfällige Bildungsreform gesprochen, als er zu jenem Teil seiner Ansprache kam, der den Staatsfeiertag 2026 überdauern dürfte. Das Fürstenhaus, sagte er, hat sein Hausgesetz novelliert. Damit endet eine Erbfolgeregel, die seit 1606 gilt: Frauen sind vom Thron nicht länger ausgeschlossen.

An die Stelle der männlichen tritt die absolute Primogenitur. Künftig wird das jeweils erstgeborene Kind des Regierers oder der Regiererin Thronfolgerin oder Thronfolger, unabhängig vom Geschlecht. Die Novellierung fand am vergangenen Mittwoch die erforderliche Zweidrittelmehrheit der stimmberechtigten Familienmitglieder; angegangen worden sei sie Ende letzten Jahres, in Teilen aber seit Jahrzehnten innerhalb der Familie diskutiert worden. Sie regelt noch ein Zweites: Alle weiblichen Nachkommen erhalten in hausgesetzlichen Fragen dieselben Mitwirkungsrechte wie die männlichen. Hinzu kommen legistische Verbesserungen und Anpassungen an neue Rechtsentwicklungen.

Praktische Folgen für die kommende Thronfolge hat der Schritt vorerst keine. Das älteste der vier Kinder von Erbprinz Alois und Erbprinzessin Sophie ist Prinz Joseph Wenzel, geboren 1995 – er bliebe auch nach neuem Recht der Nächste in der Reihe. Verändern würde sich die Stellung seiner Schwester Marie Caroline, Jahrgang 1996, die bisher vollständig ausgeschlossen war. Wie die Neuregelung auf die bereits lebenden Familienmitglieder angewendet wird, geht aus der Mitteilung des Fürstenhauses allerdings nicht hervor; der Wortlaut des neuen Hausgesetzes wurde bislang nicht veröffentlicht.

Der Erbprinz begründete die Änderung nicht mit Gleichstellung, sondern mit der Eignung: „Mit diesen Änderungen möchten wir sicherstellen, dass die Verantwortung für Haus und Land künftig dort liegt, wo die beste Vorbereitung für die damit verbundenen Aufgaben gegeben ist.“ Das seien in der Regel jene Kinder, die im Land aufwachsen und von früher Jugend an mit den Besonderheiten von Land und Haus vertraut gemacht würden.

Sicherheitsstrategie und eine überfällige Bildungsreform

Letztes Jahr hatte der Erbprinz bei seiner Rede zum Staatsfeiertag eine grundlegende Überarbeitung der Sicherheitspolitik verlangt; die Regierung habe inzwischen eine entsprechende Strategie vorgelegt. Nun gelte es, rasch weiterzugehen. Der Cyberangriff auf das Verzeichnis wirtschaftlich berechtigter Personen habe gezeigt, wie real digitale Bedrohungen für die Infrastruktur des Landes seien. Als zweite Gefahr nannte der Erbprinz die hybride Kriegsführung: gezielte Falschinformationen über soziale Medien, die die Bevölkerung verunsichern und spalten sollen. Die Strategie werde in den kommenden Monaten im Dialog mit der Bevölkerung weiterentwickelt.

Deutlicher als üblich wurde er beim zweiten Thema. Liechtensteins Bildungslandschaft stehe vor Herausforderungen, das zeigten auch die jüngsten Entwicklungen – eine echte, umfassende Reform sei notwendig, im Schulbereich wie im Gesamtsystem. Zugleich mahnte er Geduld an: Ein solches Projekt brauche Zeit, Kontinuität und breite Unterstützung, und die Verantwortlichen bräuchten das nötige Vertrauen.

Als roten Faden legte Alois seiner Rede eine Warnung vor politischer Vereinfachung zugrunde. Diskussionen erweckten heute oft den Eindruck, jede Frage kenne nur zwei Antworten. Der Staat aber ruhe auf mehreren Säulen – Volk, Landtag, Regierung und Fürstenhaus. Die Stärke des Landes entstehe nicht daraus, dass eine dieser Stimmen allein entscheide.

Landtagspräsident Manfred Kaufmann hatte seine Ansprache unter das Bild einer Flamme gestellt, die ihn an die Form des Landes erinnere und über Generationen gewachsen sei. Konkret wurde er bei den Aufgaben, die dem Land bevorstehen: steigende Lebenshaltungskosten, ablesbar an der wachsenden Zahl von Bezügern der Prämienverbilligung; die langfristige Sicherung der AHV, deren Weichenstellung unmittelbar bevorsteht; eine Verkehrsinfrastruktur, die zu Stosszeiten an ihre Grenzen gelangt; sowie die Cybersicherheit, deren Bedeutung derselbe Angriff vor Augen geführt habe, den auch der Erbprinz erwähnte.

Bei der Initiative zur Fristenlösung, die in Kürze in den Landtag kommt, warb Kaufmann um Anstand: Gerade bei einem Thema, das persönliche und gesellschaftliche Überzeugungen berühre, müsse man einander mit Respekt begegnen – im Landtag wie bei einer allfälligen Volksabstimmung. Als kleiner Staat mit kurzen Wegen könne Liechtenstein rasch und pragmatisch handeln; nicht jeder Sachverhalt brauche eine detaillierte Regelung.

Sein Dank galt jenen, die im Stillen Verantwortung übernehmen – in Familien und Unternehmen, im Bildungs- und Gesundheitswesen, in Vereinen, Ehrenamt und Bevölkerungsschutz. Dazu zitierte er den heiligen Antonius: „Die Worte sollen lehren – die Taten sollen sprechen.“ Und er schloss mit einem Satz, der an diesem Tag auch auf die Nachricht aus dem Fürstenhaus passte: „Die Grösse eines Landes misst sich nicht an seiner Fläche, sondern an den Werten, die seine Menschen leben.“

hitze.li