Nahost-Krise bremst die Konjunktur

Schweizer Autobahn

Die Konjunktur in der Schweiz kühlt stärker ab als erwartet. Die Expertengruppe Konjunkturprognosen des Bundes senkte ihre Wachstumsprognose am leicht und rechnet für das laufende Jahr nur noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 0,9 Prozent. Im März waren es noch 1,0 Prozent. Hauptgrund für die Korrektur ist die Krise im Nahen und Mittleren Osten, die die Energiepreise in die Höhe treibt und die Weltwirtschaft dämpft. Für 2027 erwartet der Bund eine Beschleunigung auf 1,6 Prozent (zuvor 1,7 Prozent). Bei einer Medienkonferenz wurden heute die Details erläutert.

Mit der Eskalation rund um den Iran sind die Erdölpreise stark angestiegen. Die Expertengruppe hebt ihre technische Annahme für den durchschnittlichen Brent-Preis deutlich an – auf 93,5 US-Dollar pro Fass für das laufende Jahr, nach zuvor angenommenen 73,7 Dollar. Die teurere Energie führt international zu höheren Inflationsraten und einer restriktiveren Geldpolitik, besonders in den europäischen Handelspartnerländern. Auch in der Schweiz fällt die Teuerung mit nun erwarteten 0,6 Prozent (2026 und 2027) etwas höher aus als bisher prognostiziert. Das bremst den privaten Konsum, während die verhaltene Weltnachfrage die Exportwirtschaft und die Investitionstätigkeit belastet.

Für energieintensive Branchen wiegt der Preisschub besonders schwer. „Die Energiepreise ganz generell sind hierzulande sehr hoch im internationalen Vergleich – die Schweiz erreicht hier teilweise sogar Spitzenwerte», sagte Ronald Indergand, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik beim SECO. Weil man von einem ohnehin hohen Niveau komme, könne die Konkurrenz aus dem Ausland für diese Betriebe sehr intensiv werden.

Arbeitsmarkt erholt sich verzögert

Der Arbeitsmarkt läuft dem Konjunkturzyklus traditionell hinterher. Nach spürbaren Anstiegen der Arbeitslosigkeit in den vergangenen zweieinhalb Jahren zeichnete sich zuletzt eine Stabilisierung ab, im ersten Halbjahr 2026 fielen die Zahlen jedoch etwas schlechter aus als erwartet. Entsprechend hebt der Bund die erwartete Arbeitslosenquote auf 3,1 Prozent für 2026 an (zuvor 3,0 Prozent), bevor sie 2027 leicht auf 3,0 Prozent zurückgehen soll. Optimistisch stimmt der Rückgang bei den Kurzarbeitsanträgen, die trotz Energiepreisschock und Iran-Krise spürbar nachgelassen haben – wenn auch von einem erhöhten Niveau aus.

Die Prognose unterstellt ein graduelles Lösen der Probleme an den Energiemärkten. Da der weitere Verlauf offen ist, hat die Expertengruppe ihre Basisprognose mit zwei Szenarien ergänzt. Die Entspannung der vergangenen Tage deute eher in Richtung des positiven Szenarios, hiess es: Hält sie an, wären 2026 Wachstumsraten von deutlich über einem Prozent möglich. Im negativen Szenario – einer weiteren Eskalation – bliebe die Schweiz laut SECO trotz höherer Teuerung im Bereich der Preisstabilität. Eine eigentliche Inflationswelle erwartet der Bund in keinem der Fälle.

Vorsicht bei Rückschlüssen auf Liechtenstein

Auf die Frage, was die Prognose für Liechtenstein bedeute, mahnte Indergand zur Zurückhaltung. „Ich wäre sehr vorsichtig, direkte Rückschlüsse auf die Konjunkturentwicklung in Liechtenstein zu machen», sagte er. Beide Volkswirtschaften seien im Vergleich zu Liechtenstein sehr gross, und das kleine Land werde noch stärker vom Geschäftsgang einzelner Firmen beeinflusst. Einzelne Quartale liessen sich deshalb nicht einfach übertragen. Der Konjunkturzyklus dürfte aber grundsätzlich ein ähnlicher sein. Nach Ansicht von Felicitas Kemeny, Leiterin des Ressorts Konjunktur, spieglt ein Aufwärtstrend in der Schweizer Industrie das globale Konjunkturbild wider und sei insofern auch in Liechtenstein zu erwarten – wegen des unterschiedlichen Branchenmix jedoch mit Vorsicht.

Pharma als Sonderfall

Zur zuletzt schwachen Entwicklung der Pharmaindustrie relativierte das SECO: Die stark schwankenden Exportzahlen kämen von einem sehr hohen Niveau. In den vergangenen fünf Jahren sei die Wertschöpfung der Branche um rund ein Drittel gewachsen, während das BIP um etwa zwölf Prozent zulegte. Die jüngste Delle sei eher eine Korrektur nach den Rekordständen und Vorzieheffekten der Jahre 2024 und 2025 als ein Zeichen grundlegender Schwäche.

Risiken bleiben hoch

Die Unsicherheit bleibt gross. Neben der Lage im Mittleren Osten verweist der Bund auf die offene internationale Handelspolitik: Die Prognose geht davon aus, dass die US-Importzölle im Wesentlichen auf dem aktuellen Niveau bleiben – die geltende Zusatzregelung von zehn Prozent läuft jedoch am 24. Juli 2026 aus. Hinzu kommen mögliche Korrekturen an den Finanzmärkten und die hohe globale Verschuldung. Materialisieren sich mehrere dieser Risiken, wäre mit weiterem Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken zu rechnen.

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