Zwischen Gorbatschow und Trump: Claus Kleber ordnet die Zeitenwende ein
Claus Kleber beim Campus Gespräch der Uni Liechtenstein | Foto: Gregor Meier
Den Abschluss der diesjährigen Campus Gespräche an der Universität Liechtenstein gestaltete am 12. Mai 2026 ein prominenter Gast: Claus Kleber, langjähriger Moderator und Redaktionsleiter des ZDF-heute-journals, sprach vor vollem Haus über geopolitische Umbrüche, die Versprechen der Nachkriegsordnung und die Frage, welche Lehren ein Reporterleben für turbulente Zeiten bereithält. Die Gesprächsreihe stand unter dem Leitthema «Weltordnung im Wandel» – und der Abend liess keinen Zweifel daran, dass dieses Thema längst mehr ist als eine akademische Übung.
Moderator Patrik Schädler begrüsste die Gäste mit spürbarer Vorfreude. Er gestand offen, dass Kleber in seiner früheren beruflichen Laufbahn ein Vorbild gewesen sei – und dankte der Peter-Marx-Lecture-Convention, deren grosszügige Unterstützung die gesamte Reihe erst ermöglicht hatte. Seit Januar hatten die Campus Gespräche Themen wie die Rückkehr Donald Trumps, digitale Souveränität, internationale Steuerpolitik und die Risiken direkter Demokratie beleuchtet. Mit Klebers Vortrag über die tektonischen Verschiebungen zwischen Washington, Moskau und Europa fand die Reihe ihren Abschluss.
Eine Rückkehr zu den Wurzeln
Für Claus Kleber war der Abend mehr als ein Auftritt – es war eine Heimkehr. Sein Vater, Ingenieur und leidenschaftlicher Verfechter der Weltraumfahrt, arbeitete einst bei der Firma Balzers, bevor das Unternehmen unter dem Namen Balzers Vakuumtechnik bekannt wurde. Der Sohn verbrachte seine Kindergartenjahre in Balzers und die ersten drei Grundschuljahre in Vaduz, unweit des heutigen Universitätsgeländes. „Ich habe Wurzeln hier», sagte Kleber. Den Kontakt zu Liechtenstein hatte die Botschafterin Isabel Frommelt hergestellt, mit der ihn inzwischen eine Freundschaft verbindet.
Sein Vater, der mit 95 Jahren verstorben ist, habe er zu spät nach den kleinen Geschichten aus jener Zeit ausfragen können. Heute lese er das Buch von Matthias Ostfeld über Ebenholz und spüre die Atmosphäre von damals wieder – einer Zeit, in der Liechtenstein vom Agrarland zur Technologie- und Finanzwirtschaft wurde.
Den Kern seines Vortrags bildete eine persönliche Erinnerung. Am 7. Dezember 1988 sass Kleber im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus – am nächsten Tag sollte seine zweite Tochter zur Welt kommen. Im Radio lief eine Live-Übertragung aus New York. Michail Gorbatschow hielt vor der Uno-Vollversammlung eine Rede, die Kleber noch heute wörtlich im Gedächtnis hat: „Die Sowjetunion würde Schluss machen mit dem Zeitalter der Kriege, der Konfrontationen und der regionalen Konflikte, mit der Aggression gegen die Natur, mit dem Terror, den Hungersnöten und dem Elend sowie dem politischen Terrorismus.» Gleichzeitig kündigte Gorbatschow den einseitigen Rückzug Tausender Panzer und Zehntausender Soldaten aus der DDR und Polen an.
„Für mich war es einfach nur ein wunderbarer Tag, um ein Kind auf die Welt zu bringen», sagte Kleber. Elf Monate später erlebte er in Berlin den Fall der Mauer.
Das goldene Zeitalter – und sein Ende
Was folgte, beschrieb Kleber als die friedlichsten Jahrzehnte der modernen Geschichte. Im vergangenen Jahrhundert hätten die Staaten die Hälfte ihrer Ausgaben für Rüstung aufgewendet; dieser Anteil sank in Europa auf unter drei Prozent. Die freiwerdenden Mittel flossen in Bildung, Forschung, soziale Programme und Klimaschutz. Klebers eigene Karriere – als Korrespondent in Washington unter Reagan, Bush, Clinton, nach dem 11. September, unter Obama – spielte sich in dieser Ära ab, die er als Privileg empfindet.
Dann der 24. Februar 2022. Annalena Baerbock habe es am treffendsten formuliert, sagte Kleber: Man sei in einer anderen Welt aufgewacht. „Aufgewacht heisst ja auch, dass wir vorher geschlafen haben» – und das sei ein wichtiger Teil der Erklärung. Wer die Versprechen Gorbatschows für bare Münze genommen habe, der habe sich Illusionen hingegeben.
Kleber schilderte, wie er in Dokumentationsfilmen die grossen Themen unserer Zeit untersucht hatte: Atomwaffen im 21. Jahrhundert, globale Ernährungssicherheit, der Klimawandel in seinen militärischen und wirtschaftlichen Dimensionen. Doch das möglicherweise folgenreichste Thema sei die digitale Revolution. Noch sei die Gesellschaft nicht im Reinen damit, wie Facebook, Instagram und TikTok politische Stimmungen formen – und schon stehe mit der künstlichen Intelligenz eine hundertfach mächtigere Entwicklung vor der Tür. „Das Raketenauto, mit dem wir nach vorne fahren, hat das Lenkrad verloren», sagte Kleber.
Zur Wiederwahl Donald Trumps bekannte Kleber eine seltene Selbstkritik. Anfang 2024 hatte er in der Sendung von Maybrit Illner erklärt, Trump werde die Wahl nicht gewinnen – ein Serienverlierer werde von den erfolgsgierigen Amerikanern nicht zurückgeholt. Es war ein Fehler, den er heute offen einräumt.
Das Phänomen Trump sei aber mehr als eine Wahlniederlage der Demokraten. Steve Bannon, einst Trumps Stratege, habe sein Ziel einmal unverhüllt benannt: „Flood the zone with shit» – so viel Verwirrung und Desinformation verbreiten, dass die Menschen nicht mehr wissen, woran sie sind, und sich vom politischen Geschehen abwenden. Diese innere Abkehr, warnte Kleber, komme denjenigen zugute, die ungestört handeln wollen.
Am Ende des Abends stand keine einfache Antwort – aber eine klare Botschaft: Wer versteht, wie die Welt in die Lage geraten ist, in der sie sich heute befindet, ist besser gerüstet, ihr zu begegnen. Die Campus Gespräche 2026 haben dazu ihren Beitrag geleistet.

