50 Jahre Pfrundbauten Eschen: Wie fünf Stimmen das Wahrzeichen retteten
Mit einem Festakt haben die Gemeinde Eschen-Nendeln und ihre Kulturkommission 50 Jahre Pfrundbauten gefeiert. Regierungschef-Stellvertreterin Sabine Monauni und Patrik Birrer, Leiter des Amts für Kultur, erinnerten daran, wie knapp der Erhalt des Gebäudeensembles am Dorfplatz einst war – und was daraus für den Umgang mit Baukultur folgt.
Was heute als selbstverständliches Wahrzeichen von Eschen gilt, stand vor gut 50 Jahren zur Disposition. Nachdem 1967 das neue Pfarrhaus fertiggestellt worden war und 1968 die Gemeindekanzlei ausgezogen war, standen das ehemalige Pfarrhaus und die ehemalige Kaplanei östlich der Pfarrkirche St. Martin leer. Der Abbruch war eine ernsthaft diskutierte Option.
Dass es anders kam, verdankt sich engagierten Bürgern, die sich für den Erhalt der historischen Bauten einsetzten, einen Kulturkreis gründeten und eine breite öffentliche Diskussion anstiessen. Die Entscheidung fiel am 16. Dezember 1973 an der Urne – mit 185 zu 180 Stimmen. Fünf Stimmen Unterschied.
„Fünf Stimmen. Ab und zu braucht es nicht mehr“, sagte Sabine Monauni in ihrer Ansprache. „Aber es braucht Menschen, die den Weitblick und den Mut haben, für ihre Überzeugungen einzustehen.“ Die damaligen Initianten hätten erkannt, dass die Pfrundbauten mehr seien als alte Mauern: Sie besässen einen historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Wert für kommende Generationen.
1974 wurden die Bauten unter Denkmalschutz gestellt, 1975/76 folgte die Renovation. Seit 1976 dienen sie der Gemeinde als Veranstaltungsort für Ausstellungen, Konzerte, Lesungen und Vorträge.
Geschichte, die bis ins Jahr 842 zurückreicht
Monauni spannte den Bogen weit zurück: Eschen wird 842 erstmals urkundlich erwähnt, und über Jahrhunderte waren die Pfarrverhältnisse im Ort eng mit dem Kloster Pfäfers verknüpft. Bis heute verweist ein Wappenstein an den Pfrundbauten auf diese Verbindung. Das Ensemble erzähle deshalb nicht nur die Geschichte eines Dorfes, sondern auch die kirchlicher und gesellschaftlicher Strukturen des Landes.
Seit der Wiedereröffnung hätten sich die Pfrundbauten zu einem lebendigen Kultur- und Begegnungsort entwickelt, der weit über die Gemeindegrenzen hinaus ausstrahle. Historische Gebäude gewännen ihre Bedeutung aber nicht allein durch Alter oder Architektur, so die Regierungschef-Stellvertreterin: „Ihre eigentliche Bedeutung entsteht durch die Menschen, die sie mit Leben füllen.“
„Kulturerbe bleibt nicht einfach erhalten“
In seinem Festvortrag stellte Patrik Birrer die Frage, warum Denkmalschutz und Baukultur 50 Jahre nach der Rettung der Pfrundbauten nach wie vor wichtig für die Gesellschaft seien. Seine Antwort setzte beim Abstimmungsresultat an: „Kulturerbe bleibt nicht einfach erhalten. Es muss immer wieder von Menschen gewollt werden.“
In den 1970er-Jahren seien die Pfrundbauten keineswegs ein geschätztes Wahrzeichen gewesen – manche hätten sie als überholt oder gar als Hindernis für die Entwicklung des Dorfes empfunden. Denkmäler seien eben nicht automatisch wertvoll, nur weil sie alt sind: Ihr Wert müsse erkannt, erklärt und vermittelt werden.
Denkmalpflege betrachte heute nicht nur Alter, Schönheit oder architektonische Qualität, sondern ebenso soziale, wirtschaftliche und technische Aspekte. Ein Gebäude sei keine blosse Hülle aus Stein, Holz und Beton, sondern ein Geschichtsbuch, das jeder lesen könne: „Wir können Geschichte in Büchern lesen. Aber wir können Geschichte auch betreten.“
Denkmalpflege als Zukunftsaufgabe
Birrer warnte davor, Ortsbilder Stück für Stück dem kurzfristig Machbaren zu opfern. Ein einzelnes Gebäude möge verschwinden – verschwänden viele, verändere sich der Charakter eines ganzen Ortes. Denkmalschutz sei deshalb keine Angelegenheit einzelner Häuser, sondern betreffe Ensembles, Ortsbilder und Kulturlandschaften. Gerade für ein kleines Land wie Liechtenstein, in dem sich Bauten und Zentren immer stärker ähnelten, seien Orte wichtig, die sagen: Hier ist Eschen.
Vier Lehren zog der Leiter des Amts für Kultur aus den vergangenen fünf Jahrzehnten: Was heute selbstverständlich erscheine, sei es gestern nicht gewesen. Erhalten allein genüge nicht – ein Denkmal müsse genutzt und mit Leben gefüllt werden. Denkmalschutz und Entwicklung seien keine Gegensätze. Und gute Entscheidungen wirkten länger, als man denke: Wer 1973 für den Erhalt stimmte, konnte nicht wissen, welchen Stellenwert die Bauten im Jahr 2026 haben würden.
Denkmalpflege könne diese Aufgabe nicht allein bewältigen, betonte Birrer. Sie brauche Eigentümer, die Verantwortung übernehmen, Architekten und Handwerker, die Qualität suchen, Gemeinden, die ihre Ortsentwicklung bewusst gestalten – und eine Gesellschaft, die über den unmittelbaren Nutzen hinausdenke. Sein Fazit: „Vor 50 Jahren wurden die Pfrundbauten gerettet. Heute sind sie ein selbstverständlicher Teil des Ortes. Und vielleicht ist genau das der grösste Erfolg der Denkmalpflege.“

