Hyundai-Mitarbeiter streiken gegen KI
Beim südkoreanischen Autohersteller Hyundai haben die Beschäftigten am Freitag ihren ersten Vollstreik seit zehn Jahren begonnen. In den Werken Ulsan, Asan und Jeonju stand die Produktion einen ganzen Tag lang still. Rund 39 000 Gewerkschaftsmitglieder – Produktions- wie Büroangestellte – legten die Arbeit nieder. Weil sowohl die Frühschicht ab 6.45 Uhr als auch die Nachmittagsschicht ab 15.30 Uhr je acht Stunden streikten, ruhten die Fertigungslinien insgesamt 16 Stunden.
Es ist der erste ganztägige Ausstand seit dem 26. September 2016. Zuvor hatte die Gewerkschaft seit Verhandlungsbeginn am 6. Mai eine Serie von Teilstreiks zwischen zwei und sechs Stunden organisiert. Führung und Delegierte reisten am Freitag zudem zum Konzernsitz in Yangjae-dong in Seoul, um dort im Rahmen einer branchenweiten Kundgebung der Metallarbeitergewerkschaft KMWU direkten Druck auf das Management auszuüben.
Rentenalter und KI als Knackpunkte
Ausgelöst hat den Konflikt eine festgefahrene Tarifrunde. Die 16. Verhandlungsrunde am Montag – nach einer über vierzigtägigen Pause – endete erneut ohne Annäherung.
Die Gewerkschaft fordert eine Erhöhung des monatlichen Grundlohns um 149 600 Won (rund 86 000 CHF) zusätzlich zu den regulären Dienstalterszulagen sowie eine Erfolgsbeteiligung in Höhe von 30 Prozent des Konzerngewinns von 2025. Dazu kommen die Anhebung der Jahresboni von 750 auf 800 Prozent eines Monatsgrundlohns, ein vollständiges Monatslohnsystem, eine Viereinhalb-Tage-Woche, die Wiedereinstellung von Mitgliedern, die wegen rechtswidriger Handlungen bei früheren Gewerkschaftsaktionen entlassen wurden – und die Verlängerung des Rentenalters von heute 60 auf bis zu 65 Jahre, gekoppelt an den Bezugsbeginn der staatlichen Rente.
Der zweite grosse Streitpunkt ist die Automatisierung. Die Gewerkschaft verlangt Garantien für Beschäftigung und Arbeitsbedingungen angesichts des wachsenden Einsatzes künstlicher Intelligenz: formelle Verhandlungen, bevor Roboter eingeführt werden, und Einkommensschutz für die Belegschaft, wenn die Automatisierung ausgeweitet wird. Hintergrund ist, dass Hyundai den Roboterhersteller Boston Dynamics besitzt und ab 2028 humanoide Atlas-Roboter im US-Werk in Georgia einsetzen will – zunächst für repetitive Logistikarbeiten, später für anspruchsvollere Montageaufgaben.
Der Konzern stellt sich auf den Standpunkt, ein Robotereinsatz in den koreanischen Werken sei nicht Gegenstand der laufenden Verhandlungen. Man konzentriere sich auf das Werk in Georgia; über weitere Standorte werde später und im Dialog mit den jeweiligen Arbeitnehmervertretungen entschieden. Es sei unzutreffend, den aktuellen Streik primär auf Atlas zurückzuführen.
Angebot abgelehnt
In der 15. Verhandlungsrunde im Juli hatte Hyundai eine Erhöhung des Monatsgrundlohns um 89 000 Won angeboten, dazu einen Leistungsbonus von 350 Prozent des Monatsgrundlohns, zehn Millionen Won in bar und 15 Hyundai-Aktien pro Mitarbeiter. Die Gewerkschaft lehnte ab.
Gewerkschaftschef Lee Jong-cheol machte deutlich, dass er den Ball beim Unternehmen sieht: „Wir kehren erst an den Verhandlungstisch zurück, wenn das Unternehmen ein verbessertes Angebot vorlegt.“ Wann formelle Gespräche wieder aufgenommen werden, ist damit offen.
Das Management argumentiert, die Mittel für Boni seien begrenzt, für die Wiedereinstellung rechtmässig entlassener Mitglieder fehle jede rechtliche Grundlage, und beim Rentenalter könne ein einzelnes Unternehmen nicht vorpreschen, solange die Frage nicht politisch entschieden und gesetzlich verankert sei.
Die Gewerkschaft hält dagegen, der Konzern habe die Mittel längst: „Die einbehaltenen Gewinne von Hyundai Motor beliefen sich Ende letzten Jahres auf 101,3 Billionen Won, fast das Neunfache des Werts von 2007“, teilte sie mit. Eine Erhöhung der Boni um 50 Prozent sei keine überzogene Forderung, sondern eine Einlösung des eigenen Versprechens, dass Leistung belohnt werde. Die Mehrkosten einer Verlängerung des Rentenalters um zwei Jahre bezifferte sie auf höchstens 180 Milliarden Won jährlich – tragbar für ein Unternehmen mit einem Jahresgewinn von 13 Billionen Won.
Milliardenschaden und offene Eskalation
Der wirtschaftliche Schaden wächst rasch. Branchenschätzungen zufolge haben die Ausstände bislang rund 55 200 Fahrzeuge gekostet, gerechnet auf einen Stundenausstoss von etwa 460 Fahrzeugen. Das entspricht entgangenen Verkäufen von mehr als 2,3 Billionen Won oder rund 1,3 Milliarden Franken. Mit dem Freitagsstreik summiert sich die kumulierte Streikzeit über beide Schichten auf 120 Stunden.
Und es dürfte mehr werden: Für Montag und Dienstag sind erneut vierstündige Teilstreiks angesetzt, womit die Ausfallzeit auf 136 Stunden stiege – nach Berechnungen der Seoul Economic Daily ein Produktionsdefizit von rund 62 000 Fahrzeugen und ein Umsatzausfall von etwa 2,6 Billionen Won. Legt das Unternehmen kein neues Angebot vor, will die Gewerkschaft am 25. August ihr zentrales Streikkomitee einberufen und über eine weitere Eskalation entscheiden.
Für Hyundai kommt der Konflikt zur Unzeit: Etwa die Hälfte des weltweiten Fahrzeugvolumens wird in Südkorea gefertigt, und der Konzern wollte im zweiten Halbjahr mit neuen Modellen den schwächelnden Heimmarkt beleben. Bereits die Juli-Verkäufe litten unter den Teilstreiks.
Konfliktlinie über Hyundai hinaus
Der Arbeitskampf steht nicht allein. Die Metallarbeitergewerkschaft hatte ihre Mitglieder bei Zulieferern, Konzerntöchtern und anderen Autoherstellern zu Solidaritätsstreiks aufgerufen. Auch beim Stahlkonzern Posco spitzt sich die Lage zu: Nach dem Scheitern der Schlichtung hat die dortige Gewerkschaft das Recht auf Arbeitskampfmassnahmen erhalten – ein Streik wäre der erste seit der Gründung des Unternehmens 1968.
Die Forderung nach einem höheren Rentenalter fällt dabei auf politisch vorbereiteten Boden: In einem der am schnellsten alternden Länder der Welt hat Präsident Lee eine schrittweise Anhebung der Altersgrenze zugesagt. Was bei Hyundai verhandelt wird, dürfte deshalb weit über Ulsan hinaus Signalwirkung entfalten – ebenso wie der Versuch der Gewerkschaft, den Einsatz von KI und Robotern erstmals zum Gegenstand eines Tarifvertrags zu machen.

