Was hat der Glasfaserausbau wirklich gebracht?
Liechtenstein hat als eines der wenigen Länder der Welt sein Glasfasernetz auf Basis einer vollständigen vertikalen Trennung des Telekommarktes ausgebaut. Was das konkret gebracht hat, zeigt eine neue wissenschaftliche Untersuchung: Die Qualität ist dramatisch gestiegen, die Preise sind moderat geblieben – und die schlimmsten Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet.
Einzigartiges Modell unter der Lupe
Ramon Gmür, Ökonom bei Swiss Economics und Doktorand an der Universität Zürich, hat im Rahmen seiner Dissertation erstmals systematisch ausgewertet, wie sich der landesweite FTTH-Glasfaserausbau auf den Liechtensteiner Internetmarkt ausgewirkt hat. Die Untersuchung entstand in Zusammenarbeit mit dem Amt für Kommunikation (AK) und den Liechtensteinischen Kraftwerken (LKW), die Gmür mit Markt- und Angebotsdaten unterstützten.
Ausgangspunkt ist Liechtensteins besonderes Telekommodell: Die Netzinfrastruktur liegt beim LKW, der das Glasfasernetz als neutraler Betreiber verwaltet. Alle Internetanbieter mieten Zugang zu denselben Konditionen – kein Anbieter hat einen Infrastrukturvorteil gegenüber seinen Konkurrenten. In Europa ist das eine Ausnahme; in den meisten Ländern dominiert ein historisch gewachsener Incumbent, der Netz und Endkundengeschäft in einer Hand hält.
Ob dieses Modell wirklich funktioniert, war lange umstritten. Kritiker befürchteten, dass ohne Infrastrukturwettbewerb zu wenig investiert werde, die Qualität stagniere und die Preise steigen würden. Gmürs Untersuchung gibt auf alle drei Fragen eine klare Antwort.
Wie der Glasfaseranschluss den Markt verändert
Gmür nutzte den schrittweisen Rollout des Glasfasernetzes für seine Analyse. Da einzelne Haushalte zu unterschiedlichen Zeitpunkten angeschlossen wurden, lässt sich exakt messen, was sich im Moment des Anschlusses am Markt verändert. Diesen wissenschaftlichen Ansatz nennt man „Difference-in-Differences» – er gilt als besonders belastbares Verfahren, um Ursache und Wirkung zu trennen.
Das Ergebnis ist eindeutig: Mit dem Glasfaseranschluss steigen die Marktpreise um durchschnittlich rund fünf Franken pro Monat – gleichzeitig schnellt die gebuchte Downloadgeschwindigkeit um rund 400 Mbit/s nach oben. Kunden wechseln also nicht einfach zum gleichen Preis auf eine schnellere Leitung. Sie wählen bewusst leistungsfähigere Pakete, die vorher nicht verfügbar waren.
Preis pro Mbit/s sinkt um 70 Prozent
Der wichtigste Befund betrifft das Preis-Leistungs-Verhältnis. Der Preis pro Mbit/s ist nach dem Glasfaseranschluss um rund 70 Prozent gesunken. Hochgeschwindigkeit ist schlicht viel günstiger geworden. Gmür erklärt das mit einer veränderten Angebotsstruktur: Die Preisabstände zwischen den Tarifstufen sind kleiner geworden. Wer früher für einen Hochleistungsanschluss deutlich mehr zahlte als für einen Standardanschluss, findet heute beide Optionen in einem engeren Preisgefüge.
Das moderate Wachstum der Marktpreise ist nach Gmürs Einschätzung damit weniger auf Preiserhöhungen der Anbieter zurückzuführen als auf das veränderte Nachfrageverhalten der Kunden, die nun tatsächlich mehr Leistung buchen.
Die erste grosse Sorge – mangelnde Investitionsbereitschaft ohne Infrastrukturwettbewerb – hat sich schlicht nicht bestätigt. Das Glasfasernetz wurde flächendeckend ausgebaut, Kupfer vollständig abgelöst. Der gesicherte Businesscase des LKW, der Wholesale-Einnahmen aus einem einzigen Netz erzielt, hat offenbar eher für Investitionssicherheit gesorgt als ein paralleler Netzausbau es getan hätte.
Die zweite Sorge betraf den Qualitätswettbewerb: Ohne Infrastrukturwettbewerb, so das Argument, fehlten den Anbietern die Anreize, sich zu verbessern. Doch auch hier zeigen die Daten das Gegenteil. Weil alle Anbieter dieselbe Infrastruktur nutzen, verlagert sich der Wettbewerb auf Preis, Qualität und Positionierung im Endkundenmarkt – mit spürbarem Ergebnis.
Die dritte Sorge galt einem möglichen Preisschock für die Haushalte. Der beobachtete Anstieg von rund fünf Franken ist moderat und grösstenteils durch die Nachfrage der Kunden erklärbar, nicht durch Preistreiberei der Anbieter.
Liechtenstein als Vorbild
Gmür zieht eine positive Gesamtbilanz. Liechtenstein verfügt über ein landesweites Hochleistungsnetz, das unabhängig vom Endkundenwettbewerb gebaut und betrieben wird. Alle Anbieter haben zu gleichen Bedingungen Zugang, Markteintrittsbarrieren sind weitgehend beseitigt. Und die Haushalte profitieren von einer Qualitätssteigerung, die mit einem massvollen Preisanstieg einhergeht.

