Amnesty International Liechtenstein lud gestern zu einem Vortrag über Menschenrechtsverletzungen in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten. Alexandra Karle, Geschäftsleiterin von Amnesty International Schweiz, präsentierte die jahrelange Recherchearbeit der Organisation.
Systematische Dokumentation seit Jahren
Amnesty International untersucht die Region seit vielen Jahren. Die Organisation sammelt Beweise, führt Interviews und analysiert visuelles Material. Karle erläuterte, wie Amnesty mit seinen Recherchen Politik und Öffentlichkeit informiert.
Die Referentin stellte mehrere Berichte vor. Ein zentraler Bericht aus dem Jahr 2022 dauerte vier Jahre in der Vorbereitung. Die Recherchen umfassten Gespräche mit 215 betroffenen Menschen, lokalen Behörden sowie zahlreichen Ärzten und Krankenpflegern.
Völkerrechtliche Einordnung im Fokus
Karle erklärte völkerrechtliche Definitionen und internationale Konventionen. Sie verwies auf die Anti-Apartheid-Konvention von 1973 und das Römer-Statut des Internationalen Strafgerichtshofs. Diese Dokumente bilden die Grundlage für die Arbeit von Amnesty.
Die Organisation dokumentiert verschiedene Handlungen: Zwangsvertreibungen, Administrativhaft, aussergerichtliche Tötungen und den Entzug grundlegender Rechte. Karle zeigte Landkarten, die das Westjordanland mit seinen Checkpoints und militärischen Sperrzonen darstellen.
Zahlen aus dem Westjordanland
Karle nannte konkrete Daten aus dem Zeitraum 2018 bis 2022. Im Negev zerstörten Behörden 7.831 Gebäude in 35 Dörfern. Im Westjordanland vertrieben sie 4.323 Menschen und zerstörten 3.500 Häuser. Gleichzeitig genehmigte die israelische Regierung über 10.000 neue Wohneinheiten für israelische Siedler.
Die Referentin erwähnte den Oscar-prämierten Dokumentarfilm «No Other Land». Er zeigt die Zerstörung von Häusern und die Vertreibung von Menschen in diesem Zeitraum. Der Film entstand als Kooperation zwischen einem palästinensischen Aktivisten und einem israelisch-jüdischen Journalisten.
Situation in Gaza
Nach dem 7. Oktober 2023 verschärfte sich die Lage dramatisch. Karle berichtete von der humanitären Katastrophe. Anfang 2024 blockierte Israel zeitweise komplett die Hilfsgüter. Menschen verhungerten. Ärzte mussten Kinder ohne Narkosemittel operieren.
Der Internationale Gerichtshof warnte bereits Anfang 2024 vor der Gefahr eines Völkermordes. Er forderte Israel auf, die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Amnesty analysierte 100 Aussagen israelischer Politiker und Militärs. Die Organisation konfrontierte die israelischen Behörden mit den Rechercheergebnissen, erhielt aber keine Antwort.
Westjordanland eskaliert weiter
Die Gewalt im Westjordanland eskalierte in den vergangenen zwei Jahren. Täglich entstehen neue Siedlungen. Israel deklariert laufend neue militärische Zonen. Wer diese Gebiete betritt, macht sich strafbar. Häuser, Vieh und Landwirtschaft werden zerstört.
Auch nach dem Waffenstillstand bleibt die Lage angespannt. Am Wochenende vor der Veranstaltung starben über 100 Zivilisten in Gaza, darunter viele Kinder. Hilfsorganisationen werden weiterhin behindert. Hilfsgüter stapeln sich an Grenzübergängen. 15.000 schwerverletzte Menschen warten auf Evakuierung.
Politische Forderungen
Amnesty fordert konkrete Schritte. Alle Länder sollen die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs umsetzen. Die humanitäre Hilfe in Gaza muss zugelassen werden. Der Handel mit Siedlungen und entsprechenden Unternehmen soll verboten werden.
Karle kritisierte die Schweizer Regierung. Der Bundesrat halte sich zurück bei der klaren Benennung von Völkerrechtsverstössen. Die Anti-Apartheid-Konvention verpflichte aber alle Staaten zum Handeln.
Dialog trotz Polarisierung
Die Referentin betonte die Bedeutung des Dialogs. Das Thema polarisiert weltweit. Menschen positionieren sich schnell für oder gegen eine Seite. Amnesty sucht das Gespräch mit palästinensischen Menschenrechtsorganisationen genauso wie mit Vertretern jüdischer Gemeinschaften.
Karle verwies auf junge jüdische Menschen in der Schweiz, die die Politik der israelischen Regierung kritisch sehen. Sie möchten diese Politik nicht mittragen. Der Dialog bleibe wichtig, auch wenn nicht alle einer Meinung seien.
