Nachrichten-Dämmerung oder digitaler Aufbruch? Wie wir uns im Jahr 2035 informieren
Die Medienlandschaft steht vor einem Epochenwandel. Eine umfassende Studie des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich analysiert die Informationswelt im Jahr 2035, die von einer tiefgreifenden Digitalisierung, dem Vormarsch Künstlicher Intelligenz (KI) und einer drohenden gesellschaftlichen Spaltung geprägt sein wird. Während das gedruckte Papier zum exklusiven Luxusgut avanciert, kämpft der professionelle Journalismus um seine Sichtbarkeit gegenüber globalen Tech-Plattformen.
Das Reichweitenproblem: Eine Gesellschaft spaltet sich
Die Befunde der Forschenden weisen auf ein wachsendes Reichweitenproblem hin: Die Nutzung von Nachrichten ist rückläufig. In der Schweiz hat der Anteil der sogenannten „News-Deprivierten“ – also Menschen, die unterdurchschnittlich wenig Nachrichten konsumieren – massiv zugenommen und lag 2024 bereits bei 46 %. Experten warnen vor einer zunehmenden Zweiteilung der Bevölkerung in eine Gruppe von gut informierten Intensivnutzern und eine breite Masse, die Nachrichten nur noch gelegentlich oder gar nicht mehr nutzt. Besonders bei den 18- bis 24-Jährigen gaben 2024 nur noch 26 % an, explizit an News interessiert zu sein.
Der Abschied vom Papier und die neue „Digitalheimat“
Bis zum Jahr 2035 wird sich die Mediennutzung fast vollständig in den digitalen Raum verlagert haben. Gedruckte Zeitungen werden nicht gänzlich verschwinden, sich aber zu einem teuren „Edelprodukt“ entwickeln, das eher wöchentlich als täglich erscheint. Auch das lineare Fernsehen verliert rapide an Bedeutung, da junge Generationen On-Demand-Inhalte bevorzugen.
Für die Medienhäuser lautet die Strategie: „Digitale Heimaten“ schaffen. Anstatt sich blind auf soziale Netzwerke zu verlassen, müssen Verlage ihre Nutzer konsequent auf eigene Apps und Plattformen zurückführen. Diese eigenen Kanäle gelten als Vertrauensanker, da sie in einer Welt voller manipulierbarer Inhalte die Verifizierbarkeit der Quelle garantieren.
Künstliche Intelligenz: Innovationstreiber und Existenzbedrohung
KI wird bis 2035 alle Bereiche der Medienproduktion durchdrungen haben. Sie ermöglicht hochgradig personalisierte News-Assistenten und effizientere Prozesse bei der Inhaltserstellung. Doch die Technologie birgt eine existenzielle Gefahr: das sogenannte „Zero-Click“-Verhalten. Nutzer erhalten ihre Informationen direkt von KI-Chatbots, ohne jemals die Website des ursprünglichen Medienhauses zu besuchen. Dadurch gehen den Verlagen wertvoller Traffic und Werbeeinnahmen verloren, während KI-Anbieter von der Reputation hochwertiger journalistischer Quellen profitieren.
Vertrauen als Währung der Zukunft
In einer von synthetischen Inhalten gefluteten Welt wird Medienvertrauen zur entscheidenden Schlüsselressource. Professioneller Journalismus geniesst einen Vertrauensbonus gegenüber KI-generierten Inhalten, den Medien durch Transparenz und Qualität sichern müssen. Journalisten sollten dabei als „authentische und erfahrbare Persönlichkeiten“ sichtbarer werden, um eine engere Bindung zum Publikum aufzubauen.
Politik und Markt: Kooperation statt Konfrontation
Ein Umdenken wird auch im Wettbewerb gefordert. Die Studie betont, dass nicht öffentliche Anbieter wie die SRG das Hauptproblem der privaten Medien sind, sondern die globalen Tech-Plattformen, die den Werbemarkt dominieren. Experten raten daher zu mehr Kooperationen zwischen privaten und öffentlichen Medien, etwa beim Aufbau gemeinsamer technischer Infrastrukturen oder Login-Allianzen.
Medienpolitisch rückt ein Leistungsschutzrecht in den Fokus, um sicherzustellen, dass Tech-Giganten und KI-Anbieter die Verlage für die Nutzung ihrer Inhalte fair entschädigen. In der Bevölkerung stossen solche Forderungen auf Sympathie: Rund 45 % der Befragten befürworten eine Entschädigungspflicht für Plattformen.
Fazit: Der Nutzwert entscheidet
Der Journalismus von 2035 muss seinen persönlichen Nutzwert für den Alltag der Menschen radikal in den Vordergrund stellen. Ob durch die Bündelung von News mit Lifestyle-Angeboten oder den Einsatz von KI für neue Erzählformen – nur wer es schafft, unverzichtbarer Begleiter in einer komplexen Informationswelt zu bleiben und gleichzeitig das Bewusstsein für den Wert des Journalismus durch Förderung der Medienkompetenz zu stärken, wird langfristig überleben.

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