Fiverr: Wie künstliche Intelligenz einem Milliardenunternehmen den Boden entzieht

PC

Ein Logo für ein paar Dollar, ein Werbetext über Nacht, eine Übersetzung bis morgen früh: Mit diesem Versprechen ist die israelische Freelancer-Plattform Fiverr gross geworden. Genau solche Aufträge erledigen heute KI-Programme wie ChatGPT in Sekunden – und Fiverr laufen die Kunden davon. Ende Juni 2026 zählte die Plattform noch 2,7 Millionen aktive Käufer, 21,9 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Der Umsatz im zweiten Quartal 2026 sank um 10 Prozent auf 97,8 Millionen Dollar. Im Kerngeschäft, dem klassischen Marktplatz für Kleinaufträge, betrug das Minus sogar 15,5 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet Fiverr nur noch mit 356 bis 372 Millionen Dollar Umsatz. Zu Jahresbeginn hatte das Unternehmen noch 380 bis 420 Millionen in Aussicht gestellt. Begründet wird die Korrektur ausdrücklich mit KI-bedingten Einbrüchen bei Nachfrage und Besucherzahlen.

Vom Pandemie-Gewinner zum Sorgenkind

Dabei war Fiverr noch vor wenigen Jahren ein Börsenliebling. Während der Corona-Lockdowns suchten Millionen Menschen nach Verdienstmöglichkeiten im Internet, und Unternehmen lagerten Arbeit an Freelancer aus. 2020 stieg der Umsatz um 77 Prozent auf 189,5 Millionen Dollar, 2021 nochmals um 57 Prozent. Die Zahl der aktiven Käufer kletterte auf 4,2 Millionen, im Februar 2021 schaltete Fiverr erstmals einen Werbespot während des Super Bowl. Die Aktie stieg innerhalb eines Jahres von rund 20 auf über 300 Dollar, der Börsenwert auf mehr als 11 Milliarden Dollar.

Mit dem Ende der Pandemie flachte das Wachstum ab: 2022 legte der Umsatz noch um 13 Prozent zu, 2023 um 7,1 Prozent. Gleichzeitig schrieb das Unternehmen Verluste, 2022 rund 71,5 Millionen Dollar.

ChatGPT trifft das Kerngeschäft

Im November 2022 kam ChatGPT auf den Markt. Bilder, Texte und sogar ganze Websites liessen sich plötzlich ohne menschliche Auftragnehmer erstellen – genau jene Kleinaufträge, von denen Fiverr lebte. Das Unternehmen versuchte, die Entwicklung für sich zu nutzen: 2023 führte es eigene KI-Kategorien ein, Anfang 2025 folgte Fiverr Go, mit dem Freelancer eigene KI-Modelle auf ihre Arbeit trainieren und mit Kunden interagieren lassen können. Im September 2025 strich Fiverr rund 250 Stellen, etwa 30 Prozent der Belegschaft, um sich zu einem „KI-first“-Unternehmen umzubauen.

Aufhalten liess sich der Abfluss damit nicht. Im Aktionärsbrief zum zweiten Quartal 2026 benennt das Management die Ursache selbst: Die zunehmende Verbreitung von KI drücke auf das Geschäft mit grossen Mengen an kleinen, günstigen Aufträgen. Besonders betroffen sind Texten und Übersetzen, wo die Zahl der Transaktionen um mehr als 24 Prozent einbrach.

Auffällig ist, dass die verbliebenen Kunden mehr ausgeben. Die jährlichen Ausgaben pro Käufer stiegen um 15,6 Prozent auf 368 Dollar. Was auf den ersten Blick positiv wirkt, zeigt vor allem, wer geht: Es sind die Kunden mit kleinen Budgets. Wer früher für ein paar Dollar ein Logo oder einen Text bestellte, lässt diesen heute von einer KI erstellen.

Flucht in grössere Aufträge

Fiverr setzt deshalb auf einen Strategiewechsel. Statt um Millionen von Kleinstaufträgen zu kämpfen, will die Plattform zur Anlaufstelle für grössere und komplexere Projekte von Unternehmen werden. Erste Signale gab es im ersten Quartal 2026: Die Zahl der Kunden, die Projekte im Wert von mindestens 1000 Dollar abschlossen, stieg um 18 Prozent. Das Dienstleistungsgeschäft, zu dem Werbeangebote und Abonnemente für Verkäufer gehören, wuchs um 30 Prozent auf 38,4 Millionen Dollar.

Im zweiten Quartal kühlte sich dieses Wachstum jedoch auf 2 Prozent ab. Das neue Geschäft wächst damit vorerst nicht schnell genug, um die Verluste im alten auszugleichen.

Der Umbau trifft auch die Freelancer selbst. Um die Qualität für Geschäftskunden zu erhöhen, hat Fiverr seinen Suchalgorithmus überarbeitet. Manche etablierte Verkäufer mit Tausenden abgeschlossenen Aufträgen verloren dabei ihre Platzierung und wurden faktisch wie Neulinge behandelt.

Sechs Quartale Geduld

An der Börse sorgt vor allem der Zeithorizont für Unruhe. Laut Fiverr wird es mindestens sechs Quartale dauern, bis sich die Neuausrichtung vollständig in den Zahlen niederschlägt. Finanzchefin Esti Levy-Dadon begründete die gesenkte Prognose mit der Zeit, die der Umbau brauche. In der Telefonkonferenz mit Analysten wurde die Frage gestellt, wie das Unternehmen sicher sein könne, dass in diesem Zeitraum nicht weitere Entwicklungssprünge bei KI-Werkzeugen das Geschäft zusätzlich unter Druck setzen.

Ganz am Ende ist Fiverr allerdings nicht. Das Unternehmen erwirtschaftete im zweiten Quartal einen freien Cashflow von 13,6 Millionen Dollar und erwartet für 2026 ein bereinigtes Betriebsergebnis vor Abschreibungen (EBITDA) von 52 bis 62 Millionen Dollar. Obsolet geworden ist bisher nicht das Unternehmen, sondern das Geschäftsmodell, mit dem es gross wurde.

werbung_3