Schuldenkrise als globale Sicherheitsbedrohung

Schuldenkriese als globale Herausforderung

Die internationale Schuldenkrise entwickelt sich zunehmend zu einer Bedrohung für die globale Sicherheit. Dies war die zentrale Warnung einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion an der Münchner Sicherheitskonferenz, bei der führende Vertreter internationaler Finanzinstitutionen und Entwicklungsorganisationen die dramatischen Auswirkungen der Verschuldung auf Stabilität und Entwicklung diskutierten.

Alarmierender Anstieg der Schuldenlast

Die Zahlen, die Rebeca Grynspan, Generalsekretärin der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), präsentierte, sind besorgniserregend: Mittlerweile leben 4,4 Milliarden Menschen in Ländern, deren Regierungen mehr für den Schuldendienst ausgeben als für Gesundheit oder Bildung – eine Erhöhung um 100 Millionen Menschen allein in jüngster Zeit. 2023 zahlten Entwicklungsländer 847 Milliarden Dollar an Nettozinsen, ein Anstieg von 26 Prozent in nur zwei Jahren.

«Die Situation verbessert sich nicht, sie verschlechtert sich», warnte Grynspan. Als Gründe nannte sie stagnierende Zinssenkungen, ausbleibendes Wirtschaftswachstum und Handelsstörungen, die gerade die verwundbarsten Länder am härtesten treffen.

María Fernanda Espinosa Garcés, ehemalige ecuadorianische Aussenministerin, machte die sicherheitspolitische Dimension deutlich: «Neun von zehn Ländern mit dem niedrigsten Index menschlicher Entwicklung befinden sich derzeit in Konflikten. Das ist kein Zufall.» Die Schuldenkrise führe zu einer Erosion des Sozialvertrags zwischen Staaten und ihren Bürgern, was Legitimität untergrabe und Instabilität befördere.

Eine globale, nicht nur regionale Krise

Vera Songwe, Gründerin und Vorsitzende der Liquidity and Sustainability Facility, stellte eine wichtige Perspektive heraus: «Die Schuldenkrise beginnt in Amerika und geht dann in den globalen Süden.» Sie verwies darauf, dass die USA mit 125 Prozent Schulden im Verhältnis zum BIP und die G7-Staaten mit durchschnittlich über 100 Prozent selbst hochverschuldet seien. Die USA zahlten allein 689 Milliarden Dollar an Zinsen.

«Solange die G7 nicht wächst, ist es sehr schwierig für die einkommensschwachen Länder», erklärte Songwe. Sie forderte bessere makroökonomische Disziplin in den entwickelten Ländern, damit diese nicht die Zinssätze erhöhten, unter denen der Rest der Welt leide.

Komplexität erschwert Umschuldungen

Odile Renaud-Basso, Präsidentin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), beschrieb die zunehmende Komplexität der Schuldenstrukturen als zentrales Hindernis für effektive Umschuldungen. Anders als früher, als hauptsächlich mit dem Pariser Club verhandelt werden musste, gebe es heute eine Vielzahl von Akteuren: Anleihegläubiger, private Kreditgeber und grosse bilaterale Gläubiger ausserhalb traditioneller Mechanismen.

Der Gemeinsame Rahmen (Common Framework) der G20 sei zwar der richtige Ansatz, arbeite aber zu langsam. Songwe kritisierte, dass Länder wie Sambia sechs Jahre im Prozess festsässen, obwohl sie eigentlich nur ein Liquiditätsproblem hätten.

Transparenz und neue Instrumente gefordert

Mehrere Diskussionsteilnehmer forderten mehr Transparenz bei Kreditverträgen. Songwe prangerte an, dass Banken an der New Yorker Fifth Avenue Vertraulichkeitsklauseln in Schuldverträge aufnähmen.

Grynspan kündigte an, dass UNCTAD an einem «Schuldnerclub» arbeite – einem Forum, in dem verschuldete Länder voneinander lernen und ihre Verhandlungsposition stärken könnten.

Renaud-Basso betonte die Bedeutung der Mobilisierung inländischer Ressourcen, da viele einkommensschwache Länder Steuereinnahmen von unter 15 Prozent des BIP erzielten. Zudem müssten multilaterale Entwicklungsbanken ihre Kapazitäten erhöhen und mehr private Investitionen mobilisieren.

Drastischer Rückgang der Entwicklungshilfe verschärft die Lage

Suzman wies darauf hin, dass die Krise durch drastische Kürzungen der öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA) verschärft werde. Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und die USA hätten ihre Entwicklungshilfe in den vergangenen Jahren deutlich reduziert – insgesamt um Dutzende Milliarden Dollar.

«Am Ende ist dies nicht nur eine makroökonomische Krise, sondern eine Krise der Solidarität», resümierte Moderatorin Espinosa Garcés. Die konzessionären Mittel und Zuschüsse müssten vor allem in langfristige öffentliche Güter wie Gesundheit und Bildung fliessen – Investitionen in das Humankapital der nächsten Generation, deren Erträge sich erst über Jahrzehnte zeigten.

Die Diskussion machte deutlich: Die globale Schuldenkrise erfordert dringend systematische Lösungen, mehr Transparenz und eine Rückbesinnung auf internationale Solidarität – bevor aus einer Entwicklungskrise eine noch grössere Sicherheitskrise wird.

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